Erinnerungen
Maradonas Wettinger Manndecker erinnert sich: «Ich dachte, der Trainer ist verrückt!»

Der Schwede Jan Svensson hatte im Uefa-Cup-Duell zwischen Wettingen und Napoli 1989 die Aufgabe, Maradona aus dem Spiel zu nehmen. Im Interview erinnert er sich an das Duell mit dem verstorbenen Superstar.

Marcel Kuchta
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Diego Maradona (rechts) vom SSC Napoli im Zweikampf mit dem Wettinger Spieler Jan Svensson 1989 im Letzigrund-Stadion in Zürich. (KEYSTONE/Str)

Diego Maradona (rechts) vom SSC Napoli im Zweikampf mit dem Wettinger Spieler Jan Svensson 1989 im Letzigrund-Stadion in Zürich. (KEYSTONE/Str)

Str / Keystone

Von den alten Wettinger Uefa-Cup-Helden gibt es viele. Martin Rueda, Brian Bertelsen, Alex Germann und so weiter. Sie alle sind dem FC Wettingen irgendwie verbunden geblieben. Aber Jan Svensson, der Mann, der am 17. Oktober 1989 die Aufgabe hatte, im Uefa-Cup-Duell zwischen dem FCW und der SSC Napoli im Zürcher Letzigrund die Kreise von Superstar Diego Armando Maradona zu stören, ist komplett vom Radar verschwunden.

Wir haben ihn, zwei Tage nach Maradonas Tod, in Schweden aufgespürt. Svensson wird bald 65 und steht kurz vor der Pensionierung. Seine Erinnerungen an jenes spezielle Spiel sind aber immer noch detailliert.

Sie waren in Ihrer Karriere ja eher dafür bekannt, ein offensiv ausgerichteter Spieler zu sein. Wie haben Sie reagiert, als Ihnen der damalige Wettingen-Trainer Udo Klug mitteilte, dass Sie Maradona in Manndeckung nehmen müssen?
Jan Svensson: Ich dachte, er ist verrückt! (lacht). Aber ich konnte seine Ent­scheidung nachvollziehen. Er wollte einerseits, dass ich Maradona auf den Füssen herumstehe. Auf der anderen Seite wusste er auch, dass sich mir in der Offensive einige Räume bieten ­würden. Wenn wir in Ballbesitz waren, versuchte ich trotzdem, immer in seiner Nähe zu bleiben. Wenn Napoli den Ball hatte, nahm ich sofort die Position
zwischen Maradona und unserem Tor ein – und stand immer so nahe wie möglich bei ihm.

Wie hat er auf diese Sonderbe­handlung reagiert? War er genervt?
Nein, eigentlich nicht. Und ich bin mir bewusst, dass das bestimmt nicht eines seiner besten Spiele gewesen ist. Ich weiss nicht, ob das an mir gelegen hat, oder ob es einen anderen Grund gab. Auf jeden Fall wirkte er generell nicht sonderlich motiviert. Es hat meine Aufgabe sicherlich einfacher gemacht.

«Wenn man den Fussball liebt, dann ist es schlicht nicht angebracht, so einem Star weh zu tun.»

(Quelle: Jan Svensson)

Wie spielt man gegen so einen Superstar? Hart?
Nicht unbedingt. Ich habe sogar wirklich versucht, fair, ja sogar vorsichtig zu spielen. Man will ja solche grossartigen Fussballer nicht absichtlich verletzen. Wenn man den Fussball liebt, dann ist es schlicht nicht angebracht, so einem Star weh zu tun. Klar: Ich versuchte ihn, aus dem Spiel zu nehmen – aber eben mit fairen Mitteln.

Haben Sie während des Spiels mit ihm gesprochen? Gabs ein wenig Trash-Talk?
Nur ein paar wenige Worte. Wir haben einfach gespielt. Er beschwerte sich auch nicht beim Schiedsrichter, schrie mich nicht an. Unter dem Strich hat er sich sehr fair verhalten.

Waren Sie nervös vor dem Spiel angesichts Ihrer Aufgabe?
Nein, überhaupt nicht. Vermutlich war ich einfach schon zu alt und zu verrückt, um aufgeregt zu sein (lacht). Wir hatten als Mannschaft auch gar keinen Grund, nervös zu sein. Der FC Wettingen war gegen das Maradona-Napoli klarer Aussenseiter. Wir konnten eigentlich nur gewinnen. Sie hatten den ganzen Erfolgsdruck. Für uns war das ein­facher. Aber wir waren uns auch bewusst, dass man gegen so ein Team ein Debakel erleben könnte.

