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Die Seele des Turniers: Roger Federer fehlt in Basel

Ein nachdenklicher Roger Federer: Wie geht es mit dem Tennis-Star weiter?

Ein nachdenklicher Roger Federer: Wie geht es mit dem Tennis-Star weiter?

Nach zehn Jahren Federer-Mania finden die «Swiss Indoors» ohne ihr Aushängeschild statt. Am kommenden Dienstagabend wird man das Tennis-Ass ganz besonders vermissen. An jenem Abend hatte der Tennis-Profi stets seinen speziell reservierten Heimauftritt. Die Verantwortlichen sehen im Ausfall des Stars aber auch eine Chance für die Zukunft.

Offizieller Turnierstart ist seit eh und je der Montagabend. Doch so richtig beginnen die «Swiss Indoors» immer erst am Dienstag. Wenn am Abend das Licht schummrig wird, das Tuscheln auf den Sitzplätzen verstummt, die Scheinwerfer auf den riesigen Vorhang zielen und an seinem Speakerpult Christoph Schwegler seine Stimme erhebt. Eine Stimme, so weich und tief und warm wie keine zweite, die den ellenlangen Palmarès wie ein wunderbares Gedicht erklingen lässt und die vor dem Öffnen des Vorhanges das Publikum auffordert: «Bitte begrüssen Sie den weltbesten Tennisspieler, willkommen zu Hause, Roger Federer!»

Roger Federer verpasst das Turnier in Basel zum ersten Mal seit 11 Jahren.EQ Images/Melanie Duchene

Roger Federer verpasst das Turnier in Basel zum ersten Mal seit 11 Jahren.EQ Images/Melanie Duchene

Gänsehaut. Nur schon wegen dieses einen Moments kaufen viele Zuschauer ein Ticket für den Dienstagabend. Den Abend, der für den ersten Auftritt von Roger Federer an seinem Heimturnier reserviert ist.

Der Federer-Effekt

In diesem Jahr ist alles anders. In der St. Jakobshalle wird zwar immer noch Tennis auf allerhöchstem Niveau gespielt. Doch nach zehn Jahren, in denen Roger Federer jedes Mal den Final erreichte und nur drei davon verlor, fehlt den «Swiss Indoors» in diesem Jahr ihre Seele. Als es vor einigen Jahren zwischen Federers Management und Turnierinhaber Roger Brennwald kriselte und Federer vertraglich nicht an die «Swiss Indoors» gebunden war, ergab eine Umfrage: Ein Teil der Fans würde nicht mehr kommen, sollte Federer nicht auftreten.

Das zeigen auch die Zuschauerzahlen: Das Schweizer Fernsehen konnte in den letzten drei Jahren einen klaren Federer-Effekt feststellen. Stand Federer im Einsatz, registrierte das SRF einen Marktanteil von durchschnittlich 21,8 Prozent (234 000 Zuschauer), während sich ohne den Baselbieter im Schnitt lediglich 82 000 Zuschauer (9,8% Marktanteil) für ein Spiel der «Swiss Indoors» interessierten.

Was bedeutet das für das Turnier? Ist es abhängig von Federer? Bleiben die Plätze in der blauen Halle in diesem Jahr leer?

Nach elf Jahren wird Roger Federer in diesem Jahr das erste Mal in Basel fehlen.

Nach elf Jahren wird Roger Federer in diesem Jahr das erste Mal in Basel fehlen.

Nein. Der Ticketvorverkauf ist nach Federers Ankündigung im Sommer, die Saison dem Knie zuliebe zu beenden, nicht eingebrochen. Turnierdirektor Roger Brennwald erklärt: «Die Schallmauer beträgt 70 000 verkaufte Tickets. Diesen Wert werden wir auch in diesem Jahr erreichen.» Das hat auch mit Stan Wawrinka zu tun. In der Antwort auf die Frage, ob die «Swiss Indoors» ohne Roger Federer auch funktionieren, spielt der Lausanner eine entscheidende Rolle.

Dass Wawrinka vor einem Monat die US Open gewonnen hat, war ein Glücksfall für die Basler Turnierorganisatoren. Es bedeutet, dass Wawrinka in der Gunst des Schweizer Tennispublikums nochmals enorm gestiegen ist. Roger Brennwald hätte den frei gewordenen und prestigeträchtigen Federer-Termin am Dienstag auch an Rafael Nadal vergeben können. Doch er vergab ihn an Wawrinka. Weil dieser angekündigt hat, im Gegensatz zur Vergangenheit, dieses Mal bereit zu sein für den Turniersieg. Die Erwartungen sind riesig. Der Glaube, dass Wawrinka sie erfüllen kann, auch. Am besten nicht nur in diesem, sondern auch in den kommenden Jahren. Wer weiss, ob und wie oft Federer noch mitspielt.

