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«Jeder Mensch braucht Nähe»

Ein Gespräch mit Joram Ronel, Chefarzt Psychosomatische Medizin und Psycho­therapie an der Klinik Barmelweid, über psychische Gesundheit, Verschwörungs­mythen und die Auswirkungen der Pandemie auf unsere Psyche.

Interview: Markus Kocher
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Psychoanalytiker Joram Ronel: «Kinder und Jugendliche leiden besonders stark unter Corona.»

Psychoanalytiker Joram Ronel: «Kinder und Jugendliche leiden besonders stark unter Corona.»

Herr Ronel, rund eine halbe Million Schweizerinnen und Schweizer befinden sich derzeit in psychiatrischer Behandlung, und die psychosomatischen Rehabilitationskliniken platzen seit Jahren aus allen Nähten. Wird unsere Seele immer «kränker»?

Joram Ronel: Das denke ich nicht. Epidemiologische Studien belegen, dass es heute nicht mehr psychisch Kranke gibt als vor 70 Jahren. Allerdings hat sich die Sensibilisierung gegenüber psychischen Problemen erhöht. Früher hat man psychische Probleme meist mit sich selbst ausgemacht und ging nur wegen körperlicher Beschwerden zum Arzt. Heute ist man eher bereit, seine seelische Not beim Namen zu nennen.

Gilt diese «Entwarnung» auch für Kinder und Jugendliche?

Bis vor zwei Jahren hätte ich auf diese Frage mit einem klaren Ja geantwortet.

Und heute?

Heute sieht es etwas anders aus.

Weshalb?

In einem Wort: Corona. Kinder und Jugendliche leiden besonders unter dem Virus und den getroffenen Massnahmen. Für ihre Entwicklung ist es zentral, dass sie Beziehungen knüpfen, sich ausprobieren und ihre sexuelle Identität finden können. Und Corona macht genau das Gegenteil mit ihnen, reduziert zwischenmenschliche Kontakte, treibt sie in die soziale Isolation. Dabei würden sie in dieser Lebensphase besonders viel menschliche Nähe brauchen.

Wächst da gerade eine Generation von beziehungsgestörten Menschen heran?

Auch wenn wir die psychischen Langzeitschäden der letzten zwei Jahre noch nicht abschätzen können, bin ich zuversichtlich, dass diese Befürchtung nicht eintreffen wird.

Was stimmt Sie optimistisch?

Die Geschichte zeigt, dass selbst Menschen mit traumatischsten Erlebnissen – sexuelle Gewalt, Missbrauch, Holocaust – ihr Leben erstaunlich gut bewältigen können. Wir haben die Fähigkeit, Kriege zu überleben und Katastrophen zu meistern. Da werden wir doch auch dieses kleine, heimtückische Virus schaffen?!

Trotzdem hat man das Gefühl, dass die Pandemie die Gesellschaft enorm spaltet.

In Krisenzeiten brauchen Gesellschaften immer jemanden, den sie ausgrenzen können. Im Mittelalter, während der Pest, waren es Juden und Hexen. Später, während HIV, waren es Schwule und Drogenabhängige. Bei Corona funktioniert dieser Mechanismus ähnlich.

Mit welchen Folgen?

Obwohl Corona uns alle trifft und wir eigentlich nicht dem Fremden, dem anderen, die Schuld geben können, werden Ausweichmöglichkeiten gesucht. Schauen Sie sich nur einmal an, wie Verschwörungsideologien gerade Hochkonjunktur haben.

Haben Sie ein Beispiel?

Selbstverständlich: Der Verschwörungsmythos, die mRNA-Impfung enthielte Mikrochips. Die Idee dahinter: Eine behauptete Elite – in diesem Fall Microsoft-Gründer Bill Gates und seine En­tourage – wolle uns alle impfen und damit überwachen lassen.

Was steckt tiefenpsychologisch hinter solchen Geschichten?

Das tiefe Bedürfnis nach Externalisierung. Im Fall von Corona wird versucht, ein inneres Problem – Angst vor dem Unsichtbaren, eine existenzielle Bedrohung – von der Innen- in die Aussenwelt zu verlagern. Wenn ich das Gefühl habe, ich wisse, was wirklich los ist, kann ich mich beruhigen, das Bedrohliche aushaltbar machen.

Kehren wir zum Ausgangspunkt unseres Gesprächs zurück: Fast jeder fünfte Schweizer leidet an einer psychischen Störung. Gibt es Menschen, die für eine psychische re­spektive eine psychosomatische Erkrankung besonders anfällig sind?

Auch wenn es darauf keine allgemein gültige Antwort gibt, sind positive, gute Beziehungserfahrungen meiner Meinung nach für die psychische Gesundheit unabdingbar. Wer bereits in der Kindheit vernachlässigt wird oder später unter sozialer Vereinsamung leidet, ist für eine psychische Erkrankung definitiv anfälliger.

Zur Person

PD Dr. med. Joram Ronel ist seit vier Jahren Chefarzt und Leiter des Departements für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Klinik Barmelweid in Erlinsbach. Zuvor arbeitete Ronel an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum rechts der Isar der TU München, wo er auch seine Ausbildung gemacht hat. Der 49-jährige Vater zweier Kinder ist verheiratet und lebt im Fricktal und in München.

Aktionstage Psychische Gesundheit

Psychosomatische Medizin – die Sprache des Körpers

Im Rahmen der 8. Aktionstage Psychische Gesundheit im Kanton Aargau (2. 9.– 2. 11. 2021) findet am Mittwoch, 27. Oktober, 17.30 bis 19 Uhr, im Kultur- und Kongresshaus am Schlossplatz 9 in Aarau ein Referat von der Psychosomatikerin Dr. Esther Hindermann sowie ein Gespräch mit Betroffenen zum Thema «Psychosomatische Medizin – die Sprache des Körpers » statt. Die Veranstaltung ist kostenlos, ein Covid-Zertifikat Pflicht.

Infos und Anmeldung: www.barmelweid.ch/veranstaltungen

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