Fussball-EM
Er weiss, wie es geht: Gelson Fernandes erinnert sich an sein legendäres Siegtor gegen Spanien

Als Einwandererbub von den Kapverden ins Wallis gekommen, verzückt «Tschelson» vor elf Jahren die Fussball-Schweiz.

Roman Lareida
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Vielleicht wird Gelson Fernandes eines Tages Präsident des FC Sitten.

Moment mal. Präsident des FC Sitten?

Aus heutiger Sicht rückt diese Vorstellung angesichts der schon fast erdrückenden Dominanz von Christian Constantin in der Tat in die unmittelbare Nähe eines Wunders. Zumindest den Posten des Vizepräsidenten hingegen hat der Klubregent extra für Fernandes auf diese Saison hin schon mal geschaffen.

Aber aufgepasst, Fernandes, dieser quirlige, gut gelaunte Walliser mit kreolischen Wurzeln, hat Erfahrung in Sachen Mirakel. Es ist ihm schon mal etwas prima von der Hand gegangen, was selbst die grössten Optimisten für nahezu unmöglich gehalten hatten.

Fast unmöglich, ein Tor zu erzielen

Fernandes ist an jenem historischen Tag nämlich zu einem Fussballer geworden, der wie ein schüchterner Zauberlehrling auf der grossen Bühne steht und sogleich einen goldenen Hasen aus dem Zylinder zieht. Und alle im Publikum und darüber hinaus schauen verdutzt zu und wissen nicht, was ihnen soeben widerfahren war. Heute sagt Fernandes dazu: «Wir hatten keinen Ball gesehen, es war fast unmöglich, ein Tor zu erzielen. Und dann sowas! Unglaublich!»

Durban liegt am Indischen Ozean und an jenem Mittwoch Nachmittag, dem 16. Juni, spielt die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft anlässlich der WM 2010 in Südafrika gegen Spanien. Die Temperaturen bei Spielbeginn um 16.00 Uhr sind eher kühl, so gegen 15 Grad, die Luftfeuchtigkeit liegt bei rund 65 Prozent, und vis-à-vis stehen Namen, die auf der Zunge vergehen – Andrés Iniesta, Xavi, Sergio Ramos, Fernando Torres, Letzterer ehrfurchtsvoll El Niño genannt, der Junge.

Auf Schweizer Seite sitzen Shaqiri, Frei und Behrami auf der Ersatzbank, und Fernandes sagt im Rückblick: «Es gab nur wenige, die zu 100 Prozent in dieses Team gehörten. Ich zählte nicht dazu. Wenn ich von Hitzfeld nicht aufgeboten worden wäre, wäre das überhaupt kein Skandal gewesen.» Er war auf vielen Positionen einsetzbar, aber nirgends erste Wahl.

Wie ein Leguan mit der Zunge

Im Grunde genommen hat die Schweiz keine Chance, und so sieht es auch aus vor 62’453 Zuschauern im Moses-Mabhida-Stadion von Durban. Fernandes bewegt sich als defensiver Mittelfeldspieler auf einer zentralen Position, trotzdem hat er den Ball vor der Pause gerade dreimal am Fuss. Eins, zwei, drei und hopps, schon fertig. Teamkollege Benjamin Huggel gibt noch elf Jahre später am Telefon zu: «Wenn es jemals einen unverdienten Sieger eines Fussballspiels gegeben hat, dann waren wir das an jenem Tag.»

Die 52. Minute läuft, es steht null zu null. Für einmal kommt die Schweiz über die Mitte, weil Torhüter Benaglio weit abschlägt. N’Kufo verlängert, der schnelle Derdiyok läuft auf und davon und stürzt im Strafraum über Goalie Casillas. Von jetzt an geht der Ball unkontrollierte Wege, keiner weiss, was kommt. Piquè als letzter Spanier ist am Boden, der Ball springt immer wieder von irgendeinem Körperteil eines Beteiligten irgendwohin ab, Piqué selbst vom Bauch und plötzlich liegt der Ball frei vor der Torlinie. Fernandes ist nachgelaufen und stupst ihn wie ein Leguan mit seiner Zunge über die Linie. Man reibt sich die Augen und er sagt, nicht er habe Spanien bezwungen, sondern das Team.

Ekstase an den Schweizer Public-Viewings: Die Schweiz schlägt dank Gelson Fernandes Titelfavorit Spanien an der WM 2010.

Ekstase an den Schweizer Public-Viewings: Die Schweiz schlägt dank Gelson Fernandes Titelfavorit Spanien an der WM 2010.

Emanuel Freudiger / AGR

Es bleibt bis zum Schluss bei diesem Eins zu Null, die Schweiz schlägt Spanien. Die Schweiz schlägt Spanien, man kann es nicht oft genug sagen. Ein eiskalter Konter und Glück haben die Umkehr der Fussball-Weltkräfte provoziert. Fernandes meint, er habe nicht die ganz grosse Bühne in seiner Karriere geschafft, weil ihm womöglich das Potenzial gefehlt habe. Aber er habe immer hart und ehrlich gearbeitet.

Am 16. Juni 2010 steht er auf der grossen Bühne, wenn auch bloss für einen Augenblick. Aber das Tor, sein Tor, es ist ein Tor für die Ewigkeit. Er wird immer der Mann bleiben, der uns zum Sieg über Spanien geschossen hat.

