Eine Lautsprecher-Durchsage hallt über das weitläufige Gelände des Aargauer Kantonalturnfestes in Muri. «Guido Acklin hat die Tagesbestleistung im Kugelstossen errungen.» Einige Besucher des Festes versuchen wohl, ihre grauen Zellen zu ordnen und erinnern sich an den Namen: Guido Acklin ist ein ehemaliger Bobfahrer, der in den 1990er Jahren als Anschieber für Furore sorgte. Er gewann mit seinem Piloten Reto Götschi an den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer die Silbermedaille im Zweierbob. Zudem holte er an Weltmeisterschaften je eine Gold- und eine Bronzemedaille. Am Samstag trat er nun mit dem STV Herznach im dreiteiligen Vereinswettkampf der Kategorie Frauen/Männer an.

Guido Acklin (links) und Reto Götschi (zweiter von links) holten sich die olympische Silbermedaille 1994 in Lillehammer.

Guido Acklin (links) und Reto Götschi (zweiter von links) holten sich die olympische Silbermedaille 1994 in Lillehammer.

Ein (ehemaliger) Spitzenbobfahrer am Kantonalturnfest? Speziell? Nein. Keine Seltenheit, wie bereits der Freitag zeigte. Ebenfalls für den STV Herznach mit dabei waren die aktiven Bobfahrer und Turner Gian Wälchli (20) sowie die Gebrüder Roger (24) und Marco Leimgruber (30). Wälchli trat im Sechskampf an, die beiden Leimgruber im Turnwettkampf.

Roger kam dabei auch auf den bemerkenswerten zweiten Rang. Dass die drei gute Turner sind, stand schon zuvor ausser Frage, schliesslich entthronte Wälchli am eidgenössischen Schwingfest 2016 im Steinstossen seinen Herznacher Lehrmeister Simon Hunziker, der das Steinstossen schon seit Jahren prägt. Stein- und Kugelstossen sind dann auch die Paradedisziplinen der drei. Zumindest im Sommer. Denn im Winter rasen sie in einem Bob mit 140 Kilometer pro Stunde durch einen Eiskanal. Marco Leimgruber gehört zum Team von Pilot Beat Hefti. Wälchli und Roger Leimgruber sind noch Bob-Junioren (bis 26 Jahre) und im Team Rohner aktiv.

Simon Hunziker wurde am eidgenössichen Schwingfest 2016 in Estavayer von Gian Wälchli distanziert.

Simon Hunziker wurde am eidgenössichen Schwingfest 2016 in Estavayer von Gian Wälchli distanziert.

Ein Turnfest als Ausgangspunkt

Dabei kamen alle drei relativ unvermittelt zum Bobsport. Bob-Piloten wie Beat Hefti veranstalten in Zusammenarbeit mit dem Verband Swiss-Sliding Anschiebewettbewerbe an Turnfesten. Dabei wird ein Bob auf mobilen Schienen aufgestellt und jeder, der will, darf sich versuchen. Die besten dürfen mit dem Bob-Team ins Trainingslager. «Simon Hunziker hat Gian Wälchli und mich letzten Sommer an einen Anschiebewettkampf angemeldet. Ich hatte bis dahin noch nie einen Bob aus der Nähe gesehen», sagt Roger Leimgruber lachend.

Sie mussten für Hunziker in die Bresche springen: «Ich hatte keine Zeit, also habe ich gedacht, die beiden können das machen. Für mich war schon lange klar, dass die beiden irgendwann Bob fahren. Ich habe die beide schon seit der Jugendgruppe unter meiner Obhut und weiss, was sie drauf haben. Jetzt sind sie dort, wo sie hingehören», sagt Hunziker. Sie konnten das Team und den Verband beide überzeugen und sind so im Bobsport angekommen. Auch Marco Leimgruber kam durch einen ähnlichen Anlass zum Bob.

So sieht die mobile Anschiebebahn aus.

