Attacke

Nächster Skandal im Amateurfussball: Würenlingen-Spieler rastet aus und wirft faustgrossen Stein auf Schiedsrichter

Schauplatz der Steinwurf-Attacke auf einen Schiedsrichter: Der Sportplatz Tägerhard in Würenlos

Schauplatz der Steinwurf-Attacke auf einen Schiedsrichter: Der Sportplatz Tägerhard in Würenlos

Die neuste Attacke auf einen Unparteiischen ist so gravierend, dass der Aargauische Verband den Fall den nationalen Fussballrichtern übergibt. Der betroffene Schiedsrichter ist einfach nur froh, gesund zu sein - aufhören will er trotz des bedrohlichen Vorfalls nicht.

«Was, wenn ich dem Spieler das nächste Mal begegne? Was, wenn er rausfindet, wo ich wohne und arbeite? Was, wenn er meine Familie bedroht? Was, wenn der faustgrosse Stein mich getroffen hätte?» Es sind die Fragen, die sich der Schiedsrichter (Name der Redaktion bekannt) am späten Abend des 4. September auf der Heimfahrt im Auto stellt. Was an diesem Mittwoch auf dem Sportplatz Tägerhard in Würenlos passiert, ist das neuste Kapitel im endlosen Trauerspiel «Angriffe auf Schiedsrichter im Amateurfussball».  

Vierte Runde in der Aargauer 3. Liga, Würenlos trifft auf Würenlingen. Die Gäste gewinnen 3:2 – egal. Das Unfassbare hat seinen Ursprung in der 54. Minute, als der Schiedsrichter einem Stürmer des FC Würenlingen (Name der Redaktion bekannt) die gelbe Karte wegen Ballwegschlagens zeigt. So steht es im offiziellen Schiedsrichterrapport, welcher dieser Zeitung vorliegt. Der Stürmer, der zuvor mit zwei Toren positiv aufgefallen ist, habe daraufhin in serbischer Sprache sich selber beschimpft und wird vom Schiedsrichter, ebenfalls Serbe, gebeten, damit aufzuhören. Nun wendet sich der Spieler an den Unparteiischen und beleidigt ihn auf serbisch mit den Worten «ich f**** deine Mutter in die Scheide». Die Folge: rote Karte. Mit der Drohung, bei den Autos auf den Schiedsrichter zu warten, verlässt der Spieler den Platz.

Weil es beim Sportplatz Tägerhard keine Garderoben gibt, müssen sich die Akteure in der zwei Kilometer entfernten Mehrzweckhalle umziehen. Als der Schiedsrichter nach Spielschluss zu seinem Auto will, wird er vom aufgebrachten Stürmer des FC Würenlingen abgepasst. Er packt den Schiedsrichter am Arm und ruft: «Wie heisst du? Wo wohnst du? Ich werde dich aufsuchen» – begleitet von übelsten Beleidigungen. Das alles steht im Spielrapport, dessen Inhalt fassungslos macht. Herbeigeeilte Matchbesucher und Teamkollegen können den aufgebrachten Spieler zwar davon abhalten, körperlich auf den Schiedsrichter loszugehen. Aber nicht davon, dass er einen faustgrossen Stein vom Boden aufnimmt und diesen auf den Schiedsrichter wirft.

Durch Zufall nicht verletzt

«Zum Glück stand ich schon knapp zehn Meter vom Spieler entfernt und konnte ausweichen. Ich will gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn mich der Stein am Kopf getroffen hätte», sagt der Schiedsrichter. Matchbesucher, die den Steinwurf gegenüber der «Aargauer Zeitung» bezeugen, berichten von einer sehr bedrohlichen Situation. Nur durch Zufall habe der Stein den Schiedsrichter verfehlt, der Spieler sei nicht zu bändigen gewesen.

Eine Zuschauerin sagt zur «AZ»: «Das war ganz klar eine versuchte Körperverletzung, die schlimm hätte enden können.» Der geschockte Schiedsrichter wird nach dem Steinwurf von zwei Personen zum Auto begleitet, in der Mehrzweckhalle sorgen Funktionäre beider Vereine dafür, dass er in Sicherheit duschen und zum Auto gehen kann.

