Analyse
Murat Yakin als Nationaltrainer? Warum er sich die Chance trotz vieler Bedenken verdient hat

Die Suche nach dem neuen Fussball Nationaltrainer ist beendet. Murat Yakin wird die Nachfolge von Vladimir Petkovic antreten. Es ist eine spannende und gute Wahl – eine Analyse.

Etienne Wuillemin
Etienne Wuillemin
Drucken
Teilen
Murat Yakin, hier als Trainer der Zürcher Grasshoppers. Er übernimmt die Nachfolge von Vladimir Petkovic.

Murat Yakin, hier als Trainer der Zürcher Grasshoppers. Er übernimmt die Nachfolge von Vladimir Petkovic.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Es sind nur noch ein paar kleine Details, die es zu klären gilt. Dann steht der Vertrag bereit für die Unterschrift des Hauptdarstellers: Murat Yakin. Heute Vormittag wird es soweit sein. Und wenn alles so reibungslos verläuft, wie sich das der Schweizer Fussballverband vorstellt, kann Yakin der Öffentlichkeit bereits am Nachmittag als neuer Schweizer Fussball-Nationaltrainer vorgestellt werden.

Was ist davon zu halten? Zunächst einmal: Die Herausforderungen als Nati-Trainer in den nächsten acht Monaten sind riesig. Das grosse Ziel ist die WM 2022 in Katar. Sechs Qualifikationsspiele stehen im September, Oktober und November an. Nur der Gruppensieger ist direkt qualifiziert. Der Favorit heisst Italien, die Schweiz ist der Herausforderer. Beide Teams sind bis anhin verlustpunktlos. Am 5. September kommt es in Basel zum ersten Duell. Das ist Ausgangslage für den neuen Nationaltrainer. Sie ist gewiss nicht ohne Risiko. Weil kaum Zeit bleibt für Veränderungen. Weil es Schlag auf Schlag in diesem Herbst. Und weil es eben sehr gut möglich ist, dass die Schweiz im März 2022 die Barrage bestreiten muss. Zwei Siege in Halbfinal und Final (ohne Rückspiele) bräuchte es dann, um sich für die WM zu qualifizieren.

Die erste grosse Herausforderung: Bereits am 5. September steht das WM-Qualifikationsspiel Schweiz-Italien auf dem Programm. Nach dem 0:3 an der EM sinnt die Schweiz auf Revanche – Yakin ist ein Trainer, der grosse Herausforderungen mag.

Die erste grosse Herausforderung: Bereits am 5. September steht das WM-Qualifikationsspiel Schweiz-Italien auf dem Programm. Nach dem 0:3 an der EM sinnt die Schweiz auf Revanche – Yakin ist ein Trainer, der grosse Herausforderungen mag.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Nun ist Murat Yakin ein Trainer, der mit einem gesunden Selbstvertrauen gesegnet ist. Er knickt auch vor grossen Hürden nicht ein, sondern er wächst an den Herausforderungen. Er ist dann am besten, wenn die Aufgabe am schwierigsten ist. Das hat er in seiner Trainerlaufbahn immer wieder bewiesen. Ob in Thun, Luzern oder Basel. Immer wieder staunte die Schweiz. Den FCB führte er in den Halbfinal der Europa League. In der Champions League besiegte er Chelsea gleich zweimal. In diesen Momenten wurde offensichtlich, dass Yakin ein Spezialist ist für grosse Spiele. Ein Trainer auch, der im taktischen Bereich keine Vergleiche scheuen muss. Einer, der die Gabe hat, ein Spiel zu lesen und zu prägen.

Yakin führte den FCB zu mehreren grossen Momenten, unter anderem siegten die Basler zweimal in der Champions League gegen Chelsea, und der FCB erreicht den Halbfinal der Europa League (auf dem Bild Mohamed Salah nach einem Treffer im Halbfinal-Rückspiel, ebenfalls gegen Chelsea).

