Volleyball

Arbeiten, wo andere Ferien machen: Volleyballspieler Reto Giger startet in Estland in sein nächstes Abenteuer

Reto Giger ist bei Saaremaa als erster Passeur fester Bestandteil der Startaufstellung.

Das Auslandabenteuer geht weiter: Der Aargauer Volleyballspieler Reto Giger will nach seinem Engagement in Polen nun in der estnischen Liga nach den Sternen greifen. Einmal mehr trifft er dort auf eine volleyballbegeisterte Bevölkerung.

«Ich bin keiner, der nur zu Hause sitzt», sagt Reto Giger. Viel treffender könnte sich der ehemalige Spieler von Volley Schönenwerd nicht beschreiben. Vor einem Jahr erfüllte er sich mit einem Engagement in Polen den grossen Traum vom Ausland und entschied sich gegen ein in geregelten Bahnen verlaufendes Leben. Als der Vertrag im Sommer auslief, wechselte er nach Estland zum Saaremaa VC.

Polen und Estland: Beides keine Länder, die auf der Auswanderungswunschliste ganz oben stehen. Doch als es an der Zeit war, in Polen bei Cerrad Czarni Radom seine Zelte abzubrechen, stürzte sich Reto Giger gerne in sein nächstes Abenteuer.

Eine Insel wie ein verwunschener Ort

«Ich verzichte für den Sport auf vieles, aber es ist den Aufwand wert», sagt der aus Aarau Rohr stammende Giger. «Es bringt mich sportlich und menschlich weiter, in verschiedenen Ligen zu spielen.» Seit August weilt er in Estland. Statt nur in tristen Hallen zu trainieren, verbesserte er seine Leistungen nun am Strand auf Saaremaa, der grössten Insel Estlands.

Diese wirkt mit ihrer unendlich weiten Fläche und den Burgen, Mühlen und Leuchttürmen wie ein verwunschener Ort. Eine grüne Oase, gespickt mit vielen Sehenswürdigkeiten, nennt sich ab jetzt sein neues Zuhause. Wo andere nur Ferien machen, darf Giger arbeiten. Nicht nur den Testspielen wegen hat er schon viel von Estland gesehen.

«Ich reise gerne, bin schon mehrmals mit dem Auto losgezogen, um mir verschiedene Plätze anzuschauen», sagt er. Statt sich nur in seine Wohnung zu verziehen, verbringt er seine Freizeit gerne mit den Teammitgliedern. Doch nicht nur mit denen kann er sich gut unterhalten. «Ich habe schon oft unseren Wochenmarkt besucht, mit den Marktleuten geredet. Es ist immer lustig, was für Gespräche sich ergeben.»

Vier Titel in Aussicht

Sein Entdeckungsdrang scheint sich mit seinem Ehrgeiz zu decken. Den Ausschlag für Estland gaben nicht nur die guten Strukturen, sondern auch die Möglichkeit, gleich vier Titel zu gewinnen.

Mit dem Saaremaa VC spielt Reto Giger in der estnischen und der baltischen Liga, dazu im nationalen und im Europacup. «Ich möchte mit dem Verein so viele Titel holen wie nur möglich. Das ist auch das Ziel der Mannschaft, die aufgebaut wurde, um das Bestmögliche herauszuholen», sagt Giger.

Während der 28-Jährige im vergangenen Jahr als zweiter Passeur eingekauft wurde und dank Verletzungspech zum Handkuss kam, ist er heuer als erster Passeur fester Bestandteil der Startaufstellung. Als Stammspieler gilt es zu beweisen, dass er die gesammelte Erfahrung aus Polen umsetzen kann. Während sich das Spiel in Polen vor allem um Physis drehte, spielt die Technik in Estland eine grössere Rolle. An diese Herausforderung muss sich Giger erst gewöhnen.

Volle Halle trotz wenigen Einwohnern

Zählen darf er dabei auf die Fans. «Die Esten sind sehr volleyballbegeistert, der Sport geniesst bei ihnen hohes Ansehen», sagt Giger. Wie schon in Polen hat sein Verein einen eigenen Fanklub. Der Ort, der gerade einmal 12 000 Einwohner stellt, schafft es immer wieder, die Halle zu füllen. Bis zu tausend Fans sorgen an den Spielen für Stimmung. Anders als in Polen ist diese weniger aggressiv: «In Polen ist das Klima härter, es ist mehr Druck vorhanden. Es wird verlangt, dass du einfach performst. Wenn es nicht gut läuft, stauchen die Zuschauer die Spieler mit Fangesängen zusammen.»

Er ist froh, den Schritt nach Polen gemacht zu haben. «Dadurch, dass ich die ganze Zeit auf einem hohen Niveau trainieren konnte, habe ich grosse Fortschritte gemacht», sagt er. «Ich glaube, ich habe mit meinen Auftritten gezeigt, dass es möglich ist, als Schweizer in so eine Liga vorzustossen und dort mitspielen zu können. Wir müssen uns nicht verstecken.»

Während Giger, der schon so vieles gesehen und erlebt hat, den Nachwuchs ermutigen will, ebenfalls den Schritt zu wagen, bleibt ihm doch noch ein Traum: ein Engagement in Italien als letztes fehlendes Puzzleteil seiner Karriere.

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