FC Aarau
Chaos bei Trainersuche: Andy Egli, Raimondo Ponte oder Alain Geiger als Strohmann?

Der Cheftrainer in der neuen Saison heisst aller Voraussicht nach Patrick Rahmen. Doch für den Rest der laufenden Spielzeit muss der FC Aarau einen weiteren Trainer suchen. Der Verband hat für die Nichtbeachtung des Reglements «spürbare Konsequenzen» angedroht.

Sebastian Wendel
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FC-Aarau-Trainer Raimondo Ponte. Foto: Keystone

FC-Aarau-Trainer Raimondo Ponte. Foto: Keystone

Schweiz am Wochenende (SaW)

Mehr als eine Handvoll Zuschauer bei einem Training des FC Aarau – wann gab es das zuletzt? Der Grund für das überdurchschnittliche Interesse am gestrigen Nachmittagstraining liegt auf der Hand: Die sieben Kiebitze wollen wissen, wer denn nun der neue FCA-Trainer ist, denn die 20-tägige Suchfrist ist abgelaufen. Nur: Die Übungen leitet wie schon in den vergangenen Wochen Stephan Keller. Was die Zuschauer nicht ahnen: Im Hintergrund braut sich ein Gewitter zusammen. Macht der FC Aarau nicht vorwärts in der Trainerfrage, drohen von Verbandsseite schmerzhafte Konsequenzen. Das Ganze könnte zur nächsten Posse im Brügglifeld werden – zum Leidwesen des FC Aarau.

Der Reihe nach: Wer das Trainerreglement des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) studiert, der kommt zum Schluss, der FC Aarau verstösst gerade dagegen. Denn dort steht im Artikel 5 «Trainerwechsel» sinngemäss geschrieben: Bei einer Trainerentlassung oder einem freiwilligen Abgang des Trainers muss der Verein dies innerhalb von drei Tagen dem SFV mitteilen. Falls ein Übergangstrainer eingesetzt wird, muss der mindestens im Besitz des Uefa-A-Diploms sein. Anschliessend erhält der Verein einen eingeschrieben Brief vom SFV mit der Aufforderung, innerhalb von 20 Tagen eine reglementskonforme Lösung zu präsentieren. Heisst: einen Trainer im Besitz der Uefa-Pro-Lizenz.

Am 21. März hat der FC Aarau Cheftrainer Marinko Jurendic entlassen. Seither sind 23 Tage vergangen, also drei Tage mehr als die vom SFV vorgeschriebene Frist, in der ein Nachfolger mit den notwendigen Diplomen (Uefa-Pro-Lizenz) bekannt gegeben werden muss. Stephan Keller, der seit dem 21. März das Training leitet, hat nur das Uefa-A-Diplom. Erhält der FC Aarau nun eine Busse? Droht ihm ein Punkteabzug? Hat das Überschreiten der Frist gar Auswirkungen auf die Lizenzvergabe für die kommende Saison?

Noch nicht. Am Samstag beim Auswärtsspiel in Schaffhausen darf Keller nochmals an der Linie stehen. Dann ist Schluss, dann braucht der FCA einen neuen Übergangstrainer. Das weiss man im Brügglifeld seit gestern: Am Mittwoch stellt der FCA beim SFV ein Gesuch mit der Bitte, Keller bis Ende Saison als Cheftrainer zu erlauben. Man ist zunächst optimistisch, dass der SFV einwilligt, da Keller für den nächsten Berufstrainer-Lehrgang (BTL) angemeldet ist. Zu früh gefreut: Am Donnerstag lehnt der SFV das Gesuch ab. Begründung: Die Anmeldung für den BTL reicht nicht. Stattdessen müsste Keller für den Uefa-Pro-Lizenz-Lehrgang angemeldet sein, um eine Sondergenehmigung bis Ende Saison zu erhalten.

Retourkutsche für Jurendic-Entlassung?