Yakin führte den FCB zu mehreren grossen Momenten, unter anderem siegten die Basler zweimal in der Champions League gegen Chelsea, und der FCB erreicht den Halbfinal der Europa League (auf dem Bild Mohamed Salah nach einem Treffer im Halbfinal-Rückspiel, ebenfalls gegen Chelsea).

Georgios Kefalas / KEYSTONE
Yakin im Interview im April 2016.

Yakin im Interview im April 2016.

Dass Yakin darum als Nationaltrainer prädestiniert sein könnte, wurde schnell offensichtlich. 2016, er hatte gerade sein Abenteuer in Russland bei Spartak Moskau hinter sich, sagte Yakin in einem Interview mit der «Schweiz am Sonntag»: «Der Nati-Job würde mich reizen.» Doch dann folgten Jahre, in denen seine Trainerkarriere nicht mehr reibungslos verlief. Gerade bei GC und Sion ging es ziemlich schnell mehr um Machtkämpfe als um den Fussball. Und Yakin offenbarte seine sensible Seite. Er ist ein Trainer, der viel Rückendeckung und Wertschätzung aus dem Umfeld des Klubs braucht. Vielleicht sogar Bewunderung. Womit wir bei den entscheidenden Fragen wären: Wie sehr kann sich Yakin als Nationaltrainer entfalten? Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit mit Nati-Direktor Pierluigi Tami? Und natürlich: Findet er den Draht zu den wichtigsten Spielern dieser Nati?

Immer wieder tauchen Vorbehalte auf gegenüber Yakin. Manch einer nennt ihn stur oder eigenwillig. Oder, um es etwas positiver zu formulieren: konsequent. Zum Ende seiner Zeit beim FCB gab es immer wieder Reibungen mit Führungsspielern. Wenn Yakin etwas für richtig hielt, zog er es auch durch, und nahm dabei keine Rücksicht auf Namen. Er konnte als Luzern-Trainer seinen Bruder Hakan regelmässig auswechseln. Er konnte in Basel Alex Frei plötzlich auf den linken Flügel stellen. Und trotzdem darf man eines nicht vergessen: Yakin hat ein sehr gutes Gespür für Menschen. Es ist eine Qualität, die einem Nationaltrainer nur helfen kann.

Die neue Heimat von Vladimir Petkovic ist Girondins Bordeaux. Petkovic ist mit 78 Einsätzen der Schweizer Rekord-Nationaltrainer.

Die neue Heimat von Vladimir Petkovic ist Girondins Bordeaux. Petkovic ist mit 78 Einsätzen der Schweizer Rekord-Nationaltrainer.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Vermutlich ist Yakin in vielen Punkten gar nicht so unähnlich wie sein Vorgänger Vladimir Petkovic. Die Entscheidungsträger im Schweizer Fussballverband sind allesamt überzeugt von Yakin. Allen voran Pierluigi Tami. Er ist es, der Yakin im Alltag führen wird. Auch Tami hat ein feines Gespür für Grautöne. In der Zusammenarbeit mit Petkovic – sie war nicht immer einfach – überzeugte Tami. Gut möglich also, dass er auch mit Yakin harmonieren wird.

Mit der Vertragsunterzeichnung endet heute eine Nationaltrainer-­Suche, die herausfordernd war. Der Zeitpunkt des Abgangs von Petkovic nach Frankreich zu Girondins Bordeaux war alles andere als ideal. Der Verband war unter Zugzwang, es musste eine schnelle Lösung her. Trainer wie Lucien Favre oder Urs Fischer standen nicht zur Verfügung. Der langjährige Arsenal-Trainer Arsène Wenger wollte nicht. Am Ende setzte sich Yakin gegen René Weiler und Bernard Challandes durch.

Gestern Sonntag coachte der bald 47-jährige Yakin noch ein letztes Mal den FC Schaffhausen. Er verabschiedet sich mit einem 1:1 gegen Winterthur aus der Challenge League. In Erwartung der Chance seines Lebens. Er hat sie sich verdient.

Aktuelle Nachrichten