Gassenküche
Zwischen Gassenküche und Amthausplatz

Kälte und Armut: Wie kommen Solothurns Randständige mit den aktuellen Minusgraden zurecht? - Draussen übernachten muss niemand. Manche tun es trotzdem.

Andreas Kaufmann
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Die Gassenküche bietet Wärme für den Magen, die Glieder und das Gemüt. Hanspeter Bärtschi

Die Gassenküche bietet Wärme für den Magen, die Glieder und das Gemüt. Hanspeter Bärtschi

Halb neun Uhr morgens: Ein eisiger Wind fegt über den Amthausplatz, vorbei an der Handvoll Gestalten,
die dort warten; nicht auf den Bus, sondern darauf, dass es zehn wird. Dann nämlich öffnet die Gassenküche im «Adler» und bietet Menschen mit Suchtproblemen vor allem eines: Wärme. «Die Kälte ist grässlich», sagt auch Tom P. *, 43, der lieber von drinnen aus rausschaut als umgekehrt. Doch es geht ihm verhältnismässig gut. Kürzlich fällte er den Entschluss, beim Methadonprogramm einzusteigen. Und seit fünf Wochen hat er eine eigene Wohnung: «Das war ein Weihnachtswunder, nachdem ich drei Jahre auf der Gasse war.» Unter anderem ein nicht einwandfreier Betreibungsauszug habe ihm die Wohnungssuche nicht gerade erleichtert.

Mit wenig Kleidern in den Schlafsack

Mit der Kälte kommt man irgendwie klar, erst recht Tom, der zuvor 20 Jahre auf dem Bau gearbeitet hatte: «Wenns trocken ist, lässt es sich einigermassen gut draussen übernachten», erzählt er und erinnert sich an Schlafplätze wie den «Ämmespitz», Brückenunterstände oder Parkbänke. «Wies richtig geht, hat man im Militär gelernt: mit möglichst wenig Kleidern in den Schlafsack.»

Angst um die Gesundheit
Auf die Frage, ob er draussen übernachtet, antwortet Roger N. *, 28, mit Fingerzeig auf seine aufgesprungene Unterlippe. Ja, es sei oft der Fall, dass er sich eine luftgeschützte Ecke, eine Telefonkabine oder ein Treppenhaus aufsuche, um der Kälte zu entfliehen. «Ich will nicht aufdringlich sein, aber wenn man kalt hat und um seine Gesundheit fürchtet, dann klappert man die Gegend nach offenen Hauseingängen ab.» Manchmal finde aber auch er keine Bleibe über Nacht und muss sich die Kappe umso tiefer ins Gesicht ziehen. «Und die Notschlafstelle in Biel ist ja auch keine dauerhafte Lösung.»

Nur wenige ihne Wohnsitz
Wie Karin Stoop, Geschäftsführerin der Fachstellen Perspektive Region Solothurn, weiss, seien aktuell vier bis fünf Personen ohne festen Wohnsitz im Raum Solothurn bekannt. «In der Gassenküche wird am Abend nachgefragt, wo die Leute schlafen werden», erklärt Stoop. Viele fänden auch bei Freunden Unterschlupf. Generell entstehe so der Eindruck, dass niemand draussen übernachten müsse. «Aber man kann natürlich nicht kontrollieren, wohin sie letztlich gehen.» Insgesamt betont Stoop aber das Grundrecht auf Obdach, medizinische Versorgung und Lebensmittel. So besteht zwar eine Mitwirkungspflicht für Klientel und die Pflicht, gewisse Auflagen zu erfüllen. Doch selbst in Härtefällen kann auf die Nothilfe zurückgegriffen werden. Ergo: Draussen übernachten muss niemand.

Kirchliche Rückendeckung
Kommt die Unterstützung durch seelsorgerische Kreise hinzu. Koen De Bruycker, reformierter Pfarrer von Solothurn West, steht im Kontakt
mit Randständigen. «Wir vermitteln auch Übernachtungen und helfen generell mit, Lösungen zu finden.» Und wenns nicht anders machbar ist, werde auch Sachhilfe geleistet, um Betroffenen eine Übernachtung zu bezahlen. Dass in den vergangenen Tagen vermehrt an seiner Tür geklopft worden wäre, kann De Bruycker nicht bestätigen. «Und für einige ist das Leben auf der Strasse ja auch selbst gewählt.»
An der Zuchwilerstrasse betreibt die Heilsarmee Solothurn eine Wohnung, die sie für Menschen auf der Suche nach einer Unterkunft zur Verfügung stellt. Christian Dummermuth, Heilsarmee-Offizier, kann aktuell keine statistische Zunahme aufgrund der Kälte vermelden. Für das Referenzjahr 2010 verzeichnet er eine Auslastung der Wohnung von rund 80 Prozent. «Ausserdem können wir ebenfalls Menschen an andere Schlafstätten weitervermitteln», zeigt er weitere Möglichkeiten auf.

Gegenseitige Hilfe
Zu guter Letzt dürfe nicht die Hilfe vergessen werden, die sich früher und aktuell Betroffene gegenseitig geben können, sagt Monique G. *. Die Mutter von fünf Kindern hält sich häufig in der Gassenküche auf.«In Solothurn sind wir verwöhnt. Deshalb dürfen die, die hier Unterstützung empfangen, auch mal was geben.» Gegenseitige Hilfe, so ihre Haltung, hält sie für wichtig «Ich liebe diese Leute», betont sie mit Blick in die Runde der Gassenküche-Besucher. «Und man darf nicht vergessen, dass jeder in eine solche missliche Lebenslage geraten kann.»
* Namen der Redaktion bekannt