Schwingen

Nick Alpiger: «Ich fühle mich nicht als tragischer Held»

Nick Alpiger blickt auf eine bewegte Schwingsaison zurück. Im Interview erzählt er, warum ihm seine Verletzung aufgezeigt hat, wem er vertrauen kann. Zudem verrät der 23-Jährige, warum er früher manchmal «Seich» gemacht hat und vergleicht das Warten auf das Comeback mit der Schonzeit beim Fischen.

Was für eine Achterbahnfahrt der Gefühle: Am 7. Juli gewinnt Nick Alpiger das Innerschweizerische Fest und feiert den grössten Erfolg seiner Karriere. Zwei Wochen später verletzt er sich auf dem Weissenstein schwer und zittert um die Teilnahme am Eidgenössischen Schwingfest in Zug. Doch dank eisernem Willen gewinnt der 23-jährige Aargauer das Wettrennen mit der Zeit und bodigt im Anschwingen des Saisonhighlights den meistgenannten Favoriten Samuel Giger.

Was überwiegt im Rückblick: Der Stolz, es konkurrenzfähig ans Eidgenössische Schwingfest geschafft zu haben, oder die ­Enttäuschung, dass Sie nach Tag eins aufgeben mussten?
Nick Alpiger: Ganz klar der Stolz. Es war mein Ziel, ohne Schmerzen anzutreten. Das habe ich geschafft. Natürlich habe ich gehofft, das Fest zu überstehen. Aber ich habe mein Ziel erreicht.

Die Teilnahme war sehr ungewiss. Wie viele Leute haben Ihnen ­gesagt: «Das schaffen Sie nie!»
Ich habe Personen in meinem Umfeld, die würden wohl sogar an mich glauben, wenn ich mit nur einem Bein an einem Fest starten würde. Und auch ich habe immer daran geglaubt, es zu schaffen. Es ist wichtig, dass man nach einer Verletzung sofort positiv denkt. Dass man negative Gedanken gar nicht zulässt. Sonst beginnt man, zu zögern. Das hat in meinem Denken keinen Platz.

Aber es gab Skeptiker.
Das ist vielleicht die gute Seite an einer Verletzung. Sie hilft, das Umfeld neu zu sortieren. Es war ziemlich schnell klar, welche Menschen sich nur an meine Seite stellten, solange ich Erfolg hatte.

Also solche, die sich in Ihrem Rampenlicht sonnten?
Genau. Aber das sind keine Menschen aus meinem näheren Umfeld. Keine Menschen, die mir wichtig sind. Aber es hat mir nochmals gezeigt, wem ich vertrauen kann. Und wissen Sie was?

Nein.
Es hat gutgetan, plötzlich nicht mehr voll im Fokus zu stehen.

Nach Ihrem Sieg am Innerschweizerischen waren Sie plötzlich im Favoritenkreis für den Königstitel.
Vorher ging es von Fest zu Fest immer aufwärts. Natürlich mit kleinen Rückschlägen, wenn ein Resultat mal nicht top war. Aber im Grundsatz immer nach oben. Und dann kommt die Verletzung. Und plötzlich geht nichts mehr. Ich verpasste damals zum ersten Mal in meiner Karriere ein Kranzfest. Damit musste ich lernen, umzugehen. Dass ich nicht antreten konnte, machte mich traurig.

Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich habe gemerkt, wie viel mir das Schwingen bedeutet. Obwohl ich das ja wusste. Dass aber alleine das Verpassen eines Festes so schmerzt – das hat mir Motivation gegeben, so schnell wie möglich zurückzukehren. Ich konnte die Niedergeschlagenheit in positive Energie umwandeln. Das hat mich angetrieben.

Nochmals zurück zum Eidge­nössischen. Sie besiegten im ersten Gang mit Samuel Giger den Top­favoriten. Da beginnt man doch automatisch zu träumen.
Natürlich. Das habe ich gemacht. Und es waren Gedanken, die über die Gesundheit herausreichten.

Wie meinen Sie das?
Ich spürte schon nach dem ersten Gang die verletzte Sehne wieder. Und im zweiten Gang hörte ich einen Knall. Da war klar, jetzt ist sie gerissen. Ich konnte das Bein ab diesem Moment nicht mehr anheben. Trotzdem ist man Sportler und will nicht aufgeben. Ich war selbst am Abend noch optimistisch, am Sonntag wieder im Sägemehl zu stehen. Weil ich es nicht wahrhaben wollte.

Aber es machte keinen Sinn mehr.
Ja. Irgendwann musste ich mir das eingestehen. Weil es wirklich nichts mehr gebracht hätte.

Einfach war der Entscheid nicht.
Nein gar nicht. Ich bin ein Typ, der ­immer alles will. Ich möchte herausfinden, was geht. Aber ich habe früher in meiner Karriere genug Seich gemacht.

NAB-Award: Nick Alpiger bewies einen unbändigen Willen, als er trotz Verletzung beim Eidgenössischen Schwingfest den Topfavoriten auf den Rücken legte

NAB-Award: Nick Alpiger bewies einen unbändigen Willen, als er trotz Verletzung beim Eidgenössischen Schwingfest den Topfavoriten auf den Rücken legte

  

Sie haben Seich gemacht?
Ich neigte dazu, oft ein Übertraining zu machen. Manchmal war ich dann an den Festen bereits so ausgepumpt, dass es mich bremste. Das war im Rückblick also eher ein Seich (lacht). Aber ich bin bis heute verbissen. Es braucht viel, bis ich mir sage, es geht nicht mehr.

