Marco Grob

«Wenn eine Person sagt, sie könne ein Land führen, hat sie einen an der Waffel»

In seinem Element: Der Oltner Starfotograf Marco Grob porträtiert den bekannten Regisseur Steven Spielberg.

In seinem Element: Der Oltner Starfotograf Marco Grob porträtiert den bekannten Regisseur Steven Spielberg.

Der in New York lebende Oltner Fotograf Marco Grob hat den Emmy Award erhalten. Im Interview erklärt er, wie New York nach Sturm Sandy lebt, wieso er nach dem Fotografieren nicht einfach davonlatscht und warum ihm Barack Obama suspekt ist.

Sie leben in New York. Wie ist die Stimmung nach dem Sturm?

Marco Grob: Man organisiert sich. Ich habe eine wunderschöne Szene gesehen: Eine Person hat ein Glas, das mit Münzen gefüllt war, auf ein öffentliches Zahltelefon gestellt.

Das Zahltelefon war das Einzige, das noch funktionierte. Auf dem Glas stand: «Call your mom.» Oder es wurden Generatoren aufgestellt, mit denen die Leute ihr Telefon aufladen konnten, um ihre Angehörigen anzurufen. Es war schön, was unter den Leuten passiert ist. Aber ich behaupte, dass es in ein, zwei Wochen hässlich werden kann, wenn die Leute beispielsweise kein Geld mehr haben, weil sie vergessen haben, welches abzuheben.

Ein anderes schlimmes Ereignis erlebte Amerika am 11. September 2001. Sie haben zehn Jahre danach für das Time Magazine Menschen porträtiert, die in irgendeiner Weise von diesen Terroranschlägen betroffen sind. Welche Person hat Sie am meisten berührt?

Mich hat die Familie Riches am meisten berührt. Jim, einer der Söhne, war Feuerwehrmann, die Nummer 113 auf der Feuerwache 1. Er ist am 11. September verschüttet worden und dabei umgekommen. Sein Vater, Jim Senior, hat seinen Sohn sechs Monate lang jeden Tag gesucht, bis er ihn schliesslich fand. Er rief damals sofort seine drei verbliebenen Söhne an. Zu viert haben sie Jims Leiche aus den Trümmern geholt. Dass diese Familie die Verantwortung nicht abgeschoben hat, hat mich beeindruckt.

Wie war diese Arbeit mit den Betroffenen der Terroranschläge für Sie?

Das Krasse ist: Früher habe ich einfach fotografiert und spätestens nach 15 Minuten bin ich davongelatscht. Bei dieser Arbeit aber gehörten Interviews mit den Leuten dazu, denn wir wollten auch deren Geschichte erzählen. Es war das erste Mal für mich, dass wir nach dem Fotografieren mit den Leuten zusammengesessen sind. Es gab viele Tränen in den Interviews.

Müssen Sie Seelenleben und Schicksalsschläge eines Menschen kennen, um ihn porträtieren zu können?

Nein. Wenn ich zu viel Beziehung zum Gegenüber aufbaue, lenkt das von der Kamera ab. Dann werde ich wichtiger. Im Raum sind aber das Gegenüber und die Kamera am wichtigsten, und ich bediene die Kamera nur. Ich versuche deshalb, gar nicht zu viel Kontakt mit den Personen zu haben. Für mich ist das Gespür wichtig. Das versuche ich, je länger je intuitiver zu machen.

Glauben Sie, dass Ihre Arbeit für die Betroffenen ein Teil von deren Verarbeitungsprozess ist?

Wir haben die einzigen vier Überlebenden oberhalb des 84. Stockwerks fotografiert und gefilmt. Diese vier Personen stehen jeweils an unterschiedlichen Standorten in ihrem Verarbeitungsprozess. Zwei davon haben mit uns das erste Mal überhaupt über ihre Erlebnisse gesprochen. Diese Zwei sagten, dass sie bei diesem Projekt mitmachen, um das Erlebte zu verarbeiten. Zwei von diesen vier Personen sind auch an die Ausstellung gekommen. Der eine hat den anderen am 11. September gerettet – seither feiern sie zusammen Weihnachten.

Hat diese Arbeit Sie selber auch weitergebracht?

Extrem.

Inwiefern?

Mir wurden Geschichten, die in so nahem Zusammenhang mit Leben und Tod oder Familie, Liebe und Weltpolitik standen, unmittelbar ins Gesicht geworfen. Ich habe Dick Cheney, Valerie Wilson Plame, George W. Bush oder ein Kind, das bei einem Raketenangriff alle Familienmitglieder verloren und schwerste Verbrennungen davon getragen hatte, aufgenommen. Alle Fäden laufen in diesem Projekt zusammen. Das warf für mich mehr