So sieht die mobile Anschiebebahn aus.

Warum genau man vom Turnen plötzlich in den Bobsport wechselt, kann keiner wirklich beantworten: «Ich wollte einfach mal wissen, wie das ist. Dann habe ich gemerkt, dass ich zu den Besseren gehöre», sagt Marco Leimgruber zu seinen persönlichen Beweggründen. Sein Bruder Roger sagt: «Es kann im Bobsport sehr schnell gehen. Man kommt unter Umständen sehr schnell weiter. Der Reiz ist natürlich auch, dass man eventuell mal an den Olympischen Spielen teilnehmen kann.» Und: «Es macht einfach unglaublich viel Spass.»

Dass Turner gute Bob-Anschieber sind, verwundert nicht. «Die beiden Sportarten sind sich ähnlich», sagt Roger Leimgruber. Bei beiden ist die Schnellkraft entscheidend. «Deshalb sind die Steinstösser für die Bob-Teams auch so interessant», erklärt Simon Hunziker, der auch einige Europacup-Rennen im Bob gefahren ist. «Bob kann man halt nicht schon mit acht Jahren trainieren.» Dazu kommt das Gewicht, das ein Bobfahrer braucht, um seinen Schlitten möglichst schnell zu machen. Hunziker sagt: «Wenn man diese Bedingungen erfüllt, ist Bob fahren nicht so schwierig.»

Das ist Steinstossen.

Das ist Steinstossen.

Dass man zwei Sportarten als Spitzensportler betreiben kann, ist hingegen ungewöhnlich. Beim Bob fahren und beim Turnen geht das aber erstaunlich gut, wie die Teilnahme der drei am Kantonalturnfest beweist. «Neben dem Krafttraining, das wir vorher schon gemacht haben, trainieren wir jetzt auch noch Sprünge und Sprints. Das hilft beim Turnen sogar», sagt Roger Leimgruber. Sein Bruder Marco sagt: «Beide Sportarten bergen wenig Verletzungsgefahr, deshalb geht es eher zusammen als andere Kombinationen.»

Die Kantonalturnfest-Bilder vom Freitag:

Für Hunziker ist es die ideale Ergänzung: «Im Sommer muss man wegen den Turnwettkämpfen immer etwas machen, man ist also immer trainiert. Im Winter kann man dann den Bobsport betreiben.» Doch was seine ehemaligen Schützlinge nicht sagen, Hunziker aber schon: «Es ist natürlich eine Abwägungssache. Wenn man zwei Tage nach dem Turnfest einen Bob-Leistungstest absolvieren muss, muss man Prioritäten setzen. Aber am Aargauer Kantonalturnfest will man natürlich dabei sein, es ist eine grosse Sache.»

Gian Wälchli und Roger Leimgruber schieben momentan gemeinsam einen Viererbob an. Hunziker spornt die beiden zu höheren Zielen an: «Ich habe ihnen gesagt, sie sollten zusammen im Zweierbob starten.» Dann müsste einer der beiden die Bobschule machen und Pilot werden. «Das ist jetzt noch nicht das Ziel», sagt Roger Leimgruber. In erster Linie wollen die beiden im Europacup Fuss fassen. Danach sollen die Weltcupeinsätze folgen. Sein Vereinskollege und Lehrmeister Hunziker sagt: «Beide sind brutal ehrgeizig. Deshalb bin ich mir sicher, dass man noch von ihnen hören wird.» Für Roger Leimgruber ist bereits jetzt klar: «Das Ziel unseres Teams ist, an den Olympischen Spielen teilzunehmen.»

Doch bevor sie in 2018 in Pyeongchang oder 2022 in Peking antreten können werden alle drei am Freitag und Samstag noch einmal in Muri am Aargauer Kantonalturnfest gefordert. Sie treten mit dem STV Herznach beim Höhepunkt des Turnfestes an: dem 3-teiligen Vereinswettkampf der Aktiven.