Handabll-WM
Am Tag, als sein verstorbener Vater zur Welt kam, zeigt Nati-Captain Nikola Portner eine Weltklasse-Leistung

Vier Wochen musste der Schweizer Stammkeeper in Quarantäne. Seit drei Monaten hat er noch immer keinen Geschmackssinn. Und im September ist sein Vater Zlatko gestorben. Nikola Portner hat schwierige Monate hinter sich. Doch er trotzt den Widrigkeiten. Auch am Montag gegen Frankreich?

François Schmid-Bechtel
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Handball-Natigoalie Nikola Portner gegen Norwegen: 42 Prozent der Schüsse des WM-Zweiten von 2019 pariert - das ist ein absoluter Spitzenwert.

Handball-Natigoalie Nikola Portner gegen Norwegen: 42 Prozent der Schüsse des WM-Zweiten von 2019 pariert - das ist ein absoluter Spitzenwert.

Keystone

Zehn Schüsse, zehn Gegentore. Ein Horror für jeden Torhüter. Der Start des Schweizer Nati-Captains ins WM-Abenteuer ist, gelinde gesagt, ernüchternd. Erst recht für einen Ehrgeizling, ja einen Besessenen wie Nikola Portner. Nationaltrainer Michael Suter reagiert. Nimmt ihn nach rund 20 Minuten runter. Und lässt ihn für den Rest des Spiels auf der Bank.

Zugespitzt formuliert: Portners Anteil am heroischen Sieg gegen Österreich beim ersten WM-Auftritt nach 26 Jahren ist null. So stehts in der Statistik: Null Prozent gehaltene Schüsse. Aber Portner hat 2018 mit Montpellier nicht die Champions League gewonnen – notabene als bisher einziger Schweizer – weil er sich durch Widrigkeiten aus dem Konzept bringen lässt.

Portner: «Ich ändere nichts an meinem Spiel, wenn es mal nicht läuft.»

Er bleibt ruhig, er zweifelt nicht, er behält den Fokus. «Es gibt Torhüter, die sofort etwas in ihrem Spiel ändern, wenn es nicht klappt und zu zaudern beginnen. Ich bin das absolute Gegenteil», sagt der 27-jährige Portner. «Ich weiss, was ich will. Ich kenne meine Stärken, ich kenne meinen Weg. Daran halte ich fest und das ist wohl meine grosse Stärke.»

Portner ändert im Hinblick auf das Norwegen-Spiel nichts. Aber der Trainer tuts. In der Startformation steht Aurel Bringolf. Portner sitzt draussen. «Angeschissen», habe ihn der Entscheid. Trotzdem bleibt er fokussiert. Das zahlt sich aus. Nach der Pause ist er zurück auf der Platte und zeigt eine phänomenale Darbietung. 42 Prozent der Schüsse pariert er. Das ist aussergewöhnlich.

Seltenes Bild: Die Schweizer Defensive mit Michal Svajlen (links) und Alen Milosevic hat den norwegischen Superstar Sander Sagosen im Griff.

Seltenes Bild: Die Schweizer Defensive mit Michal Svajlen (links) und Alen Milosevic hat den norwegischen Superstar Sander Sagosen im Griff.

Anne-Christine Poujoulat / Pool / EPA

Für den Coup gegen Norwegen fehlen auch die Tore von Andy Schmid

Trotzdem reicht es nicht, den WM-Zweiten von 2019 gegen Ende der Partie in Bedrängnis zu bringen. Die Schweiz verliert 25:31. Dies hat mehrere Gründe. Erstens: Andy Schmid schliesst nur viermal ab und erzielt dabei lediglich ein Tor. Zweitens: Von Nicolas Raemy, dem einzigen Linkshänder im Rückraum, kommt zu wenig. Drittens: Immer, wenn man denkt, die Schweiz könnte Tuchfühlung mit den Norwegern aufnehmen, ist Sander Sagosen zur Stelle. Elf Treffer markiert der Superstar von Champions-League-Sieger Kiel.

Trotzdem war es ein guter Auftritt der Schweizer. Allein, dass die favorisierten Norweger mit ihren acht besten Akteuren durchspielten, um bloss nichts anbrennen zu lassen, ist für die Schweizer als Kompliment zu werten.

Gala am Tag, als der verstorbene Vater zur Welt kam

Einer überragte alle: Nikola Portner. Und das am Abend des 16. Januar. Am gleichen Tag vor 59 Jahren ist Portners Vater Zlatko im früheren Jugoslawien zur Welt gekommen. Aus ihm wurde ein grosser Handballer. Weltmeister 1986, Olympia-Bronze 1988. Er war einer der besten Rückraumspieler der Welt. Später liess Portner seine Karriere in Bern und Zofingen ausklingen.

Seinen Sohn förderte er auf eine spezielle Weise. Wenn die beiden miteinander spielten und der kleine Nikola im Tor stand, warf der Vater mit voller Kraft. Mit 17 debütierte Nikola Portner in der NLA für Bern Muri. Danach der Wechsel zu Kadetten Schaffhausen. Und von dort 2016 zum französischen Spitzenteam Montpellier.

Portner gewinnt 2018 mit Montpellier die Champions League

In Südfrankreich geht der Aufstieg Portners unaufhaltsam weiter, bis ihn Patrice Canayer, Trainer und Sportchef in Montpellier, zu Beginn der Saison 2019/20 zur Nummer 3 degradiert. «Ich weiss, dass der Entscheid des Trainers weder sportliche noch persönliche Gründe hat», sagt Portner. Aber obwohl die Konkurrenten nicht brillieren, erhält Portner keine Chance mehr.

Seit einem Jahr spielt er in der französischen Liga wieder eine wichtige Rolle. In Chambéry, derzeit in der 16er-Liga auf Platz 8 klassiert, ist er unbestritten. Brisant: Am Montag trifft die Schweiz im letzten Gruppenspiel auf Frankreich, den WM-Dritten von 2019. «Ein geiles Spiel, vor allem für uns», sagt Portner. Und wieso? «Gegen den sechsfachen Weltmeister zu spielen ist eine besondere Sache. Das sind Spiele, die wir brauchen, um besser zu werden. So gut, dass wir künftig Testspiele nicht mehr gegen Lettland oder Italien, sondern gegen Frankreich und Deutschland absolvieren können.»

Trotz des zuletzt grossartigen Auftritts hat Portner schwierige Monate hinter sich. Im September starb Vater, Mentor und Freund Zlatko («Es liegt in meiner Verantwortung, sein Erbe weiterzuführen»). Danach infizierte sich Portner wie zehn seiner Mitspieler mit dem Coronavirus. Vier Wochen musste er in Quarantäne. Und der Krankheitsverlauf sei besonders schlimm gewesen. Portner verlor mehrere Kilo Kampfgewicht und der Geschmackssinn ist bis heute nicht intakt. Zum Glück hindert ihn das nicht daran, seinen eigenen Ansprüche, ein Weltklasse-Goalie zu sein, gerecht zu werden.