Die ursprüngliche Forderung des SFV an den FC Aarau, schon heute Freitag bis 12 Uhr einen passenden Trainer bekannt zu geben, ist mittlerweile überholt. Gemäss FCA-Vizepräsident Roger Geissberger habe man nun bis Anfang nächster Woche Zeit, eine geeignete Lösung zu finden. Beim Heimspiel am Mittwoch, 18. April gegen Xamax aber muss der neue Mann an der Linie stehen: Ansonsten, so heisst es vom SFV-Hauptsitz aus Bern, drohen dem FCA «spürbare Konsequenzen, keine symbolischen». Näher wird auf die Form möglicher Bestrafungen nicht eingegangen. Gerüchtehalber sind im gestrigen Austausch zwischen Bern und Aarau die Worte «Konsequenzen für die Lizenzvergabe» gefallen.

Wie konnte es überhaupt soweit kommen? Schliesslich ist die Jurendic-Entlassung über drei Wochen her. Zudem war die Trennung vom 40-Jährigen alles andere eine Überraschung, der FCA hätte also schon im Voraus Übergangs-Lösungen aufgleisen können. Hätte man das aktuelle Problem nicht elegant verhindern können?

Die Quelle des Wirrwarrs sind die unterschiedlichen Interpretationen des SFV-Trainerreglements: Der FCA glaubte, gegen die Hinterlegung einer Kaution (20 000 Franken) und der baldigen Bekanntgabe des Cheftrainers für die nächste Saison könne Keller für die verbleibenden neun Spieltage im Amt bleiben. Der SFV beharrt aber darauf, dass Keller auf dem Papier nur als Übergangslösung während der 20-Tage-Frist tauge.

Verschwörungstheoretiker würden behaupten, dies sei die Retourkutsche des Verbands für die Entlassung von Jurendic, der in Bern einen exzellenten Ruf geniesst.

Man kann sich fragen: Warum stellt der FCA den Cheftrainer für die nächste Saison nicht jetzt schon ein? Antwort: um zu verhindern, dass der neue Cheftrainer bei einem Anhalten der Resultatkrise bereits verbrannt ist, wenn im Juni die Vorbereitung auf die wegen der Stadion-Abstimmung im Frühjahr 2019 wichtigste Saison der Klubgeschichte beginnt.

Auch Ciriaco Sforza darf hoffen

Bleiben zwei Fragen: Wer wird Übergangstrainer für den Rest der laufenden Saison? FCA-intern wäre Sven Christ ein Kandidat, doch als technischer Leiter des Team Aargau ist Christ ein Doppelmandat untersagt. Der FCA muss also extern rekrutieren: Hinter vorgehaltener Hand fallen Namen wie Andy Egli, Alain Geiger und tatsächlich auch Raimondo Ponte.

Die brennendste aller Fragen aber ist: Wer wird in der nächsten Saison den FC Aarau trainieren? Es deutet weiterhin sehr viel auf Patrick Rahmen hin. Der Basler ist seit der Absage des Wunschkandidaten Urs Fischer in der Pole-Position. Eine Chance hat auch Ciriaco Sforza. In den nächsten Tagen wird die entscheidende Verwaltungsratssitzung stattfinden, in der Sportchef Sandro Burki und Vizepräsident Roger Geissberger den restlichen Verwaltungsräten eine Auswahl von etwa drei Trainern präsentieren.

Fazit: Es gibt Reglemente und die muss nun mal einhalten, wer im Profikonzert mitspielen will. Aber nur um Fussball geht es im heutigen Fussball leider schon lange nicht mehr.

