Yubeljahr
#36 Die Ratlosigkeit in Zeiten der grossen Siege und Triumphe

Manchmal ist der Weg das Ziel. Die vier Berner Autoren Pedro Lenz, Bänz Friedli, Bernhard Giger und Klaus Zaugg begleiten YB auf dem Weg zum Meistertitel. Zumindest bis der Rückstand auf Basel 13 Punkte oder mehr beträgt.

Klaus Zaugg
Klaus Zaugg
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Den ersten Meistertitel seit 32 Jahren haben die Young Boys gehörig gefeiert.

Den ersten Meistertitel seit 32 Jahren haben die Young Boys gehörig gefeiert.

KEYSTONE/PETER SCHNEIDER

Und was jetzt? So muss sich Edmund Hillary nach der Erstbesteigung des Mount Everest auf dem Weg zum Dinner mit der Queen gefühlt haben. Was nun? Schliesslich hat Sir Hillary 31 Jahre nach dem ersten offiziellen Versuch endlich den höchsten Berg der Welt bezwungen.

Das war damals ein alpinistisches Warten wie das Harren auf den nächsten YB-Titel. Wir haben 32 Jahre gewartet. Es schien unmöglich, den höchsten Berg der Welt zu besteigen, und doch wurde das Unmögliche immer und immer wieder versucht. So wie es uns unmöglich schien, den höchsten Gipfel des helvetischen Fussballs zu erreichen. Und was Sherpa Tensing bei der Besteigung des höchsten Berges der Welt war, war bei uns ein wenig der Marco Wölfli: Der Mann, ohne den alles gar nicht möglich gewesen wäre.

Wie kann es weitergehen? Dahin ist unser kultiges Plangen wie aus Samuel Becketts Kult-Theaterstück «Warten auf Godot». Niemand weiss mehr, wie es sich anfühlt, Titelverteidiger zu sein.

Und überhaupt: Titel zu verteidigen, ist langweilig. Im Gegensatz dazu ist mehr als 30 Jahre lang auf den Titel zu warten echte Fussballkultur.

Ja, es ist sogar ein Stück Lebensgefühl: Ich warte auf den YB-Titel, also bin ich. Hier stehe und warte ich auf den YB-Titel und kann nicht anders.

Wie also weiter? Jetzt, da wir den Kompass unseres Lebens verloren haben? In meiner Not habe ich unseren Juniorentrainer mit allen Diplomen gefragt. Er hat mit seinen Buben auch schon Aufstiege und Meisterschaften gefeiert. Er muss wissen, wie es ist.

Aber er hat keine Antwort. Noch viel schlimmer: Jetzt hat er auf einmal keine Meinung und keine Erklärungen mehr parat und redet wie ein Politiker. Man könne nicht sagen, wie es komme, man müsse erst das Ende der Transferfristen abwarten und dann werde man sehen. Alles sei möglich.

Ausgerechnet in diesen wunderbaren Zeiten der grossen Siege und Triumphe versinke ich in einer Ratlosigkeit, aus der mich niemand erlösen kann. Als langjähriger SCB-Chronist ist mir zwar das Leben in Zeiten der Titelverteidigung vertraut. Aber der SCB ist 1986 gleich im selben Jahr am grünen Tisch aufgestiegen, in dem YB zum vorletzten Mal Meister war.

Und der SCB ist seither so oft Meister geworden, dass ich die unzähligen meisterlichen Triumphe nicht mehr auswendig aufzuzählen vermag. Auf das tägliche Leben übertragen, ist Meister werden beim SCB wie Zähneputzen. Bei YB hingegen mindestens so emotional, aufwühlend und einmalig wie heiraten.

Ich weiss wirklich nicht, ob ich noch einmal heiraten und ob ich noch einmal einen YB-Titel erleben werde. Am besten also, die Flitterwochen nach dem Titelgewinn geniessen und den Besuch des letzten YB-Heimspiels wie eine Hochzeitsreise betrachten.