Wenn der Oberleutnant in der Kaserne in Wangen an der Aare will, dass Yves Kaiser marschiert, dann marschiert Yves Kaiser. Zusammen mit seinen 44 Kollegen, die gemeinsam die Spitzensport-Rekrutenschule absolvieren, bildet der 20-Jährige Zweier- oder Viererkolonnen. Die Sportler stehen auch auf Kommando stramm und sie formieren sich wieder, wenn der Oberleutnant den Befehl dazu erteilt.

Als wir Yves Kaiser vergangenen Mittwoch besuchen, ahnt er noch nicht, was für eine turbulente Woche vor ihm steht. Der Rekrut lacht immer wieder, wenn er von den Erlebnissen aus dem Militär erzählt. Der Umgangston ist nicht wirklich sein Ding, doch die drei Wochen gilt es «durchzubeissen».

Spezial-RS für Spitzensportler

Nur drei Wochen? Ja, der Militärdienst der auserkorenen Spitzensportler hat mit einer normalen RS nur wenig gemein. Einen 50-Kilometer-Marsch müssen Yves Kaiser und Co «zum Glück» nicht durchstehen und eine Waffe bekommen die Sportler auch nicht in die Hand. Seit 2016 ist die Spitzensport-RS waffenfrei. Der Berufsunteroffizier Spitzensport Urs Walther erklärt: «Diese Waffenausbildung war für ihre Funktion als Sportsoldat sehr zeitintensiv. Stattdessen sollen die Spitzensportler auch nach der RS Botschafter der Armee bleiben.»

Nicht jedes Sport-Talent kommt in den Genuss dieser Spezial-RS. Fussballer werden nur ausgewählt, wenn sie aus Sicht des Verbandes zukünftig für die Schweizer Nationalmannschaft spielen könnten und in einem Super-League-Kader stehen. Beide Bedingungen erfüllt Yves Kaiser, weshalb das Selektionsgespräch bei ihm nur Formsache war. «Bei Yves kam die Empfehlung vom Verband, wir sind von seinem Weg überzeugt», sagt Walther. Also flattert im Herbst ein Marschbefehl in den Briefkasten der Familie Kaiser im solothurnischen Luterbach, wo Yves immer noch wohnt.

Die Strenge des Militärs

Am 29. Oktober rückt er ein. Schon in der ersten Woche spürt der Fussballer die Strenge des Militärs. Weil die Gruppe am Morgen wiederholt einige Minuten zu spät antritt und statt in Reih und Glied eher «wie ein Hühnerhaufen» dasteht, beginnt das Programm ab Woche 2 zur Strafe schon eine halbe Stunde früher um 5.45 Uhr. «Ich würde nicht verneinen, dass auch ich etwas Schuld an dieser Massnahme trage», sagt Kaiser und lacht.

Im Massenschlag von Wangen macht der Fussballer zwangsläufig schnell neue Freunde. «So eng aufeinander geht das gar nicht anders.» Yves Kaiser erfährt, dass Ruderer zwei bis dreimal am Tag trainieren und trotzdem kein Geld mit ihrem Sport verdienen können. «Da sind wir Fussballer schon recht verwöhnt.»

Physisch noch nie besser

Seit Ende November ist Yves Kaiser jetzt im Leistungssportzentrum in Magglingen, wo er insgesamt 15 Wochen ausgebildet wird und trainiert. Stramm stehen und salutieren muss er jetzt nicht mehr. Vormittags geht er in die Weiterbildung. Dort bekommt er Inputs zu Ernährungsfragen, Regeneration oder Sportpsychologie.

Die Militärsportleiterprüfung hat er schon bestanden. Jetzt gibt es immer mehr Zeit für individuelles Training. Für die drei Fussballer Jan Bamert (Sion), Léo Seydoux (YB) und Kaiser ist Oliver Riedwyl, der Konditionstrainer der Schweizer Nationalmannschaft, verantwortlich. Physisch war Yves Kaiser wohl nie besser wie jetzt: «Im Mannschaftssport ist es zwar nicht gut, wenn man nicht mit dem Team trainieren kann. Dafür komme ich topfit zurück.»

Urlaub für den Klassiker

Vergangene Woche darf der Innenverteidiger nicht erst wie üblich am Freitag um 13.30 Uhr, sondern schon einen Tag früher abtreten. Yves Kaiser bekommt Urlaub genehmigt, weil FCB-Trainer Marcel Koller ihn wegen der vielen Ausfälle beim FCB braucht.

Am Montag wird Yves Kaiser informiert, im Donnerstagstraining steht er in Basel auf dem Rasen und wird von den Kollegen hochgenommen. «Stillgestanden», brüllen sie, wenn Yves Kaiser beim Vier gegen Zwei in die Mitte muss. Wie sehr er gebraucht wird, weiss der Captain der Schweizer U20-Nationalelf noch nicht. Nachdem er unter Raphael Wicky im Hinspiel gegen Saloniki 45 Minuten für den verletzten Raoul Petretta Rechtsverteidiger spielen durfte, war Yves Kaiser unter Koller bislang aussen vor: «In der schwierigen Situation wollte er mich wohl nicht ins kalte Wasser werfen.»

«Ich bin froh, dass es so gelaufen ist»

Doch genau als der FC Basel mit der Spielerrevolte einen neuen Tiefpunkt erreicht, kommt Rekrut Kaiser zu seinem Super-League-Debüt. Schon am Freitag kündigt Koller an: «Yves ist bereit. Er macht in Magglingen nicht nur seine militärische Ausbildung.» Am Sonntagmorgen informiert der Coach seinen Schützling. Kaiser steht gegen den FCZ in der Startelf.

Hier sehen Sie alle Highlights des Klassikers im Video:

Matchhighlights FCB FCZ

 

Von Nervosität ist beim 20-Jährigen im Klassiker nichts zu spüren. Yves Kaiser gewinnt fast jeden Zweikampf und der FCB bleibt mit ihm erstmals seit 23 Spielen in der Liga wieder ohne Gegentor. «Obwohl er extern trainiert, hat er das sehr, sehr gut gemacht. Das spricht für seine mentale Stärke», lobt Koller nach dem Spiel und auch Yves Kaiser sagt am Ende einer turbulenten Woche: «Ich bin froh, dass es so gelaufen ist.»

Noch am Abend geht es zurück nach Magglingen, wo er bis zum 15. März in der Spitzensport-RS ist. Sollte der FCB ihn aber wieder brauchen, bekommt Rekrut Kaiser sicher erneut Urlaub.