Interview

Mountainbiker Florian Vogel blickt auf seine Karriere zurück: «So was Krasses habe ich nie mehr erlebt»

Der aus Kölliken stammende Cross-Country-Spezialist Florian Vogel gab Mitte Oktober seinen Rücktritt bekannt. Nun spricht der 37-Jährige über die prägendsten Momente seiner Karriere, seine Wurzeln und seine Pläne für die Zukunft.

Sie haben Mitte Oktober Ihren Rücktritt bekannt gegeben. Wie schwer ist Ihnen diese Entscheidung letztlich gefallen?

Florian Vogel: Mit 37 Jahren gehört man zu den älteren Athleten in dieser Sportart. Es war eine Frage der Zeit, kein Entscheid, der von heute auf morgen gefallen ist. Mehr ein Prozess, den man durchläuft. Darum war das Ganze für mich weder überraschend noch speziell.

Sie haben schon vor dieser Saison über einen Rücktritt nachgedacht. Bereuen Sie es nachträglich, nicht damals aufgehört zu haben?

Bereuen wäre das falsche Wort, ich hatte noch ein paar gute Rennen, wurde an der EM Zweiter, schaffte es im Weltcup in die Top 5. Ich denke, jetzt ist ein guter Zeitpunkt. Das Schwierige als erfolgreicher Athlet ist doch, im richtigen Moment aufzuhören und sich umzuorientieren. Man will aufhören, solange man noch gut fährt.

Wie zufrieden sind Sie mit denn überhaupt mit der letzten Saison Ihrer Karriere?

Ich hatte eine super EM, das war von der Leistung her eines meiner besseren Rennen in den letzten paar Jahren. Auch in die Top 5 zu fahren, ist etwas, das man erst einmal noch schaffen muss. Allerdings hatte ich viele Defekte, das ist die Kehrseite der Medaille. Das hätte nicht sein müssen.

Macht das den Abgang für Sie schwieriger? Können Sie damit leben, ohne Eigenverschulden Abstriche gemacht zu haben?

Ich muss damit leben, am Schluss ist das im Profisport halt so. Man fährt teilweise Material, das nicht optimal ist. Natürlich wäre es mir lieber gewesen, in dieser diese Saison noch einmal ohne grosse Defekte durchzukommen. Aber wenn ich in ein paar Jahren zurückblicke, wird das nicht ein Punkt sein, der mich stört.

Apropos störender Punkt. Schmerzt es Sie denn überhaupt nicht, ausgerechnet ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Tokio aus dem Rennen zu steigen?

Nein, eigentlich nicht. Ich bin schon zweimal an den Olympischen Spielen gewesen, habe ein Haufen wichtiger und schöner Wettkämpfe erlebt, wozu sicherlich auch die Olympischen Spiele zählen. Trotzdem sind sie mehr ein Mythos. Man sieht sie als das grösste Ziel, aber wenn man einmal dabei gewesen ist, relativiert sich das Ganze. Mit unserer Leistungsdichte ist es sowieso nicht so einfach, sich dafür zu qualifizieren. Ob ich das überhaupt geschafft hätte, sei dahingestellt.

Wenn nicht die Olympischen Spiele: Welchen Moment würden Sie als prägendsten Augenblick in Ihrer Karriere bezeichnen?

Man muss es schon ein wenig anders definieren. Wenn ich in meiner langen Karriere nie an den Olympischen Spielen gewesen wäre, würde mir etwas fehlen. Dann hätte ich sicherlich ein anderes Gefühl. Der ganze Medienrummel und das grosse Drum und Dran waren sehr imposant. Aber es gibt Weltcuprennen und Weltmeisterschaften, die geradeso ein spezielles Erlebnis waren. Ich bin an gesamthaft 21 Weltmeisterschaften gewesen, da ist es allerdings schwierig, ein einzelnes Highlight herauszupicken.

Während Ihrer Karriere haben Sie viel erlebt und gesehen. Gibt es etwas, das Ihnen gefehlt hat?

Was ich gerne erreicht hätte, wäre ein Weltmeistertitel. Das war immer mein Traum. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Ich bin 2008 als Zweiter einmal nahe dran gewesen, aber für den Titel hat es nicht ganz gereicht. Das ist etwas, was die wenigsten Athleten erreichen.

Haben Sie es jemals bereut, voll und ganz auf den Sport gesetzt zu haben?

