Analyse

Belinda Bencic fällt monatelang aus: Wenn sie zurückkommt, muss sie von vorne beginnen

Belinda Bencic muss einen weiteren Rückschlag hinnehmen.

Belinda Bencic muss einen weiteren Rückschlag hinnehmen.

Es ist die Grossmutter, die am Wochenende zu Hause im Wohnzimmer das Werk vollendet: ein Puzzle, das den Pariser Eiffelturm zeigt. Belinda Bencic (20) hält den Moment in einer Videoaufnahme fest. Paris, das ist für sie in weite Ferne gerückt. Letzte Woche lässt sie sich am linken Handgelenk operieren, sie fällt mehrere Monate aus. Es ist der vorläufige Tiefpunkt ihres persönlichen Leidensweges. Ein Martyrium, das nun schon seit einem Jahr anhält. Scheint der Talboden erreicht, folgt die nächste Hiobsbotschaft.

Angefangen hat es im März 2016 mit einer Verletzung am Rücken, trotzdem spielt sie in der Folgewoche noch ein Turnier. Danach die niederschmetternde Diagnose: Anriss der Knochenhaut im Steissbein, zwei Monate Pause. Es folgen Blessuren an den Adduktoren und an beiden Handgelenken. «Ein Teufelskreis. Wenn eine Verletzung ausgeheilt war, kam gleich die nächste. Du denkst, das Universum hasst dich. Es war wie ein Albtraum», sagt die 20-Jährige selber im Interview.

Neben dem Körper hält Bencic auch der Prozess der Loslösung vom Elternhaus auf Trab. Er geschieht vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Und die junge Frau muss Entscheidungen erklären, die nicht zu erklären sind, weil sie oft aus dem Bauch heraus gefällt werden. Wohl auch darum reist sie im letzten Winter Hals über Kopf aus der Schweiz ab, wo sie sich bei Martina Hingis’ Mutter Melanie Molitor auf die neue Saison hatte vorbereiten wollen. Die Trainerin moniert danach, Bencic habe sich nicht erklärt. Sie habe danach wochenlang nichts mehr gehört.

Offensiver geht Bencic inzwischen damit um, dass sie in ihrem Vater Ivan immer weniger den Trainer sieht. Dass er sie nur noch sporadisch an Turniere begleite, sei ein Entscheid, den sie gemeinsam gefällt hätten. «Papa ist auch nicht davon ausgegangen, dass er mich ewig begleiten wird», sagt das einst grösste Talent im Frauen-Tennis. Doch mit einem radikalen Schnitt tun sich beide schwer. «Ohne ihn geht es nicht, ich brauche ihn», sagt Bencic. «Aber nicht mehr so sehr wie früher.»

Belinda Bencic nabelt sich von ihrem Vater Ivan ab – zumindest teilweise.

Belinda Bencic nabelt sich von ihrem Vater Ivan ab – zumindest teilweise.

Bei der Verpflichtung von Trainer Maciej Synowka machten es Vater und Tochter zur Bedingung, dass die Spielerin «in ihrem System» bleiben kann, wie sie es selber formuliert. Heisst: Für technische Belange ist noch immer Vater-Trainer Ivan Bencic zuständig. Ein Teufelskreis. Synowka dürfte wohl mehr Organisator, Trainingspartner und Begleiter als Trainer gewesen sein. Gewesen sein. Denn ein fester Arbeitsvertrag, das ist Usus, hat nie bestanden. Sich äussern wollte oder durfte er nie. Dass er nun monatelang auf Bencic wartet, ist unwahrscheinlich.

Ihr steht in den kommenden Monaten die grösste Herausforderung ihres jungen Lebens bevor. Ein Leben, das sich bisher um die immer selben Fragen gedreht hat: «Wie beherrsche ich in diesem Rechteck mit dem Netz und den Kreidelinien Ball und Gegnerin?» Ihr steiler Aufstieg an die Weltspitze hat ihr die Zeit geraubt, sich mit anderen Fragen zu beschäftigen. Schied sie irgendwo aus, war sie kurz darauf schon auf dem Weg zum nächsten Turnier, zum nächsten Trainingsplatz.

Es sind Fragen, die Belinda Bencic schon in den letzten Wochen beschäftigt haben. Solche, die sich die meisten 20-Jährigen stellen: Was will ich im Leben? Wozu tue ich mir das an? Welche Opfer bin ich bereit zu erbringen? Als sie zuletzt pausieren musste, begann sie zu malen. Sie machte Yoga und besuchte einen Tanzkurs. «Ein normales Leben zu führen, wäre nichts für mich. Mein Leben passt zu mir.» Doch wenn sie im Herbst zurückkehrt, ist ihr Leben eines ohne Privilegien. Das Ranking reicht nicht einmal mehr für Qualifikations-Teilnahmen.

Bencic muss wieder von vorne beginnen. Im Fokus der Öffentlichkeit, ohne Vertrauen in den Körper, begleitet von Zweifeln, auf der Suche nach der Balance zwischen Fremd- und Selbstbestimmung. Und mit der Frage im Kopf, ob es das ist, was sie will. Die Antwort darauf entscheidet mit darüber, ob sie 2018 in Paris spielt. Oder das Eiffelturm-Puzzle für ihr Leben symbolischen Charakter erhält.

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