Leichtathletik-WM

Staffelläuferin Giulia Senn: Das Küken lernt fliegen

Die 17-jährige Staffelläuferin Giulia Senn aus Bellikon sammelt an der Leichtathletik-WM in Doha Erfahrungen – wenn auch vorerst als Ersatzläuferin.

Die 17-jährige Staffelläuferin Giulia Senn aus Bellikon sammelt an der Leichtathletik-WM in Doha Erfahrungen – wenn auch vorerst als Ersatzläuferin.

Die 17-jährige Aargauer Staffelläuferin Giulia Senn ist in Doha, um sich mit der speziellen Atmosphäre einer Weltmeisterschaft vertraut zu machen.

Der Aargau hat eine WM-Teilnehmerin in der Leichtathletik. Zwar ist Giulia Senn aus Bellikon am Samstag «nur» Ersatzläuferin der Schweizer 4×400-m-Staffel, trotzdem kann die Kantischülerin einige für die Zukunft vielversprechende Argumente in die Waagschale werfen.

Zum Ersten ist Senn die Jüngste des Schweizer Teams in Doha. Mit 17 Jahren bereits an einer Weltmeisterschaft der Elite dabei zu sein, dürfen nicht viele für sich in Anspruch nehmen. Zum Zweiten hat die Athletin der LV Wettingen-Baden mit dem Wechsel des Trainingsortes nach Zürich zu Nationaltrainer Flavio Zberg ihr riesiges Potenzial erst offenbart. Seit sie mehrheitlich beim LC Zürich trainiert, senkte sie ihre Bestmarke über 400 Meter um mehr als eineinhalb Sekunden auf aktuell 54,22.

Und zum Dritten ist das Schweizer Staffelteam auf gutem Weg, sich als eine von 16 Nationen für die Olympischen Spiele im nächsten Sommer in Tokio zu qualifizieren. Der Sprung ins Team bereits in 10 Monaten erscheint aufgrund der kleinen Leistungsdifferenzen zu den Positionen drei und vier realistisch.

Erfahrung als Puzzleteil für den Erfolg an Grossanlässen

Träumen ist erlaubt, aber auch die Realität mag Giulia Senn zu entzücken. Zwar hat sie seit 2017 mit der europäischen Jugend-Olympiade, der U18- und U20-EM in jedem Jahr bereits Erfahrungen an internationalen Meisterschaften sammeln dürfen. Doch eine WM ist noch einmal eine andere Dimension. «Als ich zum ersten Mal in dieses krasse Stadion reinkam, war das schon ein Wow-Effekt», gibt Senn zu, «alles ist zwei Nummern grösser als das, was ich bisher kannte.» Und es sei beeindruckend, im Hotel oder im Stadion so vielen bekannten Athletinnen zu begegnen, «die doch eigentlich meine Idole sind».

Giulia Senn erlebte bei ihrem ersten Besuch im Stadion gleich noch einen historischen Schweizer Sportmoment live mit – den Gewinn der Bronzemedaille von Mujinga Kambundji über 200 Meter. «Wir Schweizer sassen zusammen in einer Gruppe. Als Mujinga über die Ziellinie lief, sind wir vor Freude komplett ausgerastet.»

Sie selber wird sich auf den Vorlauf am Samstagabend genauso vorbereiten, als würde sie Teil des Teams sein, «damit ich nicht komplett überrumpelt bin, falls kurzfristig jemand ersetzt werden müsste.» Daneben geht es für sie vor allem darum, Erfahrungen zu sammeln.

«Erfahrung ist ein wichtiges Puzzleteil, um an Grossanlässen reüssieren zu können», sagt Peter Haas. Der langjährige Chef Spitzensport bei Swiss Athletics betreut die Schweizer Staffel in Doha. Er sagt, dass Giulia Senn für einen Einsatz bereit wäre. Sie habe auch als nominelle Ersatzläuferin die Verpflichtung hervorragend angenommen, nach der Saison einen Monat länger zu trainieren als gewöhnlich, um für Doha in Topform zu sein.

Kompetitives Umfeld in neuer Trainingsgruppe

Auch Flavio Zberg, ihr Trainer im Stützpunkt Zürich, spricht von wichtigen Erfahrungen, die sein Schützling an einer WM unabhängig von einem Einsatz sammeln könne. Deshalb habe man ja auch bewusst zwei ganz junge Athletinnen nach Doha mitgenommen. Der ehemalige Trainer von Hürden-Europameister Kariem Hussein glaubt, «dass uns Giulia Senn in Zukunft noch viel Freude machen wird. Sie hat ein grosses Potenzial.»

Ihren beachtlichen Leistungssprung in den letzten Monaten erklärt er mit dem kompetitiven Umfeld in ihrer neuen Trainingsgruppe sowie mit der Steigerung des Schnelligkeitstrainings. Als wichtig für weitere Fortschritte erachtet Zberg die Absolvierung von längeren Trainingslagern. Den Feinschliff des Staffelteams unmittelbar vor der WM in Belek konnte Senn aufgrund der Schule nicht mitmachen. Im Vorfeld von Tokio soll sich das ändern.

Geplant ist ein zweieinhalbwöchiger Aufenthalt in Südafrika in der zweiten Januarhälfte. Das Aargauer Lauftalent glaubt, dass die Anforderungen an sie als Sportlerin mit den Anforderungen als Kantonsschülerin kombinierbar sind. «Ich habe einen sehr verständnisvollen Schulleiter. Er ist fast schon ein wenig ein Fan», sagt sie

Meistgesehen

Artboard 1