Wie wertvoll einem Menschen die eigene Selbstachtung sein kann, davon zeugt der folgenschwere Streit zweier Herren mittleren Alters, welche sich im Oktober vergangenen Jahres anlässlich einer Aufführung in einem Dorftheater wegen ein paar weniger Sitzplätze in die Haare gerieten. Dabei sollen Nettigkeiten wie «Arschloch» und «sture Siech» ausgetauscht worden sein, sodass die gekränkte Seele des einen Herrn nach einer gerichtlichen Ahndung dieses an ihm begangenen Unrechts verlangte.

Der Mann, dem die nicht salonfähigen Ausdrücke anscheinend leicht von der Zunge gehen, sass gestern Morgen etwas zerknirscht und erstaunlich gefasst im Verhandlungssaal des Amtsgerichts Solothurn Lebern. Der 63-jährige Maschinenmechaniker Peter L.* aus dem Bipperamt sieht aus wie jemand, der mit beiden Füssen auf dem Boden steht. Dementsprechend packt er seine Streitigkeiten mit derselben Energie an, mit der er sich an seine Maschinen wagt – mit hochgekrempelten Ärmeln und nicht allzu zimperlich.

Eine Frage der Ehre

Dass ein fragiler Geist wie der von Martin R.*, wohnhaft in der Region Solothurn, sich an so viel Energie stösst, war abzusehen. Kurzerhand zog er Peter L. wegen Beschimpfung vor Gericht. Im Gegensatz zur explodierenden Ausfälligkeit von Peter L. nämlich versteckt die Strategie der Konfliktlösung von Martin R. ihre Schlagkraft hinter einer gleichmütigen Fassade. Seine Anzeige gegen L. beweist aber, dass seine Empörung mindestens so gewaltig war, wie das Auftreten von L. anlässlich der besagten Theateraufführung. Gemäss der Aussage seines Rechtsvertreters wollte L. seinem Kontrahenten einen «Denkzettel» verpassen. Dass der Vorsitzende nicht besonders daran interessiert war, den genauen Ablauf des Streites, dem eventuell weitere Händel vorangegangen waren, zu besprechen, erstaunt angesichts des emotionalen Potenzials einer solchen Diskussion weniger. Er ging deshalb gar nicht darauf ein, als Peter L. gestern ein Dokument vorlegte, welches die Mitschuld des Anklägers an der Eskalation des Konfliktes belegen sollte. Stattdessen machte er den Vorschlag einer urteilsfreien Einigung der Streithähne.

Beschimpfung kostet 628 Franken

Vermutlich war es auch die Zurückhaltung von Martin R., die den Anwesenden einen erneuten Ausbruch des Streits ersparte. Sein Anwalt übernahm das Sprechen und stellte – ohne ein Wort über den Hergang der Auseinandersetzung zu verlieren – die Bedingungen für eine urteilsfreie Einigung: 250 Franken für die verletzte Ehre von Martin R., 200 Franken für «Médecins Sans Frontières». Dazu kommen die eher bescheidenen Gerichtskosten von Fr. 178.–. Um sich den Schuldspruch sowie deutlich höhere Verfahrenskosten zu ersparen, ging Peter L. nolens volens auf die Forderungen ein. Damit komme er gut weg, befand auch der Richter. Und: Über die Spende wird sich die wohltätige Organisation bestimmt freuen.

*Namen von der Redaktion geändert