Angesichts der Schwere des Vorfalls erstaunt es, dass der Schiedsrichter auf eine Anzeige wegen Körperverletzung verzichtet hat. Er begründet: «Hätte er mich getroffen, hätte ich sofort die Polizei gerufen und ihn angezeigt. So aber ist der Spieler genug bestraft mit der Sperre, die auf ihn zukommt und dass er sich für seine Tat gegenüber der Mannschaft, Freunden und Familie rechtfertigen muss.» Der Schiedsrichter sagt, er hätte sogar über die Beleidigungen nach Spielschluss hinweggesehen. «Es gibt Momente, in denen sich ein Mensch nicht mehr spürt. Doch mit dem Steinwurf hat er eine rote Linie überschritten.»

Fall erfordert Spezialuntersuchung 

Nach dem Eingang des Schiedsrichterrapports beim Aargauischen Fussballverband (AFV) hat die Kontroll- und Disziplinarkommission den Würenlinger Stürmer provisorisch bis 31. Oktober für alle Teams und Wettbewerbe des AFV gesperrt. Gleichzeitig wurden eine Spezialuntersuchung eingeleitet und die involvierten Parteien (Schiedsrichter, Spieler, beide Vereine) zu Stellungnahmen aufgefordert. Da es sich um einen besonders krassen Vorfall handelt, übergibt der AFV den Fall an den Schweizerischen Fussballverband (SFV), der über das Strafmass bestimmen wird. Der SFV teilt mit: «Wir haben Kenntnis von diesem Fall. Die Kontroll- und Disziplinarkommission wartet das Untersuchungsdossier ab. Erst danach kann sie beraten und ein Urteil fällen beziehungsweise weitere Massnahmen ergreifen.»

Die «Aargauer Zeitung» hat den Spieler des FC Würenlingen gebeten, seine Sicht des Vorfalls zu schildern. Eine Reaktion blieb trotz mehrerer Anfragen bis Redaktionsschluss aus. Auch der Verein selber hat mit dem Spieler noch nicht ausführlich über das Geschehene sprechen können. Lukas Weibel, Präsident ad interim des FC Würenlingen, sagt:

Weibel, der selber nicht am Spiel war, sagt, er habe Informationen eingeholt. Der Vorfall sei unterschiedlich beurteilt worden. Möglicherweise seien den Beleidigungen und dem Steinwurf verbale Provokationen seitens des Schiedsrichters vorausgegangen. Was dieser jedoch vehement verneint. Zu möglichen Sanktionen seitens des Klubs will sich Weibel nicht äussern, da es sich um ein laufendes Verfahren handle. «Sollten sich die Vorwürfe jedoch bestätigen, würden wir entsprechend reagieren. Es geht auch um das Image des Vereins.» Nicht zum ersten Mal schreibt der FC Würenlingen Negativschlagzeilen: Vor zwei Jahren sorgte Trainer Detlef Bruckhoff wegen verbaler Angriffe auf den Schiedsrichter für den Abbruch eines Freundschaftsspiels.

Mulmiges Gefühl im ersten Spiel nach dem Steinwurf und Angst beim Zeigen der roten Karte

Zurück zum Vorfall am 4. September: Der Schiedsrichter hätte sich vom Spieler eine Entschuldigung gewünscht, passiert sei nichts. «Ich habe nichts mehr von ihm gehört. Kollegen haben mir erzählt, dass er sich nach dem Vorfall bei ihnen gemeldet und sie über mich ausgefragt habe.» Er sei zuvor noch nie verbal oder körperlich attackiert worden, abgesehen von den üblichen Sprüchen während einer Partie. «Meine Frau hat mich gefragt, warum ich mir das noch antue, wenn die Spieler nun schon mit Steinen werfen. Ich habe mich das auch gefragt, aber die Leidenschaft und Freude sind grösser.» Im ersten Spiel nach dem Vorfall habe er ein mulmiges Gefühl gehabt: «Ich musste wegen einer Notbremse einen Spieler vom Platz stellen. Bevor ich die rote Karte aus der Brusttasche holte, zögerte ich und überlegte, ob ich mich wieder in Gefahr bringe.»

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