Neustart
Das neue Leben abseits des Fussball-Glamours von Hakan Yakin und Alex Frei

Alex Frei und Hakan Yakin standen jahrelang auf einer Bühne, auf der jede noch so dunkle Ecke ausgeleuchtet wurde. Mittlerweile agieren die beiden ehemaligen Fussball-Stars im Schatten. Es tut ihnen gut.

François Schmid-Bechtel
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Hakan Yakin ist in Form: der Trainingsanzug mit dem Emblem des FC St. Gallen spannt nicht.

Hakan Yakin ist in Form: der Trainingsanzug mit dem Emblem des FC St. Gallen spannt nicht.

Daniel Ammann

Genial, divenhaft, trainingsfaul. Ob gerechtfertigt oder nicht: Um seinen Ruf muss sich Hakan Yakin längst nicht mehr kümmern. Aber lassen wir die alten Geschichten.Die Gegenwart zeichnet ein anderes Bild.Hakan Yakin erscheint fünf Minuten früher als abgemacht. Dunkler Teint, das schwarze Haar glänzt. Der Trainingsanzug mit dem Emblem des FC St. Gallen spannt nicht. Yakin ist in Form, sieht toll aus.

87 Länderspiele hat Yakin bestritten, dabei 20 Tore erzielt. Er wurde mit Baselje zweimal Meister und Cupsieger sowie zum Schweizer Fussballer des Jahres gewählt. Vor drei Jahren hat Yakin seine schillernde Karriere bei der konkursiten AC Bellinzona beendet. Seither ist es ruhig um ihn geworden. Er nahm eine halbjährige Auszeit, stieg danach in Zug als Juniorentrainer ein und übernahm letzten Winter die U18 des FC St. Gallen. «Nach dem Ende meiner Karriere bin ich in ein Loch gefallen, weil ich am Morgen jeweils kein Ziel hatte. Trotzdem habe ich die Pause gebraucht. Denn ich habe in dieser Zeit wieder zu mir gefunden», sagt der 39-Jährige.

Szenenwechsel. Der Gang suggeriert noch immer Zielstrebigkeit. Aber seine Ausstrahlung ist eine andere, nicht mehr verbissen. Seine teilweise schnöselige Art hat Alex Frei abgelegt. Er hat aufgehört zu fliehen. Heute geht er auf Fragen ein, statt sie mit einem Gegenangriff zu kontern. Der Ehrgeizling ist zugänglich geworden.

Alex Frei geht es gut. Druck und Stress sind von ihm als U15-Trainer in Basel abgefallen.

Alex Frei geht es gut. Druck und Stress sind von ihm als U15-Trainer in Basel abgefallen.

Mario Heller

Freis DNA als Spieler sind seine Tore. Unter anderem 42 für die Schweiz – Rekord. Er war einmal Torschützenkönig in Frankreich und zweimal in der Schweiz. Er feierte drei Cupsiege und vier Meistertitel. Als er im April 2013 seine Karriere beim FC Basel beendete, wechselte er nahtlos zum FC Luzern als Sportchef. Ende 2014, nach eineinhalb extrem aufreibenden Jahren, gab Frei auf. Es folgte ein Sabbatjahr, ehe er im Januar dieses Jahres als Trainer der U15 des FC Basel einstieg. «Es geht mir blendend. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange es her ist, seit es mir so gut gegangen ist», sagt der 36-Jährige.

Eine Bremse für Yakin

In der Ostschweiz kämpft der Frühling an diesem Tag wie ein Schmetterling im Gegenwind. Unablässiger, sintflutartiger Regen. Dazu Temperaturen im einstelligen Bereich. Yakin stand bereits am Morgen auf dem Trainingsplatz und muss in zwei Stunden wieder raus. Noch sitzen wir im Restaurant der Tennishalle. Hakan Yakin, wie war Ihr Einstieg ins Trainermetier? «Eigentlich habe ich bei null begonnen. Aber die Erinnerung an meine Zeit als Profi war natürlich immer noch sehr präsent. Zum Glück hatte ich einen Assistenten, der aus dem Breitenfussball kam. Denn er war es, der mich bremste, wenn ich zu hohe Erwartungen hatte.»

