Zertifikatspflicht
Umfrage im Kanton Solothurn: «Die Gastronomie wird wieder zum Sündenbock gemacht»

Der Bundesrat führt die Zertifikatspflicht für Gastro-, Kultur und Fitnessbetriebe ein. Die Reaktionen auf diesen Entscheid gehen weit auseinander, wie eine Umfrage im Kanton zeigt.

Christoph Krummenacher, Béatrice Beyeler und Marius Fellinger 3 Kommentare
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Kontrolle eines Covid-Zertifikats.

Kontrolle eines Covid-Zertifikats.

Keystone

Künftig kommt nur noch ins Restaurant, ins Kino und ins Fitness-Center, wer die 3G-Kriterien erfüllt: Geimpft, genesen oder getestet. Ab Montag, 13. September, gilt für diese Betriebe in der ganzen Schweiz eine Zertifikatspflicht.

Wie reagieren Gastronomen, Kinobetreiber und Betreiberinnen von Fitness-Centern im Kanton? Ganz unterschiedlich, wie eine Umfrage dieser Zeitung zeigt. Die Reaktionen reichen von «wir begrüssen das sehr», über «es braucht einen Mittelweg», bis hin zu «der Entscheid ist unverständlich». Ein grosses Fragezeichen setzen viele der Beizerinnen und Beizer vor allem hinter die Eingangskontrolle.

So sagt etwa Christian Wyler, Geschäftsführer des Gasthofs Kreuz in Egerkingen:

«Ich weiss nicht, wie wir das umsetzen wollen. Müssen wir Securitas anstellen, welche die Zertifikatspflicht durchsetzen? »

Und weiter: «Wie gehen wir beispielsweise damit um, wenn in einer Gruppe von vier Personen eine Person kein Zertifikat hat – schmeissen wir dann alle raus?»

Es gebe durchaus verschiedene Standpunkte, aber für die Gastronomie sei die Zertifikatspflicht sicher nicht vorteilhaft. «Das bedeutet für uns wieder finanzielle und personelle Aufwände», sagt Wyler. Der springende Punkt sei die Besucherzahl. «Ich habe mit vielen Gästen geredet. Einige sagten, dass sie bei einer Zertifikatspflicht nicht mehr kommen», so der Geschäftsführer des «Kreuz» Egerkingen.

Man befinde sich noch nicht wieder auf dem Niveau von vor der Pandemie. Und nun rechnet er durch die Einführung der Zertifikatspflicht mit einer zusätzlichen Einbusse von 20 bis 30 Prozent. Wyler betont:

«Wir sind nicht grundsätzlich gegen die Massnahmen, aber wenn es uns ‹ans Läbige› geht und uns nochmals zurückwirft, dann haben wir Gastronomen natürlich keine Freude.»

Es sei schade, dass alles erneut auf dem Buckel von Gastronomie, Event und Tourismus ausgetragen werde.

Peter Oesch ist Präsident von Gastro Solothurn.

Peter Oesch ist Präsident von Gastro Solothurn.

Patrick Luethy

Ins gleiche Horn stösst Peter Oesch, Präsident von Gastro Solothurn. Zusammen mit seiner Partnerin führt er die «Suteria» Olten. Auch er fragt sich: «Wer kontrolliert das Ganze?» In der Gastronomie bestehe bereits ein Personalmangel, für die Prüfung der Zertifikate fehle es an Ressourcen. Oesch ist überzeugt, dass deren Einführung zu Umsatzeinbussen in der Gastrobranche führen wird. Das könne man im Ausland bereits beobachten.

Hoffnung zerschlagen

Bis zur Ankündigung des Bundesrats habe er noch gehofft, dass die Zertifikatspflicht lediglich auf Bars ausgeweitet würde. Dort, wo die Menschen am Tresen stehen und zirkulieren, wäre es in seinen Augen denn auch sinnvoll. Aber nicht in einem Restaurant, wo die Gäste fix an ihren Plätzen sitzen und dazwischen eine Maske tragen würden. Zwar werde man sich nicht gegen die Zertifikatspflicht stellen, sagt der Präsident von Gastro Solothurn. Doch er betont:

«Die Gastronomie wird wieder zum Sündenbock gemacht.»

Auch andere Branchen sind von der Ausweitung betroffen. Kurz nach der Bekanntgabe kann Jan de Boer, Inhaber der Canva AG, noch nicht viel zu seiner Haltung sagen. Er äussert sich diplomatisch: «Es hat positive und negative Aspekte.»

