Misshandelte Pferde
Leidende Pferde an den Olympischen Spielen: IOC und Reitverband werden wegen Tierquälerei angezeigt

Mehreren Pferden wurden an den Olympischen Spielen 2021 in Tokio Leid und Schmerz zugefügt. Die Tierschutzorganisation «IG Wild beim Wild» klagt an. Das IOC nehme es mit «seinen verfehlten Regelwerken in Kauf, dass Pferden an vom IOC organisierten Wettkämpfen Leid zugefügt wird», heisst es in der Strafanklage.

Margrith Widmer
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Der Ire Cian O'Connor reitet an den Olympischen Spielen mit Kilkenny durch den Hindernisparcour - kein Turnierverantwortlicher reagierte auf die missliche Lage des Pferds, das stark aus den Nasenlöchern blutete.

Der Ire Cian O'Connor reitet an den Olympischen Spielen mit Kilkenny durch den Hindernisparcour - kein Turnierverantwortlicher reagierte auf die missliche Lage des Pferds, das stark aus den Nasenlöchern blutete.

Friso Gentsch

Wegen Tierquälerei während der Olympischen Spiele hat die Tierschutzorganisation IG Wild bei der Staatsanwaltschaft Lausanne Strafanzeige gegen das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Fédération Equestre Internationale (FEI), den internationalen Reitverband, erhoben. In vier Fällen hätten die Veranstalter offensichtliche Tierquälerei nicht verhindert, wird ihnen vorgeworfen.

Dem IOC und der FEI werden Verletzungen der Tierschutzgesetzgebung und Verstösse gegen mehrere Artikel des Tierschutzgesetzes und der Tierschutzverordnung vorgeworfen. Das IOC nehme es mit «seinen verfehlten Regelwerken in Kauf, dass Pferden an vom IOC organisierten Wettkämpfen Leid zugefügt wird», heisst es in der Strafanzeige. Als Organisator der Wettkämpfe wären das IOC und seine Verantwortlichen «verpflichtet, dafür zu sorgen, dass die eingesetzten Tiere weder misshandelt, noch ihnen in anderer Form Leid zugefügt wird», so Carl Sonnthal im Namen der IG Wild beim Wild.

Keine Reaktion auf die Brust voller Blut

Der Wallach Jet Set des Schweizer Vielseitigkeitsreiters Robin Godel musste eingeschläfert werden, nachdem er sich bei einer äusserst schwierigen Geländeprüfung in Tokio eine schwere und nicht operable Bänderverletzung zugezogen hatte.

Jet Set, das Pferd des Schweizers Robin Godel, musste nach einem Geländeritt eingeschläfert werden.

Jet Set, das Pferd des Schweizers Robin Godel, musste nach einem Geländeritt eingeschläfert werden.

Carolyn Kaster / AP

Während des Ritts des Iren Cian O’Connor begann der neunjährige Schimmel Kilkenny heftig aus beiden Nasenlöchern zu bluten. Das Blut rann so stark, dass das Pferd kaum mehr atmen konnte und schliesslich die ganze Brust voller Blut und das Pferd am Ende des Ritts offensichtlich erschöpft war. Kein Turnierverantwortlicher reagierte auf die leidvolle Lage des Pferdes.

Den Beschuldigten habe jegliches Interesse, Leid zu verhindern, gefehlt. Sie stoppten die Quälerei auch nicht, als sie augenfällig wurde. «Sie haben damit das Leiden des Pferdes in Kauf genommen und durch Nichtabklingeln gemehrt», schreibt die IG Wild beim Wild.

Die Schreie und Hiebe der deutschen Trainerin

In der Dressur führt blutiger Schaum zum Ausschluss. In der Strafanzeige heisst es:

«Weshalb beim Springen ein blutiges Maul nur dann zum Ausschluss führt, wenn die zuständige richtende Person die Ursache für das Blut in der Hilfengebung des Reitenden über das Gebiss sieht, ist ebenso unerklärlich, wie weshalb starkes Bluten aus der Nase mit entsprechender Atembehinderung zu keinerlei Massnahmen führt.»

Die deutsche Reiterin Annika Schleu versuchte, das Pferd Saint Boy mit Hieben mit der Gerte und Tritten mit den Sporen in den Parcours und über die Hindernisse zu bringen. Die Trainerin schlug mit der Faust auf das verstörte, schweissnasse, panische Pferd und brüllte: «Hau zu, hau richtig zu.» Im Fall von Saint Boy komme hinzu, dass das Pferd bereits unter der Vorreiterin massive Stresssymptome gezeigt habe. Dennoch sei jedes Handeln zum Schutz des Tiers ausgeblieben. «Was sich in Tokios Baji Koen Equestrian Park ereignete, war weit entfernt vom normalen Springreiten und sollte stattdessen als pure Tierquälerei bezeichnet werden», so Carl Sonnthal in seiner Strafanzeige.

Die Deutsche Schleu war völlig aufgelöst und weinte bittere Tränen.

Die Deutsche Schleu war völlig aufgelöst und weinte bittere Tränen.

Keystone

IG Wild beim Wild: «Behandlungen werden toleriert, die den Pferden Leid zufügen»

Die IG Wild beim Wild wirft dem IOC und der FEI vor, mit der Organisation solcher Wettkämpfe seit Jahren gegen die Tierschutzgesetzgebung zu verstossen, indem sie an diesen Anlässen den Tieren Leistungen abverlangten, denen sie nicht gewachsen seien.

Ausserdem würden Behandlungen durch Reiterinnen und Reiter toleriert, die den Pferden Leid und Schmerzen zufügten.

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