Olympia
Sportpsychologe Jörg Wetzel: Der Seelenklempner der Schweizer Olympioniken

Der 45-jährige Sportpsychologe betreute die Schweizer Olympioniken in Sotschi. Dabei gehörten nicht nur Athleten zu seinen Klienten, sondern auch deren Trainer und Betreuer setzten auf die Tricks des Stüsslingers.

Fabio Baranzini
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Bereits in Vancouver 2010 im Einsatz.

Bereits in Vancouver 2010 im Einsatz.

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Bode Millers hochemotionales Interview im Zielraum nach dem Super-G, Sven Michels folgenschwerer Fehlstein im zehnten End gegen Russland oder die beiden unglücklichen Niederlagen von Mirjam Otts Team in den Medaillenspielen. Es sind solche Momente, die für den Stüsslinger Jörg Wetzel die Olympischen Spiele zu einem ganz besonderen Ereignis machen.

«Der normale TV-Zuschauer sieht die Sportler praktisch nur im Wettkampf. Was auf der Hinterbühne vorher und nachher passiert, bleibt leider meist verborgen.» Der 45-Jährige weiss, wovon er spricht. Als externer Berater begleitete der Sportpsychologe in Sotschi bereits zum fünften Mal eine helvetische Olympiadelegation im Auftrag von Swiss Olympic.

Nicht nur Athleten

Wetzel war der einzige offiziell akkreditierte Sportpsychologe, der für das Wohl der Schweizer Delegation sorgte. Entsprechend viel hatte er zu tun. Rund 80 Mal wurde seine Hilfe in den vier Wochen, die er in Russland verbrachte, in Anspruch genommen. Doch wer zählte auf die Dienste des Sportpsychologen? Wie läuft eine Intervention ab? Und was kann Wetzel bei einem zeitlich so stark begrenzten Grossanlass überhaupt bewirken?

Schon bei der Antwort auf die erste Frage dürften einige erstaunt sein: «Es sind längst nicht nur die Athleten selbst, die ich betreue, sondern es sind sehr oft Trainer, Betreuer und Funktionäre, die sich an mich wenden», sagt Wetzel.

Auf die eigene Stärke besinnen

Die Probleme, mit denen der 45-Jährige konfrontiert wird, sind vielfältig. Das Spektrum reicht von der Wettkampfvorbereitung, über den Umgang mit Störfaktoren und Druck bis hin zu Verletzungssorgen und unerwarteten Rückschlägen. Immer wieder warten besondere Fälle auf Wetzel: Eine mehrfache Olympiateilnehmerin, die bereits mehrere Medaillen gewann, hatte beispielsweise Mühe mit dem Medienrummel.

Sie erklärte Wetzel, dass sie sich jedes Mal fünf Kilo schwerer fühle, wenn sie den Journalisten Rede und Antwort stehen müsse. «Es ist interessant, dass an Olympischen Spielen viel mehr Probleme auftreten als an Europa- oder Weltmeisterschaften, selbst bei erfahrenen Athleten», so Wetzel.

Unabhängig, worum es geht – und damit sind wir bei der zweiten Frage – beginnt Jörg Wetzel seine Intervention mit einem Gespräch. Dabei werden der Problembereich, die Umstände und das Ziel festgelegt. Damit ist bereits ein grosser Schritt getan.

«In einer so speziellen Situation wie den Olympischen Spielen tendieren Athleten dazu, alles zu hinterfragen und schlecht zu reden, wenn es nicht nach Plan läuft. Das ist wie ein mit dickem Rauch gefüllter Raum, in dem man den Blick aufs Wesentliche verliert. Ich versuche mit meiner Betreuung das Fenster zu öffnen und den Rauch zum Verschwinden zu bringen», beschreibt Jörg Wetzel seine Arbeit mit einem Gleichnis.

Umsetzung liegt am Sportler

Und wie steht es mit der Wirkung? Selbst Wetzel kann diese Frage nicht abschliessend beantworten. «Ich versuche den Athleten den Glauben an sich selbst und ihre Stärken zurückzugeben. Dafür habe ich meine Tipps und Tricks, aber umsetzen müssen die Sportler diese selbst.»

Hohe Kosten

Für die Zukunft wünscht sich der Stüsslinger, der in Bern eine eigene Beratungsfirma führt, dass er nicht mehr der einzige Sportpsychologe ist, der an Olympischen Spielen für die Schweiz zuständig ist. «In diesem Bereich haben wir noch sehr viel Potenzial. Doch der Ball liegt bei den Verbänden. Sie müssen dafür sorgen, dass ihre Trainer gut ausgebildet werden und den mentalen und psychologischen Bereich professionell fördern», so Wetzel. Doch dieses Umdenken ist mit hohen Kosten verbunden. Es bleibt abzuwarten, ob die Verbände gewillt sind, diese Investitionen zu tätigen.