Alle Trainer des FC Aarau seit 1981:

Stephan Keller: seit Juli 2020 Wurde vom Assistenten zum Cheftrainer befördert und erreichte mit dem FCA in der ersten Saison Rang 5 in der Challenge League sowie den Cup-Halbfinal.
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Patrick Rahmen: Juli 2018 - Juli 2020 Der Basler führte den FC Aarau in der ersten Saison nach miserablem Start sensationell noch in die Barrage. Dort vergeigte das Team ein 4:0 nach dem Hinspiel gegen Xamax. Gut ein Jahr später wurde Rahmen nach einem 1:4 in Kriens entlassen.
Ton Verkerk: April - Juni 2017 Während acht Spielen stand der Holländer als Interimstrainer an der Seitenlinie.
Stephan Keller: März - April 2017 Einige Spiele interimistischer Cheftrainer, ehe er wegen fehlender Diplome offiziell wieder in die Assistenten-Rolle schlüpfen musste.
Marinko Jurendic: Juni 2017 - März 2018 Der gebürtige Kroate Marinko Jurendic (39) galt in der Szene einst als grosses Trainertalent und stand bei mehreren Profiklubs auf der Liste. Er ging zum FC Aarau, musste nach zehn Monaten und schlechten Resultaten den Stuhl früh wieder räumen.
Marco Schällibaum: Oktober 2015 - Juni 2017 Der 53-jährige Zürcher schaffte es langfristig ebenfalls nicht, die Erwartungen der Klubbosse zu erfüllen. Nach 64 Spielen an der FCA-Seitenlinie erhält er am 6. Juni 2017 die Kündigung – genau zwei Monate, nachdem man seinen Vertrag verlängert hatte.
Livio Bordoli: Juni - Oktober 2015 Nach nur zwölf Punkten nach elf Spielen musste der Tessiner, der vom Super-League-Aufsteiger aus Lugano zum FCA gekommen war, die Segel streichen.
Raimondo Ponte: März - Juni 2015 Raimondo Ponte konnte den Abstieg aus der Super League in den letzten elf Spielen nicht mehr verhindern. Drei Siege und zwei Unentschieden waren zu wenig, um den zweiten Abstieg des FCA zu verhindern. Von September 2015 bis August 2017 war Ponte Sportchef bei den Aargauern.
Sven Christ: Juli 2014 - März 2015 Nachdem er zuvor beim FC Baden erfolgreicher Trainer war, übernahm Sven Christ im Juli 2014 das Zepter beim FC Aarau. Nach sechs Siegen aus 24 Spielen wurde Christ im März 2015 entlassen.
René Weiler: April 2011 - Juni 2014 René Weiler führte den FC Aarau 2013 in seiner Amtszeit aus der Challenge League zurück in die Super League. Nach dem erfolgreichen Klassenerhalt 2014 wechselte Weiler nach Deutschland zum 1. FC Nürnberg.
Thomas Binggeli: April 2011 Beim 1:1 in Locarno stand Binggeli im April 2014 für ein Spiel als Verantwortlicher an der Seitenlinie.
Ranko Jakovljevic: Juli 2010 - April 2011 Der ehemalige Interimscoach war bei seiner zweiten Amtszeit bei den Aarauern mässig erfolgreich. In 24 Spielen holte der aktuelle Trainer des FC Baden 24 Punkte.
Fredy Strasser: Mai 2010 Er vermochte in den letzten drei Spielen der Saison 09/10 das sinkende Schiff nicht mehr retten und holte nur drei Punkte.
Ranko Jakovljevic: April 2010 - Mai 2010 Mit drei Siegen gestartet, musste der Interimscoach nach dem 4:0 gegen Luzern für die letzten drei Spiele der Saison seinen Posten wieder abgeben.
Martin Andermatt: Oktober 2009 - April 2010 Martin Andermatt ist der Hauptverantwortliche für den ersten Abstieg der Vereinsgeschichte. In 18 Spielen gelang dem FC Aarau unter seiner Führung nur ein mickriger Sieg.