Sieben Trainings in der Woche leitet Hakan Yakin. Daneben paukt er für das A-Diplom. Bisweilen sitzt er bis 2 Uhr morgens in Meggen am Computer, um an seiner Arbeit zu schreiben. Yakin sagt: «Jetzt beginnt die Trainerausbildung Spass zu machen.» Was wollen Sie Ihren Spielern vermitteln? «Der Aspekt Ausbildung steht an erster Stelle. Trotzdem verlange ich von meinen Spielern den Siegeswillen. Sie müssen mit Stolz auf denPlatz gehen. Die zentrale Frage für jeden Trainer im Junioren-Spitzenfussball lautet: Wie viel Widerstand respektive Druck soll man als Trainer aufbauen? Ich bin der Meinung, dass es gut ist, wenn Spieler schon in jungen Jahren Widerstand spüren.»

Mit Niederlagen umgehen

In Basel scheint die Sonne. Wir setzen uns vor dem FCB-Campus an einen der Tische im Schatten und Alex Frei erzählt: «Es geht mir so gut, weil Druck und Stress abgefallen sind. Die letzten vier Monate in Luzern ging es mir überhaupt nicht mehr gut. Ich hatte häufig Kopfschmerzen und habe kaum noch geschlafen. Jetzt bin ich ausgeglichener. Und ich versuche, dieses Wohlbefinden zu schützen, indem ich nur selten in der Öffentlichkeit auftrete.» Raphaël Wicky, Trainer der U21, schnappt sich beim Vorbeigehen ein Stück von Freis Kuchen. «Schon früher habe ich immer für dich geliefert», flachst Frei.

Alex Frei «Ich vertrete die Gleichung: Je grösser der Aufwand, desto wahrscheinlicher ist ein Ertrag. Glaube, Wille und Biss werden meist belohnt – ich bin quasi der lebende Beweis dafür. Ich will auch die Leidenschaft und Liebe, aber auch den Respekt gegenüber dem Fussball vermitteln.»

Alex Frei «Ich vertrete die Gleichung: Je grösser der Aufwand, desto wahrscheinlicher ist ein Ertrag. Glaube, Wille und Biss werden meist belohnt – ich bin quasi der lebende Beweis dafür. Ich will auch die Leidenschaft und Liebe, aber auch den Respekt gegenüber dem Fussball vermitteln.»

Was wollen Sie Ihren Spielern vermitteln? «Werte», sagt Frei. «Ich vertrete die Gleichung: Je grösser der Aufwand, desto wahrscheinlicher ist ein Ertrag. Glaube, Wille und Biss werden meist belohnt – ich bin quasi der lebende Beweis dafür. Ich will auch die Leidenschaft und Liebe, aber auch den Respekt gegenüber dem Fussball vermitteln.» Respekt? «Ja, Respekt vor einem Spiel, das auch hässlich sein kann. Wie für Bayern gegen Atletico Madrid. Denn ich will, dass meine Spieler auch mit Niederlagen umgehen können.»

Wie die Deutschen

Das Training im sintflutartigen Regen ist vorbei. Auf die Frage, wie er den Spieler Yakin in Erinnerung habe, antwortet U18-Spieler Patrick Sutter: «Ich habe ihn nicht richtig mitgekriegt. Aber ich weiss, dass er eine grosse Nummer war. Seit wir Yakin als Trainer haben, ist der Respekt der Gegner gestiegen. Sie denken: Wow, wer einen solch grossen Trainer hat, muss gut sein.»

Hakan Yakin im Training mit seinen Junioren.

Hakan Yakin im Training mit seinen Junioren.

