Feriencamp
Wenn man sich über ein Ferienlager nicht freuen kann

Michael Moser geht nächste Woche ins Lager für Behinderte in Schwarzsee. Obwohl sich der junge Mann darüber freut, kann er das nicht zeigen.

Gundi Klemm
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Gabriela und Jürg Moser sind als Eltern von Michael – hier mit seinem Vierbeiner Gero – begeistert über «Das Andere Lager». gku

Gabriela und Jürg Moser sind als Eltern von Michael – hier mit seinem Vierbeiner Gero – begeistert über «Das Andere Lager». gku

Solothurner Zeitung

102 junge Menschen – je zur Hälfte Behinderte und Nichtbehinderte – reisen nächste Woche ins Andere Lager, das diesmal im freiburgischen Schwarzsee stattfindet. Unter dem Patronat des Panathlonclubs Solothurn, dem Einsatz einer pädagogisch und sportlich fähigen Kursleitung unter der Leitung von Bruno Huber (Grenchen) und dank Unterstützung durch grosszügige Sponsoren wird diese Sportwoche zum 20. Mal durchgeführt. Bei dieser Organisationsform, die Menschen mit und ohne Handicap gleichermassen einbindet, handelt es sich um eine solothurnische Pioniertat, die in der ganzen Schweiz Beachtung gefunden hat.

Seit 15 Jahren dabei

Am liebsten habe er bei den vielen angebotenen Sportdisziplinen im Lager die Kletterwand, berichten Gabriela und Jürg Moser, Eltern des 28-jährigen Michael. Beim Besuch in seinem Elternhaus in Lohn-Ammannsegg will der feingliedrige junge Mann zwar kaum etwas sagen. Aber dass er sich auf die Lagerwoche freut, wissen seine Eltern genau. Seit 15 Jahren fährt er nämlich in die im Zweijahresturnus wechselnden Durchführungsorte Tenero und Schwarzsee und komme immer aufgeräumt und glücklich von dort zurück.

Ein Lager ist ihnen besonders in Erinnerung geblieben, weil der damalige persönliche Betreuer ihren Sohn, der an einer cerebralen Behinderung leidet, schon vorher zu Hause besucht habe, um ihn kennen zu lernen. Für sie selbst, so beide Mosers, gebe es keinerlei Probleme, ihren Sohn dem Lagerbetrieb anzuvertrauen. Sie hätten sich an einem früheren Besuchstag über Ziel und Zweck informieren können und gesehen, wie viel Spass die Jugendlichen miteinander haben.

Er mag keine Beachtung

Anfänglich hätten sie gegenseitig schon «lange Zyt» empfunden, aber inzwischen verlaufe alles in ganz routinierten Bahnen. Michael habe persönlich nie schlechte Erfahrungen machen müssen, nur einmal erlebt, dass ein Kollege von einem gesunden Teilnehmenden gemobbt wurde. Das allerdings sei von der Leitung sofort erkannt und auch geahndet worden.

Michael, der mit seinen Eltern in die Ferien fährt und früher im besuchten Schulheim für körperbehinderte Kinder alljährlich an der Schullandwoche teilnahm, kann mit dem Erlebnis von neuer Umgebung und Menschen gelassen umgehen – auch wenn er sich nicht allzu aktiv äussert. Er mag es nicht, zu stark beachtet zu werden. Das weiss man auch an seiner Arbeitsstelle in der Vebo Langendorf, wo er gerade sein 10-jähriges Arbeitsjubiläum feierte.

Lager sollte Schule machen

«Wir freuen uns für unseren Sohn, dass er als 28-Jähriger noch in «Das Andere Lager» eingeladen wird», betonen die Eltern Moser. Die Anmeldung klappe ausgezeichnet, und die umsichtige Vorbereitung der mitfahrenden drei Schulklassen stimme zudem positiv. Das wahre Rückgrat des Lagers bilde aber das Betreuungsteam, das feinfühlig auf alle Bedürfnisse eingehe.

Nach düsteren medizinischen Prognosen, als Michael noch ein Kleinkind war, habe er sich doch so gut entwickelt, dass man von einer gewissen Selbstständigkeit sprechen könne. «Wir haben ihn nie versteckt, ihn überallhin mitgenommen und ihn ermuntert, sich seiner Mitwelt zu öffnen», unterstreicht Vater Jürg, der die «Harley-Biker»-Begeisterung seines Sohnes teilt, wenn der als sein Sozius mitfährt. «Das Andere Lager» sei eine so überzeugende Einrichtung, dass ihn das Fehlen eines solchen Angebots in anderen Kantonen verwundere, meint Vater Jürg, der als Hauswart in der Kantonsschule Solothurn tätig ist. «Dieses gemeinsame Lager für Behinderte und Nichtbehinderte sollte überall Schule machen!»