Maradona am Höhepunkt: Nach dem Finalsieg gegen Deutschland stemmt er 1986 in Mexiko den WM-Pokal.
17 Bilder
Die legendäre Hand Gottes. Eine vieldiskutierte Szene der Fussball-WM-Geschichte vom 22. Juni 1986 mit Tatort Aztekenstadion in Mexiko-Stadt: Die argentinische Fussball-Legende Diego Maradona (Mitte) boxt in der 51. Minute des Viertelfinalspiels gegen England im Springen den Flankenball über den englischen Torhüter Peter Shilton (r) zum 1:0 ins Netz.
Diego Maradona im Napoli-Dress 1986
Diego Maradona 2007 im Dress der Boca Junios.
Diego Maradona bei Papst Franziskus am 1. September 2014.
Diego Maradona, fotografiert im Jahr 2000 in Kuba.
Diego Maradona als Junior bei Napoli.
Diego Maradona an der Fussball-WM 2006 in Deutschland.
Diego Maradona (rechts) vom SSC Napoli im Zweikampf mit dem Wettinger Spieler Svensson 1989 im Letzigrund-Stadion in Zürich. (KEYSTONE/Str)
Diego Maradona spielt mit Kubas Präsident Fidel Castro Fussball.
Diego Maradona verfolgt ein Spiel von Argentinieren an der Fussball-WM in 2010 in Südafrika.
Diego Maradona feiert 2009 als Trainer den Sieg gegen Peru 2009.
Diego Maradona (Mitte) trifft 1986 im Final gegen England.
Diego Armando Maradona, hier bei einem Spiel in der argentinischen Liga.
Aber der neue Coach kann auch anders: Maradonas Anweisungen an sein Team sind zuweilen sehr direkt
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Der riesige Fanaufmarsch lässt den Trainer nicht kalt

Maradona am Höhepunkt: Nach dem Finalsieg gegen Deutschland stemmt er 1986 in Mexiko den WM-Pokal.

Carlo Fumagalli / AP

Obwohl Sie Maradonas direkter Gegenspieler waren, hatten Sie keine Chance, wenigstens sein Trikot zu ergattern, weil es bereits an Captain Martin Rueda ver­sprochen war. Hat Sie das nicht gefuchst?
Nein (lacht). Ich habe gegen viele Stars gespielt. Das war mir überhaupt nicht wichtig. Die jüngeren Spieler waren da wesentlich schärfer drauf.

Wissen Sie, dass Rueda das Trikot inzwischen verloren hat?
Wirklich? Das tut mir leid für ihn. Besonders jetzt, nach Maradonas Tod, hat das Trikot noch einmal eine ganz andere Bedeutung.

Das Spiel selbst war ja eher langweilig und endete 0:0. War es trotzdem eine der speziellsten Partien ihrer Karriere?
Sie war sicher spezieller als viele andere. Für den FC Wettingen war es ein riesiges Ereignis. Und für mich persönlich als Spieler war es immer ein Highlight, sich mit den besten Teams zu messen.

Jan Svenssons schöne Erinnerungen an zweieinhalb Jahre FC Wettingen

Im April des kommenden Jahres wird Jan Svensson 65 Jahre alt und somit pensioniert. Der ehemalige Söldner des FC Wettingen freut sich auf seinen Ruhestand. «Viel Golf spielen und herumreisen» – so lautet seine Grobplanung, wie der Schwede lachend erzählt.

Seit gut 15 Jahren ist der langjährige Bundesligaspieler (bei Eintracht Frankfurt) und 29-fache schwedische Nationalspieler für die schwedische Lotterie im Einsatz. Und zwar als Spezialist im Kampf gegen Spielabsprachen im Fussball. «Ein riesiges Problem für diesen Sport», wie er betont. «Es ist zu viel Geld in diesem Business. Entsprechend hoch ist die Kriminalität.»

Deshalb besitzt Svensson eine geheime Telefonnummer. Was erklären könnte, weshalb er zu einem Klassentreffen der ehe­maligen FC-Wettingen-Helden vor zwei Jahren keine Einladung erhielt. Nur er, sein Landsmann Dan Corneliusson, Andy Löbmann und der damalige Sion-Coach Maurizio Jacobacci fehlten. «Ich habe vom Anlass erst aus der Zeitung erfahren. Da wäre ich auch gerne dabei gewesen», erzählt er am Telefon aus seiner Heimat Norrköping. Man nimmt ihm das aufrichtige Bedauern ab.

Der ehemalige offensive Mittelfeldspieler, der gerne auf der linken Seite eingesetzt wurde, hat «sehr schöne Erinnerungen» an seine zweieinhalb Jahre in Diensten des FC Wettingen. Im März 1988 stiess er zum damaligen B-Ligisten und schaffte mit dem Team prompt den Aufstieg in die NLA. Aus den ursprünglich angedachten paar Monaten in der Schweiz wurde mehr. Seine Familie kam aus Schweden nach, in Zurzach fanden die Svenssons ein schönes Zuhause.

Auch sportlich lief es sehr gut. «Der Aufstieg selbst war schon ein Riesenerfolg. Und dann kam noch die Uefa-Cup-Qualifikation dazu. Das war für einen Dorfklub wie Wettingen ausserordentlich. Das Team wurde im Verlauf der Zeit immer besser», erinnert sich Svensson. 1990 verliess er die Schweiz und beendete mit 34 Jahren auch gleichzeitig seine Aktivkarriere. Jan Svensson verfolgte aber weiterhin den Werdegang des Klubs, der ihm ans Herz gewachsen war. Den Konkurs im Jahr 1993 hat er mitbekommen, ebenso die Neugründung als FC Wettingen 93. Dass der Klub inzwischen in der Be­deutungslosigkeit der regionalen 2. Liga herumdümpelt, nimmt er trotzdem überrascht zur Kenntnis. In den letzten 30 Jahren ist viel passiert. (mlk)

Jan Svensson besitzt immer noch ein Wettingen-Trikot und andere Erinnerungsstücke aus seiner Zeit im Aargau.

Jan Svensson besitzt immer noch ein Wettingen-Trikot und andere Erinnerungsstücke aus seiner Zeit im Aargau.

ZVG