Kommentar

Die erfolgreiche Gratwanderung des HSC Suhr Aarau

Fabian Hägler
Geballte Abwehrkraft: HSC Suhr Aarau ist defensiv das zweitbeste Team der Liga.

Geballte Abwehrkraft: HSC Suhr Aarau ist defensiv das zweitbeste Team der Liga.

Der HSC Suhr Aarau schreibt sein eigenes Märchen: Der NLA-Aufsteiger überrascht diese Saison alle mit reihenweisen Siegen gegen arrivierte Teams. Baumeister des Erfolgs ist der neue Trainer Misha Kaufmann.

Vor knapp einem Jahr erlebte die deutsche Handball-Nationalmannschaft ihr Wintermärchen: Das junge Team holte sich im Januar bei der Europameisterschaft in Polen den Titel. Damals verfolgten wohl viele Spieler des HSC Suhr Aarau den erstaunlichen Höhenflug der Deutschen am TV-Bildschirm – und hätten sich nicht träumen lassen, dass sie selber ein paar Monate später ihr eigenes Märchen schreiben würden.

Zur grossen Überraschung der Fachwelt schlug Suhr Aarau nach dem Aufstieg in der NLA gleich reihenweise arrivierte Teams wie die Kadetten Schaffhausen, Wacker Thun, Kriens-Luzern und GC Amicitia Zürich. Baumeister des Erfolgs ist Misha Kaufmann – der neue Trainer stand noch im Frühling selber auf dem Feld, musste seine Karriere nach einer schweren Knieverletzung aber beenden.

In der Medienmitteilung zum Engagement von Kaufmann als Trainer findet sich ein bemerkenswerter Satz des 32-Jährigen: «Ich werde das in mich gesetzte Vertrauen rechtfertigen.» Kaufmann sagte dies ganz natürlich, mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein. Obwohl er zuvor ausser den U17-Elite-Junioren beim HSC noch keine Mannschaft trainiert hatte, war er überzeugt, einen NLA-Aufsteiger zum Erfolg führen zu können.

Mit der Wahl von Misha Kaufmann ging der Verein ein Risiko ein – der Entscheid des Vorstands löste im Umfeld nicht nur Zustimmung aus. Es gab Kritiker, die bezweifelten, dass Kaufmann der richtige Mann für diese Aufgabe ist. Ein unerfahrener Trainer, dem die Lizenz für die höchste Liga fehlt, der als Spieler zwar sehr ehrgeizig und erfolgreich, bisweilen aber auch undiszipliniert und schwierig zu führen war, sollte den HSC Suhr Aarau in der NLA etablieren?

Kaufmann hat dem Team seinen Stempel aufgedrückt

Heute, drei Spiele vor Schluss der Qualifikation, liegt der HSC auf dem fünften Platz und hat gute Chancen, sich für die Finalrunde zu qualifizieren. Auf das Erfolgsrezept angesprochen, sagte Captain Patrick Romann gegenüber «handball.ch»: «Es ist ganz einfach: Wir wissen, was wir zu tun haben und jeder im Team macht genau das, was seine Aufgabe ist. Wir schauen von Spiel zu Spiel und gehen in jede Partie mit dem Ziel, einen Sieg einzufahren.»

 Tatsächlich ist es Misha Kaufmann gelungen, der Mannschaft seinen Stempel aufzudrücken. Das begann nach dem Aufstieg, als der neue Trainer stunden- und tagelang Videos von möglichen Neuzuzügen anschaute, mit Spielerberatern sprach und das Team schliesslich mit Torhüter Mihailo Radovanovic, Linkshänder Djordje Golubovic und Defensivstratege Ronnie Vilstrup verstärkte.

Es setzte sich fort mit der Wahl des unkonventionellen 5:1-Abwehrsystems, das sonst kein Team in der Liga spielt und viele Gegner vor Probleme stellt. Defensiv ist der HSC das zweitbeste Team der Liga, damit kompensiert Suhr Aarau den unterdurchschnittlichen Angriff. Dort nutzt Kaufmann taktisch geschickt immer wieder die neuen Regeln: Keine Mannschaft in der Schweiz ist variabler, wenn es um den Einsatz des siebten Feldspielers geht.

Noch im Sommer sagte der erfahrene HSC-Kreisläufer Stevan Kurbalija, die Finalrunde wäre sein Traum – jetzt ist diese greifbar nah. Mit einem Sieg gegen Schlusslicht Fortitudo Gossau heute Samstag könnte der HSC einen grossen Schritt machen. Was auf dem Papier nach einer klaren Sache aussieht, dürfte in der Halle schwieriger werden. Einerseits haben die Ostschweizerihre letzten Spiele gegen Spitzenteams alle nur knapp verloren, andererseits ist die Belastung für die Stammkräfte beim HSC immens.

Topskorer Tim Aufdenblatten soll durch ein breiteres Kader entlastet werden.

Topskorer Tim Aufdenblatten soll durch ein breiteres Kader entlastet werden.

Zwei von ihnen, Captain Romann und Topskorer Aufdenblatten, haben soeben ihre Verträge beim HSC um zwei Jahre verlängert. Aufdenblatten, seit der U13 im Klub, derzeit bester Feldtorschütze der ganzen Liga und im erweiterten Kader der Nationalmannschaft, war auch von anderen Vereinen umworben. Doch er bleibt, und auch Misha Kaufmann hat bis zum Ende Ende der Saison 2018/19 unterschrieben – vielleicht kehrt beim HSC nun tatsächlich die lange vermisste Kontinuität ein. Doch bei aller Begeisterung über den Höhenflug: Der Verein befindet sich auf einer Gratwanderung. Dass die Mannschaft gegen Teams gewinnt, deren Budget zum Teil das Zwei- oder Dreifache beträgt, lässt die Fans jubeln. Aber wenn sich der HSC längerfristig in der NLA etablieren und unter den besten sechs Teams mitspielen will, braucht er mehr Breite.

Jetzt muss der Schwung genutzt werden

Mindestens einer, besser zwei zusätzliche Spieler sind nötig, um Aufdenblatten und Romann zu entlasten. Dies lässt sich mit dem aktuellen Budget – für die erste Mannschaft stehen rund 650 000 Franken zur Verfügung – nicht realisieren. Im eigenen Nachwuchs gibt es talentierte Spieler, die aber noch nicht bereit sind, um in der NLA eine tragende Rolle zu übernehmen. Suhr Aarau hat in diesem halben Jahr viel Goodwill gewonnen, das Team spielt erfolgreich und attraktiv, die Zuschauer strömen wieder in Scharen in die Schachenhalle. Dies gilt es nun zu nutzen, um auch finanziell das Fundament für weitere Höhenflüge zu legen. Gefordert ist die Vereinsführung, gefordert sind aber auch potenzielle Sponsoren, also Unternehmen im Aargau.

Meistgesehen

Artboard 1