Anschauungsunterricht hat Dimitri Gerster im Haus seiner Familie im Käppelihof-Quartier zur Genüge: Das Dach ist mit Solarzellen bestückt, und nicht selten checkt der junge Mann, der kürzlich seine Matur abgeschlossen hat, via Stromzähler den im heimischen Kraftwerk produzierten Strom. Entsprechend hat Gerster mit seiner Maturaarbeit «Potenzialabschätzung für Photovoltaik-Anlagen auf Dachflächen in der Gemeinde Solothurn» sein Wissen darüber vertieft und sein Interesse dafür verstärkt. Gewissermassen hat er auch die im April eingereichte SP-Motion von Gemeinderat Matthias Anderegg zufälligerweise beantwortet, zumindest teilweise (siehe Kasten).

Aus der Not eine Tugend gemacht

Doch bei aller Affinität zur Sonnenenergie: Unmittelbar auf der Hand lag das Thema nicht. «Ich habe lange mit der geeigneten Fragestellung gehadert, dabei auch noch einen Wetterballon in Betracht gezogen», erzählt der Kantiabsolvent im Profil Mathematik/Physik. Relativ spät habe er sich dazu durchgerungen, als Ausgangspunkt seiner Arbeit die Was-wäre-wenn-Frage in den Raum zu stellen: Wie viel Strom könnte auf allen geeigneten Hausdächern Solothurns zusammen durch Photovoltaik-Anlagen (PV) produziert werden?

So arbeitete Gerster mit Satellitenbildern und einer Software, um die Dächer der Stadt nach ihren Nutzungsmöglichkeiten zu kartografieren. Zunächst musste er gewisse Grundannahmen festlegen: So ging er ob der Frage der Ost-West-Ausrichtung und der Dachneigung von Durchschnittswerten aus, da sie im Falle Solothurns nicht signifikant abweichen.

Nebelgeplagtes Solothurn beeinflusst Berechnung

Danach teilte er die einzelnen Häuser der Stadt ein in Satteldächer, Flachdächer, ungeeignete Standorte sowie Gebäude (mitunter in der Altstadt), die aus denkmalschützerischer Sicht nicht infrage kommen. Es klingt wie «Das Gute ins Töpfchen, das Schlechte ins Kröpfchen», und war wahrlich eine reine Fleissarbeit, wie Gerster erzählt.

Und selbst nach Einbezug weiterer Faktoren – so spielt auch der Nebel eine Rolle – gelangte er zu einem Resultat, das er in etwa erwartet hatte: 45 Prozent des Stroms könnte die Stadt Solothurn mit eigenen Anlagen abdecken, dies bei einem jährlichen Verbrauch von insgesamt knapp 100 Mio. Kilowattstunden. Gerster geht bei seinen Berechnungen von einer Nutzfläche von total 275000 Quadratmetern Solarzellen aus. Was er selbst als Zahlenspielerei bezeichnet, aber durchaus auch aufhorchen lassen dürfte, ist die voraussichtliche Investitionssumme: 280 Mio. Franken.

Nach Fukushima noch brisanter

Es ist mehr als nur technisches Interesse, das Gerster zu dieser mittlerweile viel beachteten Arbeit verleitete: «Ich bin in einer Generation aufgewachsen, in der man sich die Frage stellt, wann das Erdöl ausgeht», sinniert Gerster: «Dabei kommt man automatisch auf erneuerbare Energien zu sprechen.» Kommt hinzu, dass nach Fukushima seine damals bereits eingereichte Arbeit zusätzlich an Brisanz gewonnen habe. Energiepolitische Gedanken eines 18-Jährigen, der sich selbst eher als unpolitisch bezeichnen würde. «Aber womöglich wird man durch die Beschäftigung mit solchen Themen politisch.»

Weniger Photovoltaik in «reicheren» Quartieren

Spricht Gerster in seiner Arbeit von «Potenzial», so hat das auch mit bisherigen Versäumnissen zu tun, die er hierzulande beobachtet: «Die Schweiz ist hintendrein, wenn man schaut, wie Deutschland in Sachen PV-Anlagen bereits heute eingedeckt ist.» Was Gerster in seiner Arbeit zudem feststellt: Interesse über die Nutzung ist zwar vorhanden, aber das Wissen nicht – gerade auch die Tatsache, dass sich Solarzellen längerfristig auszahlen, auch wenn sie kurzfristig im Portemonnaie schmerzen.

«Es braucht eine langfristige Perspektive» – eine, die vielleicht auch das viertelmilliardenteure Gedankenspiel für Solothurn relativiert. Erstaunlich sei auch, dass gerade in «reicheren» Quartieren Solothurns kaum PV-Anlagen zu finden seien.

Wichtige Grundlage

Es gibt viel zu tun – das hat Gerster mit seiner Arbeit gut erkannt. Er selbst spielt mit dem Gedanken, Maschinenbau an der ETH zu studieren, um sich als Umweltingenieur einzubringen und mit seiner Neugier und seinem Wissen etwas zu bewegen.

Und das hat er bereits: Bei einem Vortrag der Regio Energie Solothurn (RES) im Mai beeindruckte er die Besucher mit der Präsentation seiner Ergebnisse. Zwar kommt die RES bei eigenen Berechnungen auf einen tieferen Prozentwert – unter anderem wegen unbebaubarer Dachanteile. Dennoch zeigt sich Philipp Grob, Leiter Dienstleistungen RES, begeistert: «Herr Gerster hat eine hervorragende Maturaarbeit geleistet und uns damit eine wertvolle Grundlage geliefert.»