Radsport

Andy Rihs: Der Mann mit den Bernhardineraugen

Andy Rihs trug den Radsport zeit seines Lebens im Herzen.

Andy Rihs trug den Radsport zeit seines Lebens im Herzen.

Andy Rihs, einer der grössten Sportförderer der Schweiz, ist tot. Der Unternehmer engagierte sich mit Herzblut und Idealismus im Radsport. Unser Radsport-Experte Marcel Kuchta erinnert sich.

Die Augen! Was mir von Andy Rihs am meisten geblieben ist, sind diese Bernhardineraugen, die so freundlich und treuherzig dreinblicken konnten. Die aber auch eine unvergleichliche Traurigkeit auszudrücken vermochten. Den glücklichen Andy Rihs durfte man immer wieder erleben.

Während der Tour de France etwa, wenn er seine Fahrer nach gewonnenen Etappen umarmte, von deren heldenhaften Ritten über die Pässe schwärmte. Den Unglücklichen stets dann, wenn er mal wieder masslos enttäuscht wurde. Wenn einer seiner Lieblinge, denen er so sehr vertraute, wegen Dopingmissbrauchs überführt wurde und er sich an einer Pressekonferenz erklären musste.

Ja, diese Pressekonferenzen. Ich erinnere mich noch sehr gut an jene mit Tyler Hamilton in einem Hotel in Regensdorf im Jahr 2003. Als der US-Star im Phonak-Team unter konkretem Doping-Verdacht stand, aber mit seinem ebenso wunderbaren Hundeblick bei allem, was ihm lieb, teuer und heilig war, schwörte, dass er nichts Unrechtes getan habe.

Und schon gar nicht gedopt habe. Neben ihm sass Andy Rihs, mit traurigem, aber auch mit entschlossenem Gesichtsausdruck. Und der Nachricht für die Öffentlichkeit, dass man alle juristischen Hebel in Bewegung setzen werde, um Tyler Hamilton von den Anschuldigungen zu entlasten.

Da war er, der Andy Rihs. Der Enthusiast, der Kämpfer, der Mann, der immer an das Gute im Menschen glaubte.

Die Phonak Zeiten

Die Sportgeschichte hat uns bekanntlich gelehrt, dass Tyler Hamilton, der damals, zu Beginn des Jahrtausends mit dem Schweizer Phonak-Rennstall die Dominanz des allmächtigen Lance Armstrong an der Tour de France durchbrechen sollte, sehr wohl betrogen hat. Wie der Grossteil seiner Konkurrenten übrigens auch.

Es dauerte ein paar weitere Jahre, ehe Andy Rihs, der Millionen in sein Profi-Radteam butterte, zur Erkenntnis kam, dass seine Grosszügigkeit und seine Gutgläubigkeit schamlos ausgenutzt worden waren. Ich erinnere mich an die (Skandal-)Tour de France 2006.

In den Pyrenäen hatte der neue Teamleader, Floyd Landis, erstmals überhaupt für Phonak das Maillot jaune geholt. Am Tag danach hatte ich einen überglücklichen Teambesitzer am Telefon, der seine Freude über die Erfüllung seines lang gehegten Traums artikulierte und eine Lobeshymne auf die Entwicklung der Phonak-Crew nach den zahlreichen Dopingskandalen sang.

Ein strahlender Martin Elmiger, links, vom Team Phonak mit Phonak Boss Andy Rihs, rechts, nach seinem Sieg beim Grand Prix Gippingen in Gippingen AG am Sonntag, 15. Juni 2003.

Ein strahlender Martin Elmiger, links, vom Team Phonak mit Phonak Boss Andy Rihs, rechts, nach seinem Sieg beim Grand Prix Gippingen in Gippingen AG am Sonntag, 15. Juni 2003.

In Mâcon, nur unweit der Schweizer Grenze, sicherte sich Floyd Landis ein paar Tage später den Gesamtsieg der wichtigsten Radrundfahrt der Welt. Andy Rihs war seinem Star während des Zeitfahrens im Teamauto gefolgt. Als im Ziel klar war, dass Landis der Triumph nicht mehr zu nehmen sein würde, da strahlten die Bernhardiner-Augen. Da sah man einen Andy Rihs, der überzeugt war, dass seine guten Absichten nun endlich belohnt worden waren.

Der Rest dieses Dramas ist bekannt. Wenige Tage nach dem rauschenden Abschlussfest in Paris wurde bekannt, dass auch Landis betrogen hat. Der Tour-Sieg war wieder weg. Und bei Rihs, diesem unerschütterlichen Optimisten und Idealisten reifte die Erkenntnis, dass seine Zeit als Radsport-Investor nun abgelaufen ist.

Wie wir wissen, hielt seine Abstinenz nicht lange an. Mit dem BMC-Team fand er – aller Rückschläge zum Trotz – wieder Unterschlupf in seinem Herzensbusiness. Durfte 2011 mit Cadel Evans doch noch einen Tour-Triumph feiern. Holte die Tour de France 2016 nach Bern. Am Ende durfte er mit sich und der Radsportwelt wieder im Reinen sein. Als ich Andy Rihs das letzte Mal sah, da strahlten seine Augen. Gut, darf ich ihn so in Erinnerung behalten.

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