Australian Open
Stan Wawrinka presst die Zitrone bis zum letzten Tropfen aus – weil er die Droge des Siegens braucht, und die Leere fürchtet

Nach zwei Operationen am Knie stand Stan Wawrinka kurz vor dem Rücktritt. Nun scheint er wieder bereit zu sein für grosse Titel. Doch die Frage bleibt, wie gross sein Hunger noch ist.

Simon Häring
Drucken
Teilen

Tennis ist ein grausamer und einsamer Sport. Er kennt nur wenige Sieger, dafür viele Verlierer. Man kann sich an einem schlechten Tag nicht hinter Mitspielern verstecken, ist ständig ausgestellt, trägt nicht nur ein Duell mit dem Gegner auf der anderen Netzseite aus, sondern auch mit sich selbst. In einer Welt wie dieser ist es unüblich, seine Verletzlichkeit zu zeigen.

Seit seinen Operationen am Knie begleitet Stan Wawrinka die Frage, ob er noch ein viertes Grand-Slam-Turnier gewinnen kann.

Seit seinen Operationen am Knie begleitet Stan Wawrinka die Frage, ob er noch ein viertes Grand-Slam-Turnier gewinnen kann.

Adam Hunger / AP

Stan Wawrinka widerlegt diese These. Zeit seines Lebens hält er diesen Widerspruch aus, der scheinbar kaum aufzulösen ist. Er wuchs auf einem Bio-Bauernhof im 700-Seelendorf Saint-Barthélemy auf, als Sohn eines Bauern, inmitten von Kühen, Schafen, Hühnern und mit Behinderten, die auf der «Ferme du Château» arbeiten. Er ist schüchtern und unauffällig. Den Ruf hat er auch in Crissier, wo er die Rudolf-Steiner-Schule besucht. «Ich war immer der, den man übersieht», sagt er später einmal. Er gilt nie als Talent, dafür als harter Arbeiter, der sein Racket sprechen lässt. Auf Fotos oder Videos sieht er sich nicht gerne, weil das etwas Selbstverliebtes habe. Sein moralischer Kompass orientiert sich an Werten, die ihm seine Eltern mitgegeben haben, die er folgendermassen skizziert: «Kampfgeist, Arbeitsethos, Entschlossenheit, vor allem aber: Integrität und Ehrlichkeit.»

Und doch macht Stan Wawrinka Karriere in einem Sport, in dem Eigensinn sicher kein Nachteil ist. Ohne, dass er sich dabei verbiegen würde.

Stan Wawrinka wuchs auf einem Bauernhof in der Romandie auf.

Stan Wawrinka wuchs auf einem Bauernhof in der Romandie auf.

zVg

Klammern an eine Welt, in der er fremd war

2003 gewinnt er das Junioren-Turnier von Roland Garros, arbeitet sich danach in die Weltspitze vor. Inzwischen ist Wawrinka dreifacher Grand-Slam-Sieger, einer der Weltbesten. Seine Bühnen sind nun New York, Paris, Melbourne, London. Er ist bereits 28, als ihm bei den Australian Open 2014 der grosse Durchbruch gelingt. Es ist eine lange Reise, bis er den Mittelweg gefunden hat, um einerseits im Tennis bestehen zu können, und dabei sich und seinen Werten treu zu bleiben. Vielleicht erklärt das, weshalb er sich nun an eine Welt klammert, in der er lange fremd schien.

2014 besiegte Stan Wawrinka bei den Australian Open Novak Djokovic und im Final Rafael Nadal und gewann sein erstes Grand-Slam-Turnier.

Australian Open

Es war im Februar 2018, da sass Stan Wawrinka in Marseille alleine und verlassen in der Umkleidekabine. Und es flossen Tränen. Erst im Sommer zuvor hatte er sich in zwei Operationen am Knie einen Knorpelschaden beheben lassen. Es war der Moment, in dem der Kämpfer aufgeben wollte. «Ich fragte mich, ob der Zeitpunkt gekommen war, zurückzutreten», erinnert sich Wawrinka. Er war in Vergessenheit geraten und fühlte sich verraten, weil sein Trainer Magnus Norman, der zum Freund geworden war, die Zusammenarbeit in seiner schwärzesten Stunde beendet hatte.

Letzter Turniersieg im Mai 2017

Doch Wawrinka machte weiter. Er wollte zurück auf den Platz, vor allem aber auch zurück in ein Leben der Routinen zwischen Training, Spielen und Reisen. Ihm fehlten der Stress und das Adrenalin des Wettkampfs. Bis auf Rang 263 der Weltrangliste war er abgerutscht. Ende 2018 lag er im 66. Rang. 2019 erreichte er bei den French Open und bei den US Open die Viertelfinals, beendete das Jahr im 16. Rang. Auf einen Turniersieg wartet er aber seit 2017, als er das Heimturnier in Genf gewann. Dass Wawrinka wieder auf diesem Niveau Tennis spielt, bezeichnet sein Arzt als Wunder.

Doch der Verdacht, dass noch mehr möglich wäre, schwingt immer mit.

2017 gewann Stan Wawrinka mit den Geneva Open sein Heimturnier. Es war sein 16. und bislang letzter Turniersieg.

2017 gewann Stan Wawrinka mit den Geneva Open sein Heimturnier. Es war sein 16. und bislang letzter Turniersieg.

Keystone

Denn zuweilen erweckt Wawrinka den Eindruck, ihm fehle der Biss und der unbedingte Wille, noch einmal ein ganz grosses Turnier zu gewinnen. Als sehe er seine Mission bereits erfüllt, zu beweisen, dass er es eigentlich noch immer könnte. Als gehe es ihm vor allem darum, die letzten Monate im Tennis-Zirkus zu geniessen. Als gefalle es ihm, dass er nicht mehr im ganz grossen Rampenlicht steht. Als wolle er die Zitrone zwar bis zum letzten Tropfen auspressen – aber daraus nicht mehr zwingend Limonade machen zu wollen. Vielleicht auch, weil er, der im März bereits 36 wird, das Ende fürchtet, das er einmal «als grosses Loch» bezeichnet hat.

Doch vielleicht straft Wawrinka seine Kritiker, die bei ihm eine gewisse Bequemlichkeit ausgemacht haben, bei den Australian Open Lügen. Vielleicht erlebt seine Geste eine Renaissance, die vor sieben Jahren in Melbourne ihre Geburtsstunde erlebt hatte und zu seinem Markenzeichen geworden ist: der an die rechte Schläfe gelegte Zeigefinger. Er symbolisiert den Unterschied zwischen seiner ersten Karriere und seiner zweiten. Damals, sagt Wawrinka, habe ein neues Leben begonnen. Jenes als Sieger. «Wenn man gewinnt, macht das etwas süchtig. Es ist wie eine Droge.» Es ist eine Droge, von der Wawrinka bis heute nicht losgekommen ist.

Der Erfolg bei den Australian Open 2014 veränderte Stan Wawrinkas Leben. Für den selbsternannten Verlierer begann das Leben als Sieger.

Der Erfolg bei den Australian Open 2014 veränderte Stan Wawrinkas Leben. Für den selbsternannten Verlierer begann das Leben als Sieger.

Fiona Hamilton / Ho / EPA/FIONA HAMILTON/TENNIS AUSTRALIA

Aktuelle Nachrichten