Ski alpin
Es fehlt der Nachwuchs: Das Aargauer Skiteam am Scheideweg

Am Samstag findet der jährliche Sichtungstag statt – es ist wohl die letzte Chance, das Überleben des Aargauer Ski-Leistungssports zu sichern.

Sebastian Wendel
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«Wir haben Flyer aufgelegt in Schulen und auf der Kantonshomepage Anzeigen geschaltet, das Resultat ist ernüchternd», sagt Martin Süss, Präsident des Aargauer Skiverbandes.

«Wir haben Flyer aufgelegt in Schulen und auf der Kantonshomepage Anzeigen geschaltet, das Resultat ist ernüchternd», sagt Martin Süss, Präsident des Aargauer Skiverbandes.

zvg

Das Fieber ist gesunken. Drastisch. Doch für einmal ist das schlecht: Gemeint ist das Skifieber der Schweizer. Alles fährt Ski? Iwo! Heute gilt vielmehr: Alles schaut Ski – auf dem Sofa. Und dies auch nur, wenn gerade Lauberhorn-Abfahrt, WM oder Olympia ist. Das hat Auswirkungen. Etwa auf die regionalen Skiverbände wie jenen im Aargau. Es geht um nicht weniger als das Überleben. «Ich hoffe es», sagt Präsident Martin Süss nach einigen Sekunden Zögern. Es ist die Antwort auf die Frage, ob es das Skiteam Aargau in fünf Jahren noch gibt.

Martin Süss erinnert sich an Zeiten, als das Kader noch 20 oder mehr Athleten umfasste. Tempi passati. In den vergangenen fünf Jahren verringerte sich die Kaderbreite massiv – von 15 auf noch kümmerliche 6 Athleten. Die Gründe sind vielseitig. Ein massgebendes Killerargument ist das Geld: Skiausrüstung, Reisen, Übernachten, Tageskarten – zwischen 6000 und 8000 Franken kostet gemäss Martin Süss eine Saison für den Athleten. «Das ist für viele nicht machbar», sagt Süss. Dazu komme der zeitliche Aufwand. «In der Vorbereitung verbringen die Jungen 30 Tage auf dem Gletscher – verbunden mit langen Anreisezeiten.»

Minime Chancen auf Durchbruch

Die Chance, dass man es an die Spitze, sprich mindestens in den Europacup schafft, ist gemessen an den riesigen Investitionen sehr klein. Der Weg nach oben ist schwierig und vor allem lang. Die erste Stufe ist ein Regionalkader wie das Skiteam Aargau. Der nächste Schritt führt ins Zentralschweizer Kader. Der Sprung von dort ins Nationalkader ist nochmals sehr gross – für viele zu gross. Und sowieso kaum zu schaffen, wenn man nicht früh – sprich vor dem 15. Geburtstag – den Wohnort in eine Bergregion verlegt. Andere Sportarten kosten weniger. Und die Aufstiegschancen sind grösser.

«Wir hatten immer wieder Athleten, die sich mit 12, 13 Jahren zwischen Skifahren und einer anderen Sportart entscheiden mussten. Die meisten haben sich fürs Biken, Unihockey oder Fussball entschieden», sagt Süss. Der Baldinger führt den Athletenschwund zudem auf die Mitbringsel der modernen Gesellschaft zurück: «Vielen fehlt der Biss und die Geduld – das ist halt leider so. Und die Omnipräsenz vom Fussball tut den Skiverbänden auch nicht gut.»

Drei Mal Gold, je zwei Mal Silber und Bronze – im Februar löste die Schweizer Medaillenflut an der Ski-WM in St. Moritz eine Welle der Begeisterung aus. Eine Welle, die mehr Mitglieder in die regionalen Skiverbände spülen sollte. ««Ich hoffe, dass die Resultate auch bei uns einen Aufschwung auslösen», sagte Martin Süss damals. Und? Ist dies gelungen? «Bis jetzt spüren wir keine Auswirkungen», sagt er. Man fragt sich: Wenn der angebliche Hype bis jetzt nicht gefruchtet hat – wann dann?

Am Samstag findet der jährliche Sichtungstag auf der Klewenalp statt. Bis vorgestern haben sich gerade mal 6 Kinder angemeldet. Die Werbeoffensive des Aargauer Skiteams hat kaum etwas gebracht. «Wir haben Flyer aufgelegt in Schulen und auf der Kantonshomepage Anzeigen geschaltet, das Resultat ist schon ernüchternd», so Süss. Er sagt: «Kurzentschlossene sind herzlich willkommen.»

Ein Budget von 80 000 Franken

Aktuell stehen sechs Fahrerinnen und Fahrer im Kader. Im Sommer sind es noch die Hälfte, weil drei aus Altersgründen ins Zentralschweizer Kader wechseln. Noch drei. Lohnt sich für die der ganze Aufwand? Das Jahresbudget des Skiteam Aargau beträgt rund 80 000 Franken. «Die nächste Saison ziehen wir mit Sicherheit durch, dann schauen wir weiter», sagt Süss. Er hofft, dass der Sichtungstag beim einen oder anderen das Skifieber steigen lässt, sodass zumindest der Ist-Zustand erhalten werden kann. Wenn nicht, könnte der nächste Winter zur Abschiedstournee für den Aargauer Skisport werden.