Silas Matthys
«Gott ist kein Selecta-Automat» – der Goalie des EHC Olten über Glauben und Spitzensport

Silas Matthys, Goalie beim EHC Olten, spricht über sein tiefgründiges und gegensätzliches Dasein als gläubiger Leistungssportler.

Marcel Kuchta
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Weiter Horizont: Silas Matthys bewegt sich zwischen seinem tiefen Glauben und der oberflächlichen Welt des Spitzensports.

Weiter Horizont: Silas Matthys bewegt sich zwischen seinem tiefen Glauben und der oberflächlichen Welt des Spitzensports.

zvg

«Aufgewachsen bin ich in einer Familie, in der christliche Werte vermittelt wurden. Gleichzeitig wuchs ich auch als Eishockeyspieler auf. Eishockey war meine Identität, mein Fokus. So war ich glücklich, dass ich 2012 nach den Junioren in die NLB zu Sierre wechseln konnte. Der Konkurs von Sierre im Jahr 2013 war dann ein einschneidendes Ereignis. Ich wusste nicht mehr, ob und wie es mit meiner Sportlerkarriere weitergehen würde.

Der Wechsel nach Kanada als göttliche Fügung

Was wie grosses Pech aussah, entpuppte sich für mich als Segen. Ich landete als 20-Jähriger in Kanada an einer christlichen Universität. Ich hatte dieses Setting überhaupt nicht gesucht. Weder Uni, noch Kanada und auch nicht der Glaube standen bei mir im Vordergrund. Dass sich ausgerechnet diese Tür öffnete, ist für mich rückblickend eine göttliche ­Fügung. Ich erlebte an der Trinity Western University eine enorm bereichernde Zeit. Ich wuchs dort persönlich, charakterlich, akademisch und nicht zuletzt auch sportlich. Ich begegnete dort anderen, jungen Menschen, die ihren Glauben authentisch lebten, einen Glauben, den sie verinnerlicht hatten, der sie als Persönlichkeiten definierte, was mich beeindruckte.

Der Glaube ist für mich eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus und das Akzeptieren seiner Liebe und seiner Gnade. Ich konnte die Erfahrung machen, dass der Glaube mehr ist als eine Tradition, als eine Einteilung in katholisch, reformiert oder was auch immer. Ich spürte, dass ich aus einem bestimmten Grund in der hintersten Ecke von Kanada gelandet war. Ich entschied, mein Herz zu öffnen und Fragen zu stellen, einzutauchen in die Thematik und mich damit auseinanderzusetzen, wer Jesus wirklich ist und was «Christ sein» überhaupt bedeutet. Das veränderte mein ganzes Weltbild, aber am meisten wohl mein eigenes Herz.

Die Werte ändern sich

Meine Werte änderten sich, ich orientierte mich daran, wie Jesus gelebt hatte, und merkte, dass ich mich selber verändern darf und kann. In jener Phase fing ich an, mich mehr mit mir selber auseinandersetzen, mit meinen Baustellen und meinen Abhängigkeiten. Ich fragte mich: Wer bin ich überhaupt? Bis zu jenem Zeitpunkt hatte ich mich extrem als Hockeyspieler definiert. Mein ganzes Leben war nur auf Eishockey und mich selbst ausgerichtet. Ich konnte mir ein anderes Leben, ohne Eishockey, gar nicht vorstellen.

Ich musste lernen, dass man, wenn man sich nur über die Leistung und weltliche Werte definiert, irgendwann mal an einen Punkt gelangt, der leer ist. Man ist immer unter Strom und muss immer leisten, aber am Ende erfährt man dadurch trotzdem keine Erfüllung.

Silas Matthys in Aktion.

Silas Matthys in Aktion.

