22. März 1911 in Dupplin Castle im schottischen Perth: Der Kunsthistoriker Joseph Zemp hatte zusammen mit dem Sekretär der Gottfried-Keller-Stiftung eben den Kaufvertrag für die Rückführung des Chorgestühls ins ehemalige Kloster St. Urban unterzeichnet.

Dass dieser Erfolg gebührend gefeiert wurde, lässt sich daran ablesen, dass Zemp in der Folge auf der Suche nach seinem Zimmer durch die Gänge des Schlosses irrte. Als er endlich ein Bett fand, legte er sich ermattet in dieses nieder. Am folgenden Morgen stellte sich heraus, dass er sich im Zimmer geirrt und in einem Bett genächtigt hatte, das einst von Königin Victoria benutzt worden war. Seither war es sozusagen als unberührbare Reliquie nie mehr benutzt worden.

Inventar verscherbelt, um Schulden zu tilgen

Diese Episode, die sich am Dienstag zum 100. Mal jährt, steht am Anfang vom Ende einer fast ebenso skurrilen Odyssee, auf die das Chorgestühl im 19. Jahrhundert geriet. Ausgelöst worden war sie durch den Beschluss des Luzernischen Grossen Rates vom 13. April 1848, das Zisterzienserkloster aufzuheben.

In der Folge verscherbelte der Kanton das Inventar des Klosters, um die Schulden tilgen zu können, die ihm von den im Sonderbund siegreichen reformierten Kantonen aufgebrummt worden waren. Der heute unverständliche «Ausverkauf» dieses und anderer Kulturgüter lässt sich nur vor dem Hintergrund des aufgeheizten konfessionellen Klimas erklären, in dem die Klöster als angebliche Verhinderer eines modernen Staates im jungen Bundesstaat herhalten mussten. Ausländische Kunsthändler nutzten dies aus, um günstig an Kunstwerke zu kommen.

Den Zuschlag für das St. Urbaner Chorgestühl erhielt der St. Galler Bankier James Meyer. Er liess es im Sommer 1853 abbrechen und stellte einen Teil davon im Basler Hotel «Zu den drei Königen» zum Verkauf aus. Dort sah es der Irländer Stephen Ram und liess es in 20 Waggons in seine Heimat abtransportieren. Er fand jedoch offensichtlich keinen geeigneten Platz dafür, denn bereits 1860 verkaufte er es weiter.

Käufer war der schottische Earl of Kinoull, Besitzer des Dupplin Castle in Perth. Doch auch er konnte in der Eingangshalle des Schlosses, die er als Kapelle benutzte, nur einen Teil seines Kaufs aufstellen. Einen weiteren Teil bewahrte er in der Bibliothek auf, den Rest magazinierte er über den Pferdeställen.

Kaufverhandlungen scheiterten vorerst

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Wertschätzung für nationale Kunstaltertümer in der Schweiz wieder. Im Dezember 1890 erfuhr Heinrich Angst, britischer Generalkonsul in der Schweiz und erster Direktor des 1898 errichteten Landesmuseums, im Gespräch mit Engländern von einem geschnitzten Chorgestühl aus der Schweiz auf den Britischen Inseln.

Er brachte dieses mit St. Urban in Verbindung, wo der Kanton Luzern inzwischen eine psychiatrische Anstalt eingerichtet hatte. Er machte es ausfindig und nahm Kaufverhandlungen auf, die jedoch vorderhand am hohen Preis scheiterten. Neben dem fehlenden Geld kam als weiteres Problem hinzu, dass das Gestühl im Landesmuseum ohne Neubau nicht aufgestellt werden konnte. An eine Rückführung nach St. Urban dachte damals noch niemand, galten «Irrenanstalten» doch als feuergefährlich, weil sie auch Personen beherbergten, die an Pyromanie litten.

Inzwischen waren in Perth die Nachkommen von Lord Kinoull selbst aktiv geworden, um das ungeliebte Erbe wieder loszuwerden. Sie verkauften es an einen Gönner der katholischen Westminster-Kathedrale in London. Bereits war ein Teil dort aufgestellt, als der Donator unerwartet starb.

In der Folge erwuchs dem Einbau des barocken Gestühls in der byzantinischen Basilika Widerstand. Das Geschäft wurde rückgängig gemacht, und die Stühle wanderten wieder zurück nach Schottland. Bewegung in die Sache kam erst wieder, als die Besitzer ihre Preisvorstellungen erheblich nach unten korrigierten und gleichzeitig die Wertschätzung der Barockkunst in der Schweiz anstieg. Die Besitzer, die nun auch ihr Schloss verkaufen wollten, gaben das Gestühl einer Londoner Antiquitätenfirma in Kommission.

Einzige Bedingung für einen Verkauf in der Schweiz zu einem günstigen Preis war nun die Rückführung nach St. Urban. In der Folge trat Heinrich Angst die Offerte für den Rückkauf an die Gottfried-Keller-Stiftung ab.

Maler waren am Werk

Auf ihrer Reise nach England erlebte die Schweizer Delegation neben der «Entheiligung» des königlichen Bettes einen weiteren Schrecken: Als sie das Gestühl besichtigten, waren zwei Maler daran, es grafitschwarz anzustreichen. Diese Farbe sei momentan in Mode, wurde ihnen beschieden, gebeizte Möbel würden naturbelassenen vorgezogen.

Nach dem erfolgreichen Kauf traf das Gestühl am 15. April 1911 in 85 Kisten verpackt via Antwerpen in Basel ein, von wo es vorerst nach Aarau verfrachtet wurde. In den ersten Maitagen schliesslich kehrte es an seinen ursprünglichen Ort zurück. Glocken erklangen zum Einzug keine, denn auch diese waren verkauft worden. Während der folgenden sechs Monate wurde der Kirchenraum zur Werkstatt, bevor das Chorgestühl am 26. Oktober 1911 wieder eingeweiht werden konnte und die 60-jährige Irrfahrt ihren endgültigen Abschluss fand.

Ausführlich beschrieben wird die Irrfahrt des Chorgestühls im Buch «Sankt Urban 1194-1994. Ein ehemaliges Zisterzienserkloster.» Die Pfarrei St. Urban führt bis am 6. April zum Jahrestag der Rückführung jeden Mittwoch Meditationen zu den Bildern des Chorgestühls durch.