Jeff Saibene: Juli 2009 - Oktober 2009 Der ehemalige Co-Trainer leitete mit einem schlechten Saisonstart den erstmaligen Abstieg seit 1981 ein. Nur acht Punkte aus zwölf Spielen waren viel zu wenig.
Ryszard Komornicki: Juli 2007 - Juni 2009 Unter dem Polen belegte der FCA zweimal Platz 5 - trotzdem wird der Vertrag mit dem Meisterspieler von 1993 nicht verlängert.
Gilbert Gress: Mai 2007 Gilbert Gress rettete den FC Aarau 2007 in die Relegation und schliesslich vor dem dem Abstieg. Mit zwei Siegen gegen Bellinzona schafften die Aarauer unter ihm den Klassenerhalt.
Ryszard Komornicki: Januar 2007 - Mai 2007 Mit einem Punkteschnitt von nur 0,69/Spiel musste Komornicki nach 16 Spielen schon wieder gehen.
Ruedi Zahner: November 2006 - Dezember 2006 Zahner war für sechs Spiele Interimscoach der Aarauer. Seine Bilanz mit drei Siegen und drei Niederlagen ist ausgeglichen.
Urs Schönenberger: Mai 2006 - Oktober 2006 Nur 15 Punkte aus den ersten 18 Spielen führten zur Trennung zwischen dem FC Aarau und Urs Schönenberger.
Alain Geiger: Dezember 2005 - April 2006 In seiner zweiten Amtzeit beim FC Aarau holt Geiger pro Partie im Schnitt einen Punkt.
Andy Egli: August 2004 - Dezemeber 2005 Nach 55 Partien wird Andy Egli Ende 2005 eine Serie mit fünf Spielen ohne Sieg zum Verhängnis.
Martin Rueda: Januar 2004 - August 2004 Martin Rueda verliert mehr als die Hälfte seiner 22 Spiele mit dem FCA.
Alain Geiger: Juli 2002 - Dezember 2003 In 40 Partien unter Geigers Regie kommt der FCA nicht vom Fleck. Im Winter 2003 muss er gehen.
Rolf Fringer: Mai 2000 - Juni 2002 Der Meistertrainer kehrt für zwei Jahre zu seinem FCA zurück.
Jochen Dries: April 1999 - Mai 2000 Zur Jahrtausendwende leitete Jochen Dries die Geschicke im Brügglifeld.
Fredy Strasser: Oktober 1998 - März 1999 In seiner ersten Amtzeit ist Fredy Strasser interimistisch für vier Monate Trainer des FCA.
Martin Trümpler: Juli 1995 - September 1998 Mit 142 Partien als Cheftrainer der Aarauer schafft es Martin Trümpler in dieser Kategorie auf Rang 3.
Rolf Fringer: Juni 1992 - Juni 1995 1993 gewinnt der FCA unter Rolf Fringer die Schweizer Meisterschaft.
Roger Wehrli: Juli 1990 - Juni 1992 Zwei Saisons setzte der FCA auf Roger Wehrli, der als Spielertrainer seine aktive Karriere beim FC Aarau ausklingen liess.
Wolfgang Frank: Januar 1989 - Juni 1990 Wolfgang Frank wurde 1990 zum Sportchef der Aarauer befördert.
Werner Mogg: Holte 1988 in zwei Spielen einen Sieg.
Hubert Kostka: Juli 1988 - Dezember 1988 Hubert Kostka war für 30 Spiele Cheftrainer des FCA.
Ottmar Hitzfeld: Juli 1984 - Juni 1988 Die Trainerlegende wurde im ersten Jahr beim FC Aarau Vizemeister und Pokalsieger. Nach 152 Spielen in vier Jahren wechselte der Deutsche 1988 zu GC.
Zvezdan Cebinac: Januar 1983 - Juni 1984 Nach anderthalb Jahren wurde der Vertrag des Serben nicht verlängert. Er starb 2012 im Alter von 72 Jahren.
Paul Fischli und Paul Stehrenberger: Juli 1981 - Dezember 1982 Fischli und Stehrenberger (zweite Reihe aussen) hiess das Trainer-Duo in der ersten Saison in der höchsten Schweizer Spielklasse.

Stephan Keller: seit Juli 2020 Wurde vom Assistenten zum Cheftrainer befördert und erreichte mit dem FCA in der ersten Saison Rang 5 in der Challenge League sowie den Cup-Halbfinal.

Martin Meienberger

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