Patrick Straub/Freshfocus

Jeder Sieg, jede Meisterschaft, für die man unglaublich viel investiert, ist am Ende vergänglich, hat keine Substanz. Man darf mich nicht falsch verstehen: Ich bin immer noch genau gleich ehrgeizig, verliere immer noch gleich ungern und gebe immer noch mein absolut Bestes, um besser zu werden und um zu gewinnen. Es ist nun jedoch nicht mehr alles, was zählt, ich habe einen anderen Blickwinkel: Das Eishockeyspielen ist für mich der Ausdruck meiner mir von Gott verliehenen Fähigkeiten. Ob in Sieg oder Niederlage versuche ich, Gott zu ehren, indem ich alles gebe, was ich habe, und gleichwohl versuche, dankbar zu sein.

Bewegung in einer extrem oberflächlichen Welt

Schlussendlich merkte ich, dass ich ein Kind Gottes sein und seine Gnade und Liebe erfahren darf. Das hat extrem viel bei mir ausgelöst, wie ich das Leben und meine Karriere betrachte. Gott ist der Grund, dass ich dieses Spiel spielen darf. Ich würde es nicht mehr spielen, wenn ich merken würde, dass er einen anderen Weg für mich vorgesehen hat. Ich bin mir bewusst, dass ich mich in einer extrem oberflächlichen Welt bewege, ja eigentlich sogar in der Unterhaltungsbranche, die zum Teil ganz andere Werte vertritt als ich selber. Aber es ist gleichwohl eine Welt, in der man sich im fairen Rahmen auf höchstem Niveau messen kann, und die mir gleichzeitig ermöglicht, in Beziehungen zu investieren, die ich sonst so nicht hätte.

Mein Glaube hat mir auch in den Situationen geholfen, als ich nicht wusste, wie es mit meiner Karriere weitergeht. Zum Beispiel, als ich von Kanada in die Schweiz zurückkehrte, dann bevor ich zu Olten wechselte, oder bevor ich hier meinen Vertrag verlängern durfte. Ich hatte nie das Gefühl, dass für mich eine Welt zusammenbrechen, dass ich alles verlieren würde, wenn sich keine Lösung hätte finden lassen. Dann hätte Gott für mich und meine Familie einen anderen Weg vorgesehen. Trotzdem bin ich dankbar, dass ich nun hier in Olten sein darf und dass das Eishockey immer noch ein Teil meines Lebens ist.

Kreuz auf den Stock, Bibelverse auf der Maske

Auf meinem Goaliestock habe ich ein Kreuz, auf meiner Maske stehen zwei Bibel-Verse, Johannes 3:16 und Epheser 3:20. Die meisten meiner Mitspieler wissen, dass ich Christ bin. Aber ich lebe meinen Glauben innerhalb der Mannschaft zurückhaltend aus. Ich komme in dieser Thematik mit anderen Spielern – mit einer Ausnahme – auch nicht regelmässig in den Austausch. Wenn wir als Mannschaft zusammen sind, dann liegt der Fokus fast immer auf der Leistung. Aber es hat durchaus schon sehr interessante, tiefgründige Diskussionen gegeben.

Gott als Begleiter während des Spiels.

Gott als Begleiter während des Spiels.

zvg

Vor den Spielen ziehe ich mich jeweils zurück zum Gebet. Das gibt mir Ruhe und Kraft. In diesen Momenten wird mit bewusst, dass ich das Privileg habe, Gott zu ehren – ob im Sieg oder in der Niederlage. Wenn wir ein Spiel gewonnen haben, danke ich ihm für den Sieg und für die Ehre, die ich durch ihn erfahren durfte. Wenn wir verlieren, dann hilft es mir, wenn ich mit meinen Emotionen zu Gott gehen kann. Es ist aber nicht so, dass schlechte Resultate an meinem Glauben rütteln. Gott ist ja auch nicht da, um uns irgendwelche Siege zu schenken. Er ist kein Selecta-Automat, wo man für drei Gebete einen Sieg erhält. Gott gibt so unendlich mehr als Resultate, vor allem seinen eigenen Sohn, was wir in diesen Tagen dankbar feiern dürfen.»