Curling-Skandal
Beschuldigter Martin Rios: «Ich will mich nicht rausreden, aber...»

Am Montag erschütterte ein Skandal die Schweizer Curling-Szene: Es tauchte ein Video auf, welches belegt, dass Martin Rios beim letzten Stein im Kampf um die Olympia-Qualifikation mit dem Fuss nachhalf. Nun bezieht der Beschuldigte, im Interview Stellung zu den Vorwüfen.

Etienne Wuillemin
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Auf den Curlingrinks wird Fairness grossgeschrieben.

Auf den Curlingrinks wird Fairness grossgeschrieben.

KEYSTONE/AP/SHUJI KAJIYAMA

Am Dienstag hatte sich bereits der womöglich Betrogene, Mario Freiberger vom Curling-Club Limmattal, zum Vorfall geäussert. Der Urdorfer gab sich relativ gelassen ob den Ereignissen und zeigte sich über die hohen Wellen im sozialen Netz überrascht.

Die Curling-Szene spricht von einem Skandal. Sie sind der Hauptbeschuldigte. Haben Sie betrogen?

Martin Rios: Zuerst: Ein Betrug wäre meines Wissens ein Strafbestand. Das ist nicht der Fall. Hier geht es nur um eine strittige Spielsituation. Ich kann nur mein Statement auf den sozialen Medien wiederholen. Ich habe den Stein nicht willentlich berührt. Und ich habe nichts gespürt. Dazu kann ich zu 200 Prozent stehen.

Es gibt nun viele Leute, die Ihnen nicht glauben. Wie gehen Sie damit um?

In der Tat gibt es nun einige, die von mir ein Schuldeingeständnis rauszupressen versuchen. Dazu kann ich nur sagen: Ich wusste ganz genau, dass alles auf Video zu sehen ist. Ich wusste ganz genau, dass ich auf Youtube komme. Ich war dabei, als die Kameras installiert wurden. Das Video, das nun viral geht, ist kein zufälliges Handy-Video. Nein, es sind offizielle Bilder. Also wäre ich ja strohdumm, wenn ich absichtlich betrügen würde.

Ich wusste genau: Das Video wird zu sehen sein. Was mir Leid tut, ist, dass diese Geschichte die Schweizer Curling-Szene in Verruf bringt. Dass viele Mitspieler, Coaches und Gegner nun damit reingezogen wurden.

Nochmal: Sie bleiben bei Ihrer Version «keine Berührung»?

Sagen wir es so: Mit der allgemeinen Erkenntnis, dass der Stein berührt wurde, könnte ich sogar leben. Was mich aber stört, ist die Absichtsunterstellung. Es gibt auch einige Dinge, die mir in der ganzen Diskussion zu kurz gekommen sind. Es gibt eine einzige Kameraeinstellung. Wie häufig denken Sie beim Fussball bei einer strittigen Szene sofort: «Penalty!» Dann sehen Sie die Kamera von der Gegentribüne, und es wird klar: «Eindeutig Schwalbe!» Ich will mich nicht rausreden. Aber was wirklich war, werden wir wohl nie erfahren. Und ja, nochmals: Ich habe keine Berührung gespürt.

Martin Rios wird des Betrugs beschuldigt.

Martin Rios wird des Betrugs beschuldigt.

Keystone

Gibt es weitere Dinge, die Sie stören?

Ja. Die Diskussion in der Curling-Szene ist keineswegs nur negativ geprägt. Es gibt einige «alte Granden», die denken, ich hätte den Stein berührt. Andere Stimmen aber sagen: «Kann passieren, es ist unklar.» Diese sind aber gar nicht erst einbezogen worden. Der Journalist der «Sportinformation», der nie mit mir gesprochen hat, hat ein ziemlich einseitiges Bild konstruiert.

Es heisst, Sie haben sich im Anschluss an das Spiel überlegt, ein «forfait» anzubieten. Und der Verband habe das abgelehnt. Stimmt das?

Es ist tatsächlich so. Das steht auch in der offiziellen Mitteilung von Swiss Curling. Wir hatten aber vom Reglement her keine Möglichkeit mehr. Weil sowohl unserem Gegner, dem CC Limmattal, wie auch uns nichts aufgefallen ist während dem Spiel, haben wir beide das Matchblatt unterschrieben. Darum ist auch der nachträgliche Rekurs gegen die Wertung abgelehnt worden. Übrigens: Der Stein, der direkt nach unserem «folgenschweren» Stein gespielt wurde, wurde ebenfalls «abgelenkt» – weil Dreck auf dem Eis war. Es passierte fast an der identischen Stelle.

Egal, wie die Geschichte ausgeht, es werden offene Fragen zurückbleiben. Können Sie im nächsten Winter mit reinem Gewissen an den Olympischen Spielen teilnehmen?

Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Weil ich noch nicht weiss, ob wir überhaupt an die WM gehen. Wenn, dann aber mit gutem Gewissen.

Sie sind beim Verband angestellt. Und arbeiten mit jungen Spielern zusammen. Belasten Sie diese Vorwürfe?

Ja. Um es deutsch und deutlich zu sagen: Es gurkt mich grausam an. Dass ich, der aus meiner Sicht nichts Falsches getan hat, in die Scheisse gezogen werde. Ich sage nicht, das gesamte Universum ist gegen mich. Aber es tut weh. Trotzdem gibt es Dinge, die ich cool finde. Nämlich, dass ich von allen, mit denen ich zusammenarbeite, speziell von den Juniorenteams, positive Rückmeldungen erhalten habe.

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