FC Basel

Kochen, Yoga und Emotionen sortieren: Valentin Stocker gewährt Einblick in sein Home-Office

"Ich sehe das auch als Chance", sagt Valentin Stocker zur Coronasituation.

"Ich sehe das auch als Chance", sagt Valentin Stocker zur Coronasituation.

Auch der FC Basel befindet sich im Home-Office. Im Telefon-Gespräch erzählt Valentin Stocker, wie er seine Zeit verbringt, wieso er nicht ausschläft, obwohl endlich Mal Zeit dafür wäre und was ihm nach zwölf Jahren als Profi-Fussballer nun am meisten fehlt.

Er ist zu früh dran. Eine ungewohnte Sache, wenn man mit Fussballern zu tun hat. Oft werden Interview-Termine kurzfristig um eine halbe Stunde oder mehr nach hinten verschoben. Das Training dauerte länger, die Behandlung danach auch. Aber an diesem Morgen meldet Valentin Stocker 45 Minuten vor dem ausgemachten Termin: «Ich wäre sonst schon bereit.»

Es ist 10.15 Uhr an einem Wochentag. Eine Zeit also, zu der Valentin Stocker normalerweise dabei ist, die Kabine zu verlassen, sich aufs Fahrrad zu schwingen und zu den Plätzen 19/20 des St. Jakob-Areals zu fahren, wo meist um 10.30 eine Trainingseinheit angesetzt ist. Normal ist momentan aber gar nichts. Nirgends. Für niemanden. Und so sitzt Valentin Stocker in seiner Wohnung, trinkt seinen Oatmilk-Cappucino. «Ganz gemütlich», sagt er und schätz diese Ruhe ein bisschen.

Normalerweise steht er auf und verlässt 45 Minuten später die Wohnung in Richtung Basel. Jetzt bleibt er zu Hause. Das Corona-Virus zwingt ihn wie alle anderen auch dazu. Doch statt ausschlafen und die ungewohnte Zeit am Morgen zu nutzen, ist er wach, fit, unternehmungslustig. «Ich bin ein wirklich schlimmer Morgenmensch. Da ist nichts mit Ausschlafen. Aber das Gefühl beim Erwachen ist dennoch ein anderes. Es ist ein gewisses Entschleunigen da.»

Das Trainingsprogramm via Whats-App

Seit rund zehn Tagen weilt auch der FC Basel im Home-Office. Mindestens bis Ende Monat, mit grosser Wahrscheinlichkeit aber länger. Wann wieder Fussball gespielt werden wird in der Schweiz, ist ungewiss. Eben so der Trainingsstart bei den Baslern. Stattdessen absolviert jeder Spieler zu Hause sein Programm, welches individuell für ihn zusammengestellt und per Whats-App verschickt wurde. Der Plan umfasst Anweisungen, welche Stocker und Co von Montag bis Samstag umzusetzen haben. «Am Sonntag haben wir dann frei. Schön, oder?», sagt er und lacht ins Telefon.

Ohnehin: Der FCB-Captain wirkt enorm positiv im Gespräch. Immer wieder lacht er. Und immer wieder betont er: «Wir wissen, in welch privilegierten Situation wir Fussballer grundsätzlich sind. Was wir haben, das sind vergleichsweise oftmals nur Problemchen.» Aber auch er kämpft mit den Tücken des Alltags, sagt, «dass ich mich schon auf eine gewisse Art eingeengt fühle. Mehr als normal. Da es aber vielen Menschen so geht, zieht mich das nicht runter.»

Ist das gemütliche Frühstück, bei dem er sich auch gerne mal von Rezepten seines ehemaligen Mitspielers Yann Sommer inspirieren lässt, erst mal genossen, gehts für Stocker für gewöhnlich zum Training: Warm-Up, Krafttraining, Kardio-Einheit am einen Tag. Warm-Up, individuelle Übungen am TRX und dann selber gewählte Methoden am nächsten. Die Tage sind unterschiedlich, selbst gestaltet. «Ich mache die Übungen, von denen ich weiss, dass sie mir gut tun.» Das heisst: Mal laufen gehen mit der Freundin, mal mit dem Hund, mal Seilspringen auf dem Balkon. «Ich versuche einfach, so gut es geht die Regeln des BAG zu befolgen und zu Hause zu bleiben und dort mein Programm zu absolvieren.»

Einladungen für Handy-Spiele, Gedanken an Spenden

So lange draussen laufen aber noch erlaubt ist, nutze er dies natürlich. Weil er jetzt schon merkt, dass ihm etwas fehlt. «Seit zwölf Jahren bin ich täglich draussen. Nach einer gewissen Zeit merkt man schon, dass man das vermisst.» Gerade jetzt, wo in den letzten Wochen die Natur erwacht sei, es wärmer werde, sei es umso schwieriger. «Ich nutze diese Zeit daher auch, um über gewisse Werte nachzudenken, die ich leben will. Wir müssen dankbarer sein, Kleinigkeiten mehr schätzen, die sonst selbstverständlich erscheinen. Ich sehe das auch als Chance.»

