Die «Königsklasse» MotoGP ist in der Töffszene was die Formel 1 im Automobilrennsport. Für Schweizer eine Nummer zu gross. Sergio Pellandini war 1984 in der wichtigsten WM der letzte Schweizer in einem konkurrenzfähigen Team. Er erreichte als Suzuki-Werkpilot den 12. Schlussrang.

Nun wird, wenn alles wie geplant läuft, Tom Lüthi 2018 der nächste Schweizer mit vernünftigem Material auf dem höchsten Niveau. An der Seite des Italieners Franco Morbidelli im Rennstall des belgischen Bier-Milliardärs Marc van Straaten.

Die Chancen auf Spitzenplätze sind für Tom Lüthi ganz oben allerdings gering. Nur unter extremen Verhältnissen, beispielsweise Regen, sind vorderste Rangierungen möglich. Ist die Piste trocken und bleibt Chaos aus, sind Klassierungen zwischen Platz 8 und 15 üblich. Tom Lüthi bekommt zwar eine Honda. Aber keine «Erstklasse-Honda». Er fährt in einem sogenannten «Satelliten-Team» vorjährige Werksmaschinen, die nicht auf dem allerneusten Entwicklungsstand sind.

Gehören solche Bilder der Vergangenheit an? Tom Lüthi bejubelt einen Sieg.

Gehören solche Bilder der Vergangenheit an? Tom Lüthi bejubelt einen Sieg.

Die echten Werksmaschinen, die das gesamte Wissen eines grossen Motorradwerkes enthalten und die Voraussetzung für Siege und Podestplätze sind, werden nicht «ausser Haus» geliefert. Tom Lüthi tauscht die Chance auf Siege gegen das Prestige ein, zur «Königsklasse» zu gehören.

Schon einmal, 2009, hatte er den Aufstieg offiziell beschlossen und verkündet. Aber am Ende wagte er den Schritt doch nicht und stieg 2010 in die Moto2-WM ein. Für diesen Verzicht hat er seinen Preis bezahlt. Seither ist er bei den Werkteams von Yamaha, Honda, Suzuki und Ducati kein Thema mehr und gilt bei den Entscheidungsträgern als Feigling. Werkspilot mit erstklassigem Material und einem sechs- oder siebenstelligen Salär kann er deshalb nicht mehr werden. Es blieb ihm nur noch die Chance auf einen Platz in einem «Hinterbänkler-Team.»

Der Beste der Verbliebenen

Dabei zeichnete sich im Laufe der letzten Wochen eine andere Lösung ab, die spruchreif ausgehandelt worden war, ein Wechsel zu KTM: 2018 ein weiterer Anlauf zum Moto2-Titel, dann 2019 mindestens eine MotoGP-Saison.

Aber nun ist eine andere Türe aufgegangen. Der belgische Biermilliardär Marc van Straaten braucht für nächste Saison in seinem Team (Marc VDS) einen zweiten Piloten. Tom Lüthi wird im September zwar schon 31, aber er ist von allen noch zur Verfügung stehenden Piloten mit Abstand der beste.

In den letzten Tagen wurde mit van Straatens Teammanager Michael Bartholemy noch um allerlei Vertragsdetails sowie -dauer (zwei Jahre) gerungen. Tom Lüthi wird kein fürstlich
honorierter Werksfahrer. Er wird sein Geld weiterhin in erster Linie mit der persönlichen Vermarktung über die ihm überlassenen Werbeflächen – Helm und Kombi – verdienen.

Erfolgreiche Epoche zu Ende?

Hat der Deal Auswirkungen auf die aktuelle Moto2-WM? Franco Morbidelli fährt ja bereits im Team von Marc van Straaten und steigt intern auf. Muss ihm Tom Lüthi den Titel sozusagen aus Höflichkeit gegenüber dem künftigen Team überlassen? Nein. Eher das Gegenteil ist der Fall.

Die Regelung der Zukunft wirkt befreiend und macht ihn für den Rest der Saison noch stärker. Ein geschenkter oder erkaufter WM-Titel aufgrund dieses Deals hätte für Franco Morbidelli und sein Team sowieso den Schwefelgeruch der Wertlosigkeit.

Tom Lüthi (rechts) und Franco Morbidelli: Heute Konkurrenten, schon bald Teamkollegen?

Tom Lüthi (rechts) und Franco Morbidelli: Heute Konkurrenten, schon bald Teamkollegen?

Die Auswirkungen auf den helvetischen Töffrennsport sind hingegen dramatisch. Fred Corminbœuf verliert mit Lüthi die zentrale Figur und die Hauptsponsoren für sein Team, zu dem auch Nachwuchsfahrer Jesko Raffin (21) gehört.

Hätte Dominique Aegerter (26) letzte Saison die Rolle als Nummer 2 hinter Tom Lüthi akzeptiert, wäre er nun die uneingeschränkte Nummer 1 in einem guten Moto2-Rennstall und vom «Lüthi-Komplex» befreit. Er müsste nicht um seine Zukunft im chronisch unterfinanzierten Team der Gebrüder Kiefer bangen. Aber er hat Fred Corminbœuf im letzten Herbst im Zorn verlassen. Eine Rückkehr scheint fast ausgeschlossen.

Die Erfüllung des «MotoGP-Traumes» ist nicht nur ein Schlussfeuerwerk für Tom Lüthis Karriere. Es ist auch das Schlussfeuerwerk für eine der grossartigsten Epochen unseres Motorradrennsportes. Die Jahre des Ruhmes, der Podestplätze und Siege gehen mit dieser Saison und dem Wechsel Lüthis in die MotoGP zu Ende. Wir werden Jahre, vielleicht Jahrzehnte auf den nächsten helvetischen GP-Sieger warten müssen.