FC Aarau
Das wahre Problem sind nicht die Schiedsrichter

Trainer Stephan Keller löst mit seiner Kritik an den Unparteiischen Diskussionen aus. Dabei hätte das Ganze mit einer überlegteren Kommunikation verhindert werden können.

Sebastian Wendel
Sebastian Wendel
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Stephan Keller (rechts) und die Schiedsrichter - aktuell keine harmonische Beziehung.

Stephan Keller (rechts) und die Schiedsrichter - aktuell keine harmonische Beziehung.

Pascal Muller/Freshfocus / freshfocus

Hat Stephan Keller mit seiner Aussage, der FC Aarau werde von den Schiedsrichtern strukturell benachteiligt, den Bogen überspannt? Müssen die Klubverantwortlichen ihm die Leviten lesen, sogar büssen? Schliesslich ist es bereits das dritte Mal, dass Keller nach Spielschluss negative Schlagzeilen schreibt und mit seinen Äusserungen nicht nur sich, sondern genauso dem Ruf seines Arbeitgebers schadet. Und: Hat der FC Aarau eigentlich nicht ein anderes Probleme, das er erst noch selber beeinflussen kann?

Im vergangenen Frühling kommts zur «Balljungen-Affäre»: Keller staucht nach dem 2:1-Heimsieg gegen GC erst einen Ballbuben zusammen, ehe er sagt, dass beim FC Aarau die Ballkids angewiesen würden, sich bei gegnerischem Ballbesitz Zeit zu lassen. Wenige Tage später verliert Aarau den Cup-Halbfinal gegen Luzern: Statt die heroische Leistung seiner Mannschaft zu loben, fährt Keller dem Gegner wegen angeblichen Zeitspiels an den Karren, spricht vom «kleinen FC Luzern» und holt zum Generalangriff auf die Super League aus mit den Worten: «Dort sollte attraktiver Fussball gespielt werden.»

Und nun der Angriff auf die Integrität der Unparteiischen, der gravierendste der drei Vorfälle. Ja, der FC Aarau hat in dieser Saison bislang mehr Pech als Glück mit den Unparteiischen, bereits vier klare Penaltys wurden ihm verwehrt. Und dass das einen Trainer mit riesigem Ehrgeiz wie Stephan Keller frustriert, ist verständlich. Aber daraus gleich zu schliessen, die Schiedsrichter hätten es quasi in ihrer DNA, seiner Mannschaft zu schaden? Das ist nicht belegbar, absurd und unanständig. Was will Keller damit bezwecken? Glaubt er wirklich, dass in der nächsten strittigen Situation der Schiedsrichter pro FCA entscheidet? Kann sein, aber sicher nicht aufgrund Kellers Vorwürfen: Eher lösen diese im Unterbewusstsein der Unparteiischen einen «Anti-FCA-Reflex» aus, schliesslich sind sie auch nur Menschen.

Einerseits schadet sich Keller selber, das ist sein Problem. Doch ebenso befleckt er den Ruf des FC Aarau. Beim Verband und bei der Liga, medial und in der Öffentlichkeit: Ausserhalb der Kantonsgrenzen, wo der FCA den Leuten zwar ein Begriff ist, sie sich aber nicht näher mit ihm beschäftigen, wird der Klub nun ein weiteres Mal auf bedenkliche Aussagen seines Trainers reduziert.

Der ganze Schlamassel hätte mit einer überlegteren Kommunikation verhindert werden können. Zum Beispiel mit dem Eingeständnis, dass das wahre Problem nicht die Schiedsrichter sind, sondern die Torimpotenz. In vier (!) der vergangenen fünf Partien hat der FC Aarau keinen Treffer erzielt. Nicht, weil es gar keine Torchancen gegeben hat: Die mehr als genug vorhandenen wurden teils kläglich vergeben.

Das hat mehrere Gründe, einer davon ist offensichtlich: Zu wenig Power im Sturmzentrum. Lediglich vier der 17 Ligatreffer wurden von einem aus dem Trio Shkelzen Gashi, Mickael Almeida und Gobé Gouano erzielt.

Auf dem Papier sind bei Kellers Spielstil drei Stürmer im Kader ausreichend. Doch drei sind nicht immer gleich drei: Gashi (33) ist seit seiner Rückkehr zum FCA verletzungsanfällig, das Risiko, dass sein Körper die Strapazen einer Saison nicht mehr mitmacht, war vor der Saison bekannt. Aktuell ist er verletzt, ob er in diesem Jahr nochmals aufläuft, ist fraglich. Almeida hat im vergangenen Frühling acht Mal getroffen: Doch es war dies das erste gelungene Halbjahr des 22-Jährigen auf Profistufe, das aktuelle Tief, in dem er steckt (seit Anfang August ohne Treffer), musste einkalkuliert werden. Und Gouano (20) war ein Nottransfer in letzter Sekunde, nachdem es mit anderen Kandidaten nicht geklappt hatte. Vielleicht hat er Qualitäten – doch die Zeit, die es braucht, um ihn wachzuküssen, hat der aufstiegswillige FC Aarau eigentlich nicht.

Gobé Gouano - Nottransfer im FCA-Sturm, der noch nicht bewiesen hat, helfen zu können.

Gobé Gouano - Nottransfer im FCA-Sturm, der noch nicht bewiesen hat, helfen zu können.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Rückblickend müssen sich Trainer Keller und Sportchef Sandro Burki den Vorwurf gefallen lassen, den Abgang von Filip Stojilkovic, des 16-fachen Torschützen der vergangenen Saison, unterschätzt zu haben. Sie hofften zu lange darauf, dass Stojilkovic in Sion von der Liste gestrichen wird und wieder in Aarau landet, statt frühzeitig eine gleichwertige Alternative klarzumachen.

Zu Beginn der Spielzeit wurde dieser Missstand dank der überragenden Frühform von Kevin Spadanuda übertüncht, doch vom Flügelspieler kann man nicht erwarten, es in jeder Partie zu richten. Fazit: Bis zur Winterpause geht es darum, den Anschluss an die Tabellenspitze nicht zu verlieren. Liegt dann kein Mittelstürmer gehobener Klasse unter dem Weihnachtsbaum, wird es sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, das Saisonziel «Aufstieg» zu erreichen. Was schade wäre: Denn ein treffsicherer Mittelstürmer ist das einzige fehlende Teil im sonst aufstiegsfähigen FCA-Puzzle.

Und nun reist die Mannschaft nach den zwei Heimniederlagen gegen Thun und Lausanne nach Vaduz, ausgerechnet dahin, wo sie in den vergangenen sechs Duellen nur gerade einen Punkt geholt hat. Ein positives Resultat wäre für den FC Aarau und seinen Trainer sehr wichtig.

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