Nachgefragt
«Wir sind wehleidig geworden»

Interview: Balz Bruder
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Wie gehen Sie mit der aktuellen Pandemiesituation um?

Christoph Blocher: Auf jeden Fall leichter, als es uns die Panikstimmung, die um sich greift, vermuten lassen würde. Das hat vor allem mit meiner Liebe zu Geschichte zu tun. Wenn ich diese anschaue und mir vor Augen führe, welche Seuchen, Katastrophen, Krisen die Menschheit überlebt hat, dann sage ich mit Albert Anker, der gemalt hat: «Siehe, die Welt ist nicht verdammt!» Das ist auch jetzt so.

Was wollen Sie damit sagen?

Wir sind wehleidig geworden im Umgang mit dem, was unser Leben auch nur ansatzweise zu bedrohen scheint. Und dass es in einer Seuche, so bedauerlich dies ist, Menschen gibt, die daran sterben, ist eine feste Grösse. Ich kann das sagen, weil ich jetzt auch zu denen gehöre, die das Durchschnittsalter der Sterbenden haben. Die Welt geht wegen dieser Pandemie nicht unter.

Fehlen uns zuweilen etwas die Relationen?

Ja, das ist so. Wenn ich daran denke, wie mein Vater im Ersten Weltkrieg, da die Spanische Grippe wütete, Weihnachten fernab von seiner Familie verbracht hat. Und später am Familientisch von dieser Zeit erzählt hat. Das ist heute unvorstellbar für uns. Wir diskutieren darüber, ob es eine Zumutung sei, Weihnachten mit weniger Menschen zusammen zu feiern, als dies sonst üblich ist. Maria und Josef haben auch nicht in einem Luxushotel mit über 60 Personen gefeiert. Vielleicht kommt der tiefere Sinn von Weihnachten wieder ans Licht.

Trotzdem ist es bedenklich, dass ein hoch entwickeltes Land wie die Schweiz Todesfallzahlen ausweist wie kaum ein anderes.

Das weiss ich nicht. Was da alles zusammengeschrieben wird – wir können das gar nicht beurteilen. Bei der Frage, ob nun jemand an Corona gestorben sei, oder ob nicht eine andere Krankheit, die von Corona überlagert wurde, den Ausschlag gab – wer soll das beurteilen? Ich glaube deshalb auch nicht an all die Zahlen. Weder an jene im Ausland noch an jene im Inland. Es ist nicht alles so klar, wie es manchmal scheint.

Sie machen persönlich trotz der Krise, die uns umgibt und unser Leben einschränkt, einen sehr entspannten Eindruck.

Ja, ich gehöre zwar zur Gruppe der Risikopersonen, aber ich bin zuversichtlich, dass wir das überstehen werden. Denken wir nur an die Fortschritte bei der Entwicklung des Impfstoffs. Wir haben die Pocken besiegt, die Kinderlähmung besiegt – wir werden auch Corona besiegen

Aber die ökonomischen Verwerfungen sind enorm.

Das kommt hinzu, das ist klar. Da müssen wir sehr aufpassen, dass wir den Bogen nicht überspannen. Wir können doch nicht einfach alles herunterfahren! Es kommt auch niemandem in den Sinn, das Autofahren zu verbieten, weil es im Strassenverkehr Tote gibt.

Das vielleicht nicht, aber der Bundesrat ist bei der Bewältigung der Pandemie nach Dafürhalten vieler auf einem Zickzack-Kurs.

Es braucht die Diskussionen in der Landesregierung! Und sie sollen auch kontrovers sein. Aber man muss wissen, was man will – und welchen Preis man dafür bezahlen kann. Die Pandemie ist offensichtlich nicht nur ein Thema der Gesundheit! Oder wie Ritschard sagte, als er von Georges-André Chevallaz das Finanzdepartement übernahm: «Er hat mir nichts hinterlassen als ein Loch, in das ich mich nun selbst setzen muss.»