Nach dem Spiel ruft er seine Mutter an, ihre Reaktion, eine unter ganz vielen, sei ihm geblieben, sagt er heute. Seine Mama sei immer für ihn da gewesen, sie würden einfach so gut zusammen passen. Sie redeten über Träume und Stolz, über Entbehrungen und die verdiente Ernte eines nicht immer einfachen Lebens in der Fremde.

«Dann», so Fernandes, «begann ihre Stimme zu stocken, sie weinte am Telefon. Und auch mir kamen die Tränen.» Ein Fussballtor kann eben weit mehr sein als ein Fussballtor.

Der Jubel nach Gelsons Jahrhunderttor gegen Spanien an der WM 2010.

Der Jubel nach Gelsons Jahrhunderttor gegen Spanien an der WM 2010.

Freshfocus

Fernandes, den alle Tschelson nennen, war auf den Kapverden bei seiner Grossmutter aufgewachsen. Seine Eltern hatten die Heimat hinter sich gelassen, um im Wallis ein besseres Leben vorzubereiten. Als Fernandes mit fünf Jahren mit seinem Onkel nachfliegen sollte, versteckte er sich im Wald, er wollte nicht weg. Prompt verpassten sie das Flugzeug nach Europa. Am Flughafen in Paris sah er seinen Vater dann das erste Mal in seinem Leben.

In Sitten ist er in an der Rue de Pelouse aufgewachsen, der Strasse des Rasens. In einer kleinen Vierzimmerwohnung in einem alten Reihenhaus wohnte er früher mit seiner Mutter und der Schwester, die Mama machte oft Pouletschenkel mit klebrigem Reis. Als er 13 oder 14 war, kam ihn einmal die Polizei holen. Seine Clique aus dem Quartier hatte nicht einmal Geld fürs Schwimmbad. Er meint: «Wir hatten schlichtweg nichts zu tun. Einen verdammten ganzen Sommer lang. Da macht man halt Dummheiten.»

Fernandes sagte mal, seine gute Laune sei das Produkt seiner Heimat. Die Kapverdischen Inseln, das seien der Ozean, der Sand, die Fische, die Maisgerichte und vor allem eine grosse Lebensfreude. Die Menschen hätten nichts und würden das Leben gleichwohl geniessen.»

Gelson, ist der Schweizer zu ernst? «Das hat mich nie gestört. Das Leben ist kompliziert, man muss lachen können und positiv sein.» Das Leben in der Schweiz, das Tor, sein Tor, seine heutige Position, dazu sagt er: «Man kann nicht alles entscheiden. Ich hatte oft unglaubliches Glück.»

Der Siegestreffer brachte der Schweiz letztlich nichts, sie schied bereits in der Vorrunde aus. Und Spanien wurde Weltmeister. Fernandes denkt aber, sein Tor habe ihm in den Transferverhandlungen geholfen. «Vor allem war es der Beweis, dass ich auf dem höchsten Niveau bestehen kann», sagt er. Betis Sevilla oder Real Saragossa hatten Interesse am Walliser, aber zu einem Transfer nach Spanien kam es gleichwohl nie.

Gelson Fernandes, wie sind Sie eigentlich zum Fussball gekommen? «Ein Kollege nahm mich zum Fussball mit. Ich hatte keine Fussballschuhe, war aber richtig gut und hatte viel Spass. Ich sagte meiner Mutter: ‹Ich möchte Fussballschuhe.› Sie kaufte mir einen gelb-schwarzen Lotto-Schuh. Meinen allerersten. Dieses Modell gibt es nicht mehr auf dem Markt, aber vor Jahren sah ich es im Internet. Ich habe es gekauft. Und seither steht es in einem beleuchteten Glaskasten in meiner Wohnung. Mein persönlicher Oscar.»

Fernandes war in Bukarest live dabei, als die Schweiz den Weltmeister aus dem Turnier geworfen hat. Er war privat da. Nach St. Petersburg kann er nicht gehen, die Arbeit, sagt er. Im FC Sitten ist er als Vizepräsident zuständig für den sportlichen Bereich. Er soll auf allen Stufen im Klub an der Leistungsqualität arbeiten, von der ersten Mannschaft bis zu den Junioren. Constantin meint, er wolle, dass die Jungen lernen würden zu gewinnen. «Und ich will Fernandes beibringen, wie man sich in Verhandlungen schlau verhält.»

Will Constantin Fernandes zum neuen starken Mann beim FC Sitten machen?

Will Constantin Fernandes zum neuen starken Mann beim FC Sitten machen?

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Der Klub ist nicht nachhaltig aufgebaut. Zu verflochten ist der FC Sitten mit dem Bau- und Immobilienhandel Constantins. Der FC Sitten ist sozusagen ein Unternehmen in seinem Unternehmen. Das Fussball-Budget läuft zu einem grossen Teil über die anderen Geschäfte. Alle Trainings- und Ausbildungsplätze, selbst das Kopiergerät gehören Constantin.

Doch der 64-jährige Constantin wird immer älter. Erstmals äusserte er sich zuletzt in einem grossen Interview im «Walliser Boten» öffentlich kritisch und ungewöhnlich offen über seine Klubpolitik. Darin sagt er. er hätte sieben bis zehn Jahre Zeit, den Klub so umzugestalten, dass er auch ohne ihn auf dem höchsten Niveau überlebensfähig sein könne. «Und wenn Sie mich fragen, ob Gelson Fernandes etwas zur Nachhaltigkeit des FC Sitten beitragen kann, dann antworte ich Ihnen: Ja.»

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