Automobil
Das Team Integratione gibt während 12 Stunden Gas

Nichtbehinderte tun sich im Umgang mit behinderten Menschen nach wie vor schwer. In Roggwil versuchte Guido Müller am 12-Stunden-Go-KartRennen mit seinem Team die Hürden abzubauen.

Daniel Weissenbrunner
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Das Team Integratione jubelt
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Christian Wenk vom Team Integratione während des 12-Stunden-Rennens. Quelle: Marcel Bieri
Das Team Integratione freut sich über den zehnten Platz am 12-Stunden-Rennen. Quelle: Marcel Bieri
Teamchef Guido Müller ist stolz. Quelle: Marcel Bieri

Das Team Integratione jubelt

Der Unterschenkelamputierte Daniel Baur klopft Paraplegiker Christian Wenk auf die Schultern. Guido Müller, ebenfalls Paraplegiker, nimmt die Gratulationen der beiden Teamgefährten und Fussgänger Peter Rikli und Andrina Gugger entgegen. Über 900 Runden drehte das gemischte Team Integratione von Freitagnacht bis Samstag auf der Piste des Race-Inn Centers. Am Schluss klassierte sich das Quintett im oberaargauischen Roggwil auf dem erstaunlichen zehnten Rang unter 20 Teilnehmer. Beachtlich deshalb, weil mit Müller, dem Aarauer Baur und dem Zürcher Wenk drei Personen mit Behinderungen in den flotten Gefährten Platz nahmen.

Berührungsängste abbauen

Der Initiator des Projekts «Integratione» heisst Stefan Würgler. Der OK-Präsident der Rollstuhl Schweizermeisterschaften im kommenden Jahr wollte mit der Aktion die Berührungsängste zwischen Fussgängern und Rollstuhlfahrern abbauen. «Behinderte Menschen sind nicht mehr im gleichen Masse ausgegrenzt wie vor 30 Jahren, dennoch existiert im Alltag nach wie vor eine Hemmschwelle», hat Würgler festgestellt. Gemäss dem Bundesamt für Statistik (bfs) leben in der Schweiz rund eineinhalb Millionen Menschen mit einer Behinderung. Ein Drittel davon ist stark beeinträchtigt.

Auch Guido Müller musste nach seinem gravierenden Arbeitsunfall sein Leben von Grund auf umkrempeln. Er tat es mit grosser Beharrlichkeit und vor allem mit Erfolg. Der 53-Jährige zählt zu den erfolgreichsten Behindertensportlern der Schweiz. Müller gewann 1997 den New York Marathon und nahm an insgesamt fünf Paralympics teil, darunter ein Bronzemedaillengewinn in Barcelona. «Die Rahmenbedingungen haben sich für uns schrittweise verbessert, aber es gibt nach wie vor genug zu tun», weiss der Unterkulmer. Oft sind es die vermeintlich kleinen, unscheinbaren Hürden, die ihm den Alltag erschweren. Beispielsweise in seinem Wohnort, wo nur eine von zwei Bahnstationen rollstuhltauglich ist. Auch der Eingang ins Kino bedeutet für ihn nicht selten Endstation.

Nach einer Rückenoperation vor zwei Jahren haben sich Guido Müllers sportliche Ambitionen verlagert. Von den ganz grossen Events hat er Abstand genommen. Die Lust auf das Gerangel um Positionskämpfe ist ihm vergangen und sie sind ihm auch zu gefährlich. Müller nimmt vermehrt an nationalen Rennen teil und unterstützt seinen Bruder Meinrad, der die Handbike Nachwuchs-Nationalmannschaft betreut, als Berater. Eine Aufgabe, die ihn erfüllt und wo er gleichzeitig sein Know-how weitergeben kann.

Projekt keine Eintagsfliege

In Roggwil mischten sich Guido Müller und seine Kollegen mitten unters Fussvolk. Im Verlaufe der langen Nacht kam es zu herzlichen Begegnungen und interessanten Gesprächen. «Die Leute gratulierten uns und bauten unbemerkt die Schranken ab.» Für Stefan Würgler steht bereits jetzt fest, dass das Integrationsprojekt keine Eintagsfliege bleiben wird. Im doppelten Sinne: «Wir sind nächstes Jahr wieder am Start», versichert er. Ausserdem werden er und Andrina Gugger im Sommer an einem Handbike-Rennen teilnehmen.

Nach zwölf Stunden Motorenlärm war gestern kurz vor Mittag Schluss. Nur einer hatte vom Gas geben noch nicht genug. Schlussfahrer Christian Wenk stieg nach der Siegerehrung ins Auto und machte sich auf nach Sedrun. In der Surselva schaltet er Trainingslager im Hinblick auf den Engadin Skimarathon.

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