Wie fanden Sie die Kraft, am Sonntag an Krücken nach Zug zu reisen?
Ein Eidgenössisches Schwingfest geht zwei Tage. Und ich habe einen Grundsatz im Leben: Was man beginnt, soll man beenden. Für mich war es wichtig, bis zum Ende dort zu sein. Obwohl ich eigentlich keiner bin, der gerne an ein Schwingfest geht, wenn ich selbst nicht schwinge.

Wie haben Sie sich motiviert?
Ich hatte eine Aufgabe.

Welche?
Ich wollte für das Team da sein. Das hat mir geholfen. So fühlte ich mich trotzdem gebraucht.

Sie konnten also mit guten ­Gefühlen aus Zug abreisen?
Am Abend hat es mich dann schon eingeholt. Da waren die Emotionen und die Niedergeschlagenheit nochmals voll da. Aber ich finde es wichtig, diesen Emotionen Raum zu geben, sie raus­zulassen. Schliesslich trainiert man drei Jahre lang, um das aktuelle Eidge­nössische besser abzuschliessen als das letzte.

Das gelangen Ihnen nicht. Sie wurden zum tragischen Helden.
Nein. Als solcher fühlte ich mich nie. Ich wurde von der Natur gebremst. Das muss ich akzeptieren. Natürlich ist es schön, wenn die Menschen mit mir mitleiden. Wenn ich sie auch so berühre. Aber ich fühle mich nicht wohl in dieser Rolle. Ich will gesund sein, ich will stark sein.

Sie mussten in der Folge operiert werden und wieder pausieren.
Früher war es Schwingfest, Schwingfest, Training, Schwingfest, Training, Training. So war mein Leben. Und plötzlich darf ich nicht mehr so leben. Da freut man sich so unglaublich darauf, es wieder zu tun. Es ist wie beim Fischen, wenn Schonzeit ist. Dann darf man einfach nicht fischen. Aber am ­ersten Tag, an dem man den Hecht ­wieder angeln darf, stehe ich am ­Wasser. Egal, ob es ein Arbeitstag ist. Ich stehe früh auf, um der Erste zu sein. Etwa so fühlt sich die Rückkehr auf den Schwingplatz an. Ich gehöre hier hin und ich bin wieder da. Die Gefühle bei der Rückkehr fühlen sich wunderbar an.

Können Sie bereits wieder voll trainieren?
Nein. Ich gehe zwar ins Schwing­training. Aber die Schwünge übe ich nur technisch. Also ohne Gegenwehr des Gegners. Anders ist es am Boden. Da kann ich bereits wieder voll mit­halten.

Nick Alpiger plagt seine alte Verletzung

Nick Alpiger plagte am Eidgenössischen seine alte Verletzung

  

Sie werden aber nicht gerne gebremst.
(lacht) Nein. Aber ich halte mich trotzdem strikt an das Programm meiner Trainer und meiner Physiotherapeutin. Ich habe ein Ziel vor Augen. Das ist am wichtigsten für mich und hilft mir, geduldig zu bleiben. Weil es sich lohnt.

Kommen wir zu einem uner­freulichen Thema. Der ehemalige Spitzenschwinger Martin Grab wurde im Herbst wegen eines Dopingvergehens von Swiss ­Olympic für zwei Jahre gesperrt.
Darüber möchte ich lieber nicht ­sprechen. Weil ich keine Ahnung von diesem Fall habe. Ich denke, es ist am besten, wenn man sich da raushält und einfach selber sauber ist. Das ist es, was für mich zählt.

Aber es hat doch bestimmt zu reden geben in der Szene?
Ich schaue am liebsten auf mich und nicht nach rechts oder links. So bin ich bisher am besten gefahren. Wenn ich mir zu viele Gedanken über andere ­mache, hemmt mich das nur selbst.

Das heisst, Sie schauen nicht, was die anderen tun?
Nein. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Meine Gänge werden in der Regel gefilmt, damit ich Material habe für das Videostudium. Ich schaue dabei aber nur auf mich. Weil ich mich verbessern will und meine Technik. Würde ich versuchen, andere zu kopieren, ginge das nicht. Ich kann nur mich beeinflussen.

Ihr Nordwestschweizer Kollege Christoph Bieri hat die Einteilung arg kritisiert. Hatten Sie auch schon das Gefühl, dass beispielsweise ein Computer, wie von Bieri gefordert, es besser könnte?
Das ist ein ähnliches Thema. Ich kann das nicht beeinflussen und stelle mir diese Frage gar nicht.

Sie verzichteten bisher bewusst auf Sponsoren. Mit dem Sieg am Innerschweizerischen und Ihrer eindrücklichen Geschichte am Eid­genössischen werden Sie für diese aber immer interessanter.
Trotzdem will ich noch mindestens eine Saison ohne Sponsoren bleiben. Ich will erst wieder ganz gesund und konkurrenzfähig werden. Ich will keine Erwartungshaltung von aussen. Ich erwarte selbst genug von mir. Ich kann erst für etwas einstehen, wenn ich bereit dazu bin. Das hat alles noch Zeit.

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