Challenge League
Wieso Erfolgstrainer Gabriele bei der AC Bellinzona gehen muss

Die AC Bellinzona feuert ihren Erfolgstrainer Francesco Gabriele nach einer halben Saison. Weil Hakan Yakin Druck gemacht hat und Gabrieles Abgang schon von Anfang an feststand. Die Tessiner missbrauchten ihn als Platzhalter für einen anderen.

Ruedi Kuhn
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Francesco Gabriele wies der AC Bellinzona den Weg. Er muss nun trotzem packen.

Francesco Gabriele wies der AC Bellinzona den Weg. Er muss nun trotzem packen.

Keystone

Wieso muss ein Trainer gehen, der in elf Spielen mit seinem Team 25 Punkte macht? Das fragen sich heute alle Fussball-Experten im Land. Genau das hat die AC Bellinzona gemacht. Sie hat ihren Erfolgstrainer gefeuert. Und auch der Sportchef Giuseppe Bifulco muss sein Büro räumen.

«Hallo Francesco, bist du entlassen?»

Die Entlassung von Trainer Francesco Gabriele bei der AC Bellinzona. Oder: Fussball ist ein Drecksgeschäft.

Donnerstag, 18.30 Uhr. Ich sitze beim Nachtessen. Denke an nichts Böses. Das iPhone klingelt. Es ist ein Schulfreund aus früheren Zeiten, der seit Jahren im Tessin lebt. Seine Stimme klingt ganz aufgeregt. Er sagt: «Weisst Du schon, dass Francesco Gabriele bei Bellinzona entlassen worden ist?» Ich wusste es nicht. Natürlich gab es Gerüchte. Seit Tagen. Seit Wochen. Ich konnte es mir aber einfach nicht vorstellen. Schliesslich hat der 35-Jährige gute Arbeit geleistet und den Verein in der Challenge League auf Platz zwei geführt. Seine Bilanz: 11 Spiele, 25 Punkte.

Trotzdem habe ich ein mulmiges Gefühl. Die Sache ist mir peinlich. Als gewissenhafter Journalist will ich wissen, was Sache ist. Ich rufe Gabriele an und frage ihn, ob er tatsächlich entlassen sei. Er weiss von Nichts, spricht von einem Termin am Freitag mit seinem Präsidenten Gabriele Giulini. Dabei gehe es allerdings nur um die Vorbereitung und Planung für die Rückrunde dieser Saison. Gut so. Oder doch nicht? Ich traue der Sache nicht. Was soll's? Irgendwann will ich meinen verdienten Feierabend geniessen.

Am Freitag klingelt mein iPhone erneut. Um 8.47 Uhr erreicht mich folgende Kurznachricht von Gabriele: «Jetzt ischs offiziell ...! Siehe Homepage AC Bellinzona ... Frohe Festtage ... Und danke für die respektvolle Zusammenarbeit ...» Gabriele ist tatsächlich entlassen. Ich bin wütend, schockiert. Obwohl ich eines eigentlich schon seit Jahren weiss: Fussball ist ein Drecksgeschäft. (ruku)

Grabriele will die Entlassung nicht kommentieren. «Ich will dazu nichts sagen», meint er zur az. Heute früh ist er vom Präsidenten Gabriele Giulini offiziell informiert worden, dass er entlassen wird, er ahnte es schon gestern, zumal entsprechende Gerüche bereits im Schweizer Blätterwald kursierten.

Bilanz spricht für Gabriele

«Ich bin dem Verein und dem Präsidenten dankbar, dass ich die Arbeit machen durfte, es war eine Riesenchance für mich», sagt er. Tatsächlich: Gabriele hat die Chance gepackt und kann erhobenen Hauptes von Bellinzona weggehen. Sein Vertrag läuft noch bis Ende Saison. «Ich wünsche der AC Bellinzona alles Gute.»

Die Bilanz spricht für Gabriele. In 11 Spielen hat er mit der ACB 25 Punkte gemacht, in der Tabelle liegt der Club hinter Aarau an zweiter Stelle.

Andermatt soll übernehmen

Die unglaublichste Entlassung seit Jahrzehnten im Schweizer Fussball gibt den Gerüchten wieder auftrieb, die seit Anfang an kursierten, nämlich, dass die AC Bellinzona Gabriele nur wegen den notwendigen Papieren (Uefa Pro Lizenz) installiert hat und von Anfang wusste, dass der Trainer Ende Vorrunde den Sessel wieder räumen muss. Gabriele wurde also als Freiwild der Vereinsführung missbraucht.

Es wundert daher nicht, dass bereits ein Nachfolger bereitstehen soll, wie mit der ACB vertraute Kreise wissen. Und dieser ist kein Geringerer als Martin Andermatt - ausgerechnet jener Trainer, der Ende letzter Saison nach verpasster Barrage-Qualifikation gehen musste.

Option FC Aarau

Gerüchten zu Folge soll zuletzt auch Hakan Yakin gegen Gabriele intrigiert haben. Die launische Diva konnte den Entscheid des Trainers, ihn auf die Ersatzbank zu verbannen, nicht akzeptieren.

Gabriele nimmt das Ganze mit einer schönen Portion Galgenhumor. «Ich wünsche der AC Bellinzona schöne Festtage», sagt er.

Um seine Zukunft muss sich Gabriele wohl keine allzu grossen Sorgen machen. Seine Leistungsweise in Baden und Bellinzona sind Qualifikation genug. Sollte der Trainerposten beim FC Aarau tatsächlich frei werden, weil René Weiler zum FC Zürich geht, dann wäre Gabriele in Aarau erste Wahl. Im Aargau ist er jedenfalls auch kein Unbekannter. Bevor er ins Tessin ging, wirkte er mit grossem Erfolg bei Baden und beim Team Aargau.

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