Daniel Ammann

Wird aus Lehrling Sutter der nächste Yakin? «Nein. Ich verspreche keinem, aus ihm einen Yakin zu machen. Das geht nicht. Sowieso gibt es keine Strassen- und Instinktfussballer mehr, wie ich einer war», sagt Yakin. Warum? «Weil alles durchstrukturiert ist, weil den Jungen von den Trainern, Eltern und Lehrern viele Entscheidungen abgenommen werden und weil man nicht mehr auf den Pausenplätzen Fussball spielen darf. Zu meiner Zeit haben wir als Jungs mehrheitlich selber entschieden, wie und wo wir Fussball spielen.» Wollen Sie die Zeit zurückdrehen? «Nein, auf keinen Fall. Die Jungs haben hervorragende Bedingungen, taktisch sind sie im internationalen Vergleich sehr gut ausgebildet. Wichtig ist, dass wir sie mit der absoluten Siegermentalität infizieren. So wie sie die Deutschen haben.»

Durch den Dschungel

Dem jungen Alex Frei wurden die Hürden nicht aus dem Weg geräumt. Im Gegenteil. Lehre, Rekrutenschule, danach der Entscheid des FC Basel, er erfülle die Ansprüche nicht. Dann der Wechsel zum damals namenlosen B-Ligisten Thun. Für den jungen Frei wurde kein roter Teppich ausgerollt. Er musste sich selbst durch den Dschungel kämpfen. «Die Jungen haben ein anderesSelbstbewusstsein als wir damals. Wenn sie nach ihren Zielen gefragt werden, reden sie von einem Engagement bei Manchester United. Wir haben gesagt: Vielleicht mal in der Nationalliga A Fuss zu fassen, wäre sensationell. Doch man muss sehen: Die Jungen stecken schon sehr früh in der Fördermaschine. Da bleibt keine Zeit, nebenbei noch etwas Tennis zu spielen oder sonst etwas zu unternehmen. Was aber das Risiko birgt, dass einem der Fussball bereits mit 16 verleidet.»

Aktuell werden sechs von zehn Trainerjobs in der Super League von Ausländern besetzt. Dabei sind nicht alle dieser sechs ausländischen Trainer hoch angesehene Koryphäen. Man fragt sich: Hat die Schweiz ein Trainerproblem? Yves Débonnaire, beim Fussballverband verantwortlich für die Trainerausbildung, sagt: «Wir versuchen unsere Ausbildung, die in meinen Augen bereits sehr gut ist, immer zu verbessern. Aber die jungen Schweizer Trainer müssen auch mehr Entschlossenheit und Ambitionen zeigen.» Débonnaire rechnet mit gegen 80 anständig bezahlten Trainerstellen in der Schweiz. Aber allein das höchste Trainerdiplom, die Uefa-Pro-Lizenz, haben 110 Trainer in der Schweiz absolviert. Sprich: Es gibt wesentlich mehr Trainer als Jobs. «Aber es gibt auch im Ausland Trainerjobs», sagt Débonnaire. Auch Jobs für Schweizer.

Sind Alex Frei und Hakan Yakin die Schweizer Trainer-Hoffnungen? Yakin bleibt vage. Er sauge zwar alles aus der Welt des Profifussballs auf. «Aber ich kann mir auch gut vorstellen, auf Ausbildungsniveau zu bleiben.»

Die lange, schwarze Mähne ist das Markenzeichen von Hakan Yakin.

Die lange, schwarze Mähne ist das Markenzeichen von Hakan Yakin.

Daniel Ammann

Frei, der bereits Führungserfahrung im Profifussball hat, sagt: «Mit Ausnahme von Basel, YB und vielleicht Sion lebt jeder Sportchef in der Schweiz den Kampf am Existenzminimum. Es ist, was es ist – ein Existenzkampf. Mein nächstes Ziel ist das A-Diplom, weiter hinaus plane ich momentan nicht. Kann sein, dass die Batterien irgendwann wieder so aufgeladen sind, um ambitioniert zu sein.»

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