Der Versuch der «Swiss Indoors», sich von Federer zu emanzipieren, stützt also zum einen auf Wawrinka. Der andere Faktor ist das Teilnehmerfeld: Es ist in der Breite so stark und international wie noch nie. Von den Top 6 der Weltrangliste sind vier Spieler angekündigt: Wawrinka (Nr. 3), Nadal (4), Nishikori (5) und Raonic (6). Die aktuell 24 geführten Teilnehmer stammen aus 17 Ländern und aus allen fünf Kontinenten. Sie alle haben auch einen wirtschaftlichen Wert: Wegen Nishikori etwa haben sich beispielsweise aus Japan so viele Besucher und Journalisten wie noch nie angemeldet. Der asiatische Markt pulsiert auch im Tennis.

Dass Federer fehlt, ist ein Jammer. Für alle. Aber Turnierdirektor Brennwald sagt auch: «Wenn eine Koryphäe ausfällt, ist das bedauerlich. Aber niemand kann einen Event von einer Person abhängig machen. Sonst wäre ja jeder Sportevent zum Tod verurteilt. Und sonst würden wir nicht schon seit bald 50 Jahren existieren.» Dass das Turnier auch eine erfolgreiche Geschichte vor Federer hatte, macht den Organisatoren im Hinblick auf die Nach-Federer-Ära Mut.

Ob Federer das Turnier besucht, ist unklar. Der Maestro entscheidet sich in der nächsten Woche. Die Türen in Basel sind natürlich offen. Falls sich Federer aber für eine Auszeit entscheidet, hätte Brennwald Verständnis dafür. «Er ist ein Wunder. In jeder Beziehung. Ein Artist als Spieler, der mit seinen Kräften immer haushälterisch umgegangen ist und darum sehr selten verletzt war. Nun hat er sich eine schöpferische Pause verdient.»

Wie geht es weiter?

Die «Swiss Indoors» nützen die Gelegenheit und stellen in dem Jahr, in dem nicht alles auf Roger Federer fokussiert ist, die Weichen für die Zukunft. Nur, Turniere wie jenes in Basel, die nicht den Status eines Grand Slams haben, sind abhängig von ihrer Reputation: Ist diese hoch, erinnern sich die Stars der Zukunft daran, wenn sie eine Einladung aus Basel erhalten. Dank Raonic und dem verheissungsvollen Jack Sock steigern die Indoors ihre Bekanntheit in Nordamerika.

Ein Farbtupfer im Teilnehmerfeld ist zweifellos Nick Kyrgios. Der Australier ist den Schweizer Tennisfans in bester Erinnerung, als er im vergangenen Jahr Wawrinka beleidigte. Zum Publikumsliebling wird es nicht reichen – doch für viel Gesprächsstoff ist der Exzentriker allemal gut. Kommt es sogar zum Hassduell mit Wawrinka?

Emanzipation hin oder her: Natürlich spielt Federer in der Zukunft der «Swiss Indoors» weiterhin eine grosse Rolle. Die einstigen Risse in der Beziehung mit Brennwald sind gekittet: Dies beweist die Tatsache, dass Federer sein Saisonende Brennwald persönlich mitgeteilt hat.

Federer hatte einst gesagt, er spiele bis zum Karriereende immer in Basel – mit oder ohne Vertrag. Doch was dann? Hat er noch Interesse, Brennwald das Turnier abzukaufen? Beharrt Brennwald darauf, die «Swiss Indoors» in der Familie zu behalten? Wird Federer Teilhaber? Diese Fragen dürften zu Wort kommen.

Dass Federer dem Turnier nach der Karriere irgendwie erhalten bleibt, ist für beide Seiten wünschenswert. Mehr: Für die «Swiss Indoors» könnte das «Argument Federer» dereinst noch sehr wichtig werden: 2018 läuft der Vertrag mit der Turnierorganisation ATP aus. Eine Verlängerung ist wahrscheinlich, aber keine Formsache. Wenn es dereinst darum gehen sollte, ob Basel oder das Konkurrenzturnier in Wien den Zuschlag von der ATP erhält, könnte Federer das Zünglein an der Waage spielen.

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