Die effektive Trainingszeit beträgt, wie auch im normalen Alltag, zwischen einer und zwei Stunden. Was weg fällt, ist aber das Drumherum, insbesondere das Garderoben-Leben. Stocker glaubt, dass es vor allem für die ausländischen Spieler und Staff-Mitglieder hart sei, sie sind meist alleine. Der Kontakt zwischen allen via Handy habe daher zugenommen in den letzten Tagen. Man motiviert sich gegenseitig, wenn harte Übungen anstehen. Man tauscht sich aus. Bekommt Einladungen für Spiele auf dem Handy. Für ihn als Captain ist es herausfordernd, seine integrative Rolle vom Sofa aus zu leben. Gerade auch, weil es Sprachbarrieren gibt. Er könne nicht mal eben mit Artur Cabral auf Portugiesisch quatschen und schauen, wie es ihm gehe. «Aber alle haben einen Zugang zum einen oder anderen.»

Auch der Verein selbst helfe dahingehend enorm. Was Stocker aber antreibt, ist Hilfe, die sie als Mannschaft leisten wollen. «Wir wollen zeigen, dass wir, in unserer privilegierten Situation, Unterstützung bieten.» Was das genau sei - Spenden, Lohneinbusse - könne er noch nicht sagen. «Das steckt noch in den Kinderschuhen. Wichtig ist aber, dass bei jedem das Bewusstsein geschaffen wurde und wir jetzt die Ausmasse diskutieren.» Auch im Fussball seien die Schicksale individuell, er wolle keine Erwartungen stellen.

Chancen zur Aufarbeitung von Vergangenem

Am Tag des Gesprächs hat Stocker sein Training noch nicht absolviert. «Es braucht viel Selbstdisziplin und Eigenverantwortung», sagt er. Auch, weil sie nicht via Pulsgurte kontrolliert werden, die sind im Joggeli geblieben. Mitgekriegt haben sie nur ein Päckli mit einem TRX und Desinfektionsspray. Der Austausch mit dem Staff sei regelmässig, aber nicht täglich. Schwierig ist es mit der Disziplin vor allem dann, wenn es darum geht, ans Leistungsmaximum zu gehen. Ob die aktuelle Lage mit einer Saisonvorbereitung vergleichbar sei, bejaht der 30-Jährige, fügt aber an: «Da hast du die Klarheit, wann es weiter geht. Du weisst, wann du weniger machen und wann du dich steigern musst.»

Die Ungewissheit und Planungsunsicherheit sei täglich Brot bei Fussballern. «Bist du nominiert für eine EM? Qualifizierst du dich überhaupt? Bist du dann plötzlich verletzt? Schnappt dir ein anderer nach einer super Rückrunde den Platz weg? Bei uns gibt es immer so viele Fragezeichen, dass du damit gross wirst, dann Leistung bringen zu können, wenn du musst.»

Dass aber auch noch die wenigen Eckpfeiler wie Saisonstart- und Ende sowie Ferien wegfallen, mache es schwieriger. Es gibt Stocker aber auch Raum für etwas, das er noch nie tun konnte: «Ich führe im Moment ein Leben, wo ich mich ein bisschen wie ein ‘normaler’ Mensch fühle.» So könne er vor dem Karriereende erfahren, wie es nachher aussehen könnte. «Das schätze ich schon. Ich merke, was mir wichtig ist und wo meine Emotionen einzuordnen sind.» Letzteres hat er bislang immer aufgeschoben. Er hatte keine Zeit zur Verarbeitung der Emotionen einer Finalissima von 2008, seinem ersten Nati-Spiel, dem ersten Titel. «Ich habe versucht, alles in mir zu speichern und dann heraus zu holen, wenn ich Zeit habe, die Emotionen raus zu lassen.» Gefühle wie solche, in ein volles Stadion zu laufen, dieses aufkommende Kribbeln, vermisse er von allem vielleicht am meisten. Wann er dies wieder spüren darf, ist ungewiss. Er sei aber froh, dass er nicht darüber entscheiden muss.

Langsam ist es Zeit für Valentin Stocker um zu trainieren. Schliesslich hat er noch Einiges vor. Nach dem Training wird gekocht, «das ist meine zweite Leidenschaft. Ich probiere im Moment viele Rezepte aus und suche neue. Nachher schaue ich mal in den Kühlschrank, aber ich denke, es gibt ein Curry.» Um 17 Uhr klinkt er sich in einen Yoga-Livestream ein, da mitzumachen sei gut für seine Beweglichkeit. Doch für eine letzte Frage bleibt noch Zeit. Die Frage nach dem, was er als erstes tun werde, wenn er wieder frei entscheiden könne. «Dann gehe ich mit den Leuten, die mir am Herzen liegen, in ein Restaurant essen. Und für den Weg dort hin nehme ich einen Fussball mit und jongliere.»

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