Kinobetreiber Jan de Boer ist zwiegespalten.

Kinobetreiber Jan de Boer ist zwiegespalten.

Hanspeter Bärtschi

Das grösste Fragezeichen setzt er ebenfalls hinter den Kontrollmechanismus – und die Reaktion der Kundinnen und Kunden. Im Ausland sei die Besucherzahl in den Kinos nach der Einführung der Zertifikatspflicht teils massiv eingebrochen.

Zudem stünden grosse Filme vor der Tür, etwa der neueste James Bond. Dabei seien auch Anlässe geplant, deren Planung nun überdacht werden müsse. Als positive Aspekte führt de Boer die fallende Maskenpflicht ins Feld und dass die Säle wieder ganz gefüllt werden dürfen.

Ein «wirtschaftliches Desaster»

Von einem «lachenden und einem weinenden Auge» spricht auch Nicole Brunner. Ihr und ihrem Mann gehört das Cityfit in Grenchen. «Aus epidemiologischer Sicht begrüsse ich die Einführung total, rein wirtschaftlich ist es aber ein Desaster.»

Persönlich habe sie Mühe damit, zahlenden Kundinnen und Kunden eine Dienstleistung verweigern zu müssen. Sie rechnet mit Rückzahlungsforderungen. Zudem befürchtet Nicole Brunner gerade im Hinblick auf die neue Fitness-Saison – diese dauere jeweils von Herbst bis Frühling – einen Rückgang bei den Aboabschlüssen. Sie ist überzeugt: «Jedem Fitnesscenter entgeht etwas.»

Dafür erhofft sie sich einen Schub bei den Impfzahlen. Doch ausschlaggebend dafür dürfte nicht ihre Branche, sondern die Gastronomie sein. Sie sagt:

«Trainieren kann man auch anderenorts – auswärts essen allerdings nicht.»

Auch Martin Volkart von der Genossenschaft Baseltor hofft auf diesen Schub. Im Gegensatz zu Gastrosuisse und vielen Branchenkolleginnen und -kollegen befürchtet der Delegierte des Vorstands keine Umsatzeinbussen. Im Gegenteil: Er begrüsst den Bundesratsentscheid. Klare Vorgaben würden den Betrieb vereinfachen.

Gerade im «Solheure», das nebst dem «Baseltor», dem «Salzhaus» und der «Couronne» zur Genossenschaft gehört. Mit Abstand halten und Sitzpflicht wäre der Barbetrieb auf den Herbst hin schwierig geworden, so Volkart. Mit dem Zertifikat könnten sich hingegen alle Gäste frei bewegen.

Fehlende Laufkundschaft auf dem Land

Tut sich etwa ein Stadt-Land-Graben auf? Peter Siegenthaler vom «Kreuz» Kriegstetten sagt dazu: «Kleinere Landgasthöfe mit weniger als 50 Plätzen haben mehr Probleme als Restaurants in den Städten.» In seinem Betrieb komme es nicht darauf an, ob man wegen den Massnahmen zwei Tische mehr oder weniger aufstellen könne. «Aber wenn wir Ungeimpfte nicht reinlassen dürfen, macht das einen grossen Unterschied.»

Im Gegensatz zu Restaurants in der Stadt habe er kaum Laufkundschaft. Für kleinere Gasthöfe auf dem Land mache das viel aus. Siegenthaler rechnet mit Schwierigkeiten, auch wegen der Kontrolle der Gäste. Doch man müsse schauen, was kommt, und wie die Leute reagieren. «Alles was man jetzt sagt, ist Kaffeesatz lesen. Das gilt für mich, aber auch für andere.»

3 Kommentare
Roland Gruenig

Ich denke nicht, dass jetzt weniger Leute ins Restaurant gehen. Ich persönlich war schon lange nicht mehr im Restaurant. Nun freue ich mich, ab Montag wieder ins Restaurant zu gehen, ohne sich Sorgen machen zu müssen. Und ich bin mir sicher, anderen geht es genau gleich. Also, bitte nicht schon jammern, bevor ihr nicht sehen konntet, ob sich die Zertifikatspflicht vielleicht nicht doch eher positiv auswirkt. 

Peter Ingold

Ich schliesse mich dem Kommentar von Herrn Gruenig an ich bin fürs Certivikat bin zwar geimpft fühle mich aber sicherer undmansollte nicht schon im vorraus jammern und alle Massnahmen schlechtreden

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