Nein, niemals. Es ist meine grosse Leidenschaft. Das Hobby zum Beruf zu machen, ist etwas vom Schönsten, das man machen kann. Ich schätze mich glücklich, dass ich das so viele Jahre machen konnte. Es hat mir extrem viel gegeben. Ich wüsste nicht, ob ich auf einer anderen beruflichen Laufbahn so viel Lebenserfahrung hätte sammeln können, wie in den vergangenen 20 Jahren im Profisport.

Was hat Ihrer Meinung nach dazu geführt, dass Sie so lange auf höchstem Niveau mitfahren durften?

Ein Stück weit war sicherlich Glück dabei. Es ist zudem wichtig, dass man die richtigen genetischen Voraussetzungen mitbringt. Dazu kommen Arbeitsmoral, Arbeitsethik, Trainingsfleiss. Das ist sicherlich genauso wichtig ist, wie die genetischen Grundvoraussetzungen. Es gibt einen Haufen Athleten, die entweder das eine oder das andere mitbringen, aber das reicht nicht aus.

Viele Schweizer Mountainbiker fuhren während ihrer ganzen Karriere im Schatten von Nino Schurter. Wie erlebten Sie das?

Das ist sicher so, wobei ich jetzt nicht weiss, ob Schatten das richtige Wort ist. Er ist schon der, der alles überstrahlt. Aber auch zu Recht. Ohne Athleten wie Nino wäre der Sport nicht so populär, wie er im Moment ist. Bei Swiss Olympics ist Mountainbike eine Sportart, die Medaillengarantie hat. Das kommt auch dem Nachwuchs zugute. Zum anderen belebt Konkurrenz den Markt. Ich glaube nicht, dass ich so lang auf diesem Leistungslevel hätte fahren können, wenn ich der Einzige gewesen wäre, der in dieser Sportart vom Fleck kommt. So musste man sich zwangsläufig immer neu erfinden, um mithalten zu können.

Sie stammen aus Kölliken und haben Ihre Karriere in Gränichen gestartet, wohnen nun aber seit Jahren in Jona. Gibt es zwischen Ihnen und der Aargauer Radsportszene noch Berührungspunkte?

Ich bin noch im gleichen Verein, im RC Gränichen. Meine Eltern wohnen in Aarau. In meinem Pass steht als Heimatort Kölliken. Aber generell ist das mit dem Kantönligeist nicht so meins. Ich finde es fehl am Platz, dass man oft extrem regional denkt. Von dem her ist das für mich so, dass ich mich nicht als Aargauer und sicherlich auch nicht als St. Galler fühle. Ich bin einfach Schweizer.

Um trotzdem auf Ihre Wurzeln zurückzukommen: Was ist Ihre prägendste Erinnerung an Ihre Anfangszeit in Gränichen?

Ich verdanke Beat Stirnemann, der prägendsten Figur des Vereins in der Nachwuchsförderung, sehr viel. Er war Trainer der Nationalmannschaft, mein erster Heim- und Vereinstrainer. Auch an Gränichen selbst habe ich viele positive Erinnerungen. Ich bin dort 1995 meinen ersten Wettkampf gefahren, seither auch mehrere Schweizer Meisterschaften. Speziell war vor allem eine Schweizer Meisterschaft Anfang der 2000er-Jahre. Als Junior fuhr ich dort ein extremes Rennen bei Hagel, bei dem mit mir nur ungefähr fünf Fahrer das Ziel erreicht haben. So was Krasses habe ich danach nie mehr erlebt.

War Ihnen damals schon bewusst, dass Sie in der Mountainbikeszene Fuss fassen wollen und können?

Es sicher so, dass ich schon früh gemerkt habe, dass ich genügend Talent für das Mountainbiken haben. Bei meinen ersten Rennen bin ich schon recht gut gefahren und obwohl ich fahrtechnisch noch ein rechtes Defizit hatte, konnte ich damals Wettkämpfe gewinnen. Klar ist dann nochmals ein Riesenschritt nötig, um in der Elite vorne mitfahren zu können, das sind zwei Paar Schuhe.

Wie fielen eigentlich die Reaktionen auf Ihren Rücktritt aus? Wie haben ehemalige Weggefährten aus Ihrer Anfangszeit reagiert?

Die Resonanz war gross, ich habe es etwas unterschätzt. Ich dachte, dass es eher kein Thema sein wird. Viele Fahrer, die gegen mich angetreten sind, haben mir zu meiner Karriere gratuliert. Aber letztlich bleibe ich dem Sport ja verbunden. Es ist nicht so, dass ich mich auf Nimmerwiedersehen verabschiede. Ich bin zurückgetreten, aber ein paar Tage danach schon wieder an einem Wettkampf mitgefahren.

Sie haben es gerade angesprochen: Am vergangenen Wochenende haben Sie bereits wieder an einem Gravel-Race, einem Rennen auf Kiesstrassen, teilgenommen. Hat Sie der Sport derart fest im Griff?

Für mich ist es kein Müssen. Ich mache das Ganze ja gerne. Bis zum Ende dieser Saison war es mein Job, da ist es logisch, dass man einen riesigen Trainingsaufwand betreiben muss. Gewisse Sachen werde ich jetzt schon weglassen. Aber ich fahre einfach gerne Velo, bin ein Wettkampftyp. Ich werde keinen Weltcup mehr fahren, aber es gibt andere Sachen, die mir Spass bereiten und die ich jetzt erst recht machen werde.

Können Sie das konkretisieren? Gibt es etwas, das Sie nach Ihrem Rücktritt unbedingt noch ausprobieren möchten?

Es gibt viele Sachen, die ich während meiner aktiven Karriere nicht machen konnte, weil es das Training nicht zugelassen hat. Dazu gehört das Gravel-Race vom Wochenende, das war für mich Neuland. Auch Ultra-Ausdauer-Wettkämpfe finde ich spannend. Es gibt viele coole Events, wie beispielsweise das Transcontinental Race durch ganz Europa, die mehr Abenteuer bieten. Cross-Country-Wettkämpfe bin ich so oft gefahren, dass sie für mich an Reiz verloren haben.

Etwas beständiger wird wohl Ihr Engagement bei Swiss Cycling sein, wo Sie den Stützpunk Zug/Zentralschweiz leiten. Inwiefern wollen Sie sich Ihre Erfahrungen aus dem Profisport zunutze machen?

Ich bin für die 14- bis 18-Jährigen zuständig, dort geht es vor allem darum, die Fahrtechnik zu schulen. Den Talenten das nötige Rüstzeug mit auf den Weg zu geben. Auch bei den älteren Athleten, die schon im Juniorenalter sind, kann ich sicher aufgrund meines grossen Erfahrungsschatzes gute Ratschläge geben. Ich denke, es geht darum, beim Nachwuchs Fehler zu vermeiden, die man selbst gemacht hat. Nicht gerade alle Steine aus dem Weg zu räumen, aber sicherlich diese, die nicht unbedingt notwendig sind.

Zusätzlich werden Sie beim Biketeam Solothurn künftig als Sportlicher Leiter agieren. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Beides ist weit entfernt von einer Vollzeitanstellung. Darum geht das alles eigentlich sehr gut unter einen Hut. In Solothurn bin ich für die sportliche Planung zuständig, die Wettkampfprogramme, die Betreuung vor Ort, für das gesamte Organisatorische.

Gibt es einen konkreten Ratschlag, den Sie dabei dem Nachwuchs, aber vielleicht auch den Eltern mit auf den Weg geben wollen?

Ein wichtiger Punkt ist sicherlich, dass Mountainbike ein klassischer Ausdauersport ist. Erst mit 28 Jahren erreicht man in diesem Sport den höchsten Punkt der Leistungsfähigkeit. Von dem her macht es kaum Sinn, früh schon wie ein Profi zu trainieren. Es ist nicht notwendig, 20 Stunden zu trainieren, das sehen viele nicht ein.

Sie arbeiten seit einiger Zeit mit jungen Talenten zusammen. Erkennen Sie gewisse Unterschiede in Bezug auf Ihre Anfangszeit?

Bei der Einstellung der Athleten gibt es sicherlich keine Unterschiede, da hat sich nichts geändert. Aber der Sport an sich hat sich definitiv sehr stark verändert. Nur schon, wenn man die Wettkampfzeit betrachtet. An meiner ersten WM betrug die Siegeszeit 1999 im Juniorenrennen über zwei Stunden, heute dauert ein Rennen in der Elite nur etwa eine Stunde und 20 Minuten. Das Profil der Strecken, die technischen Komponenten, das Material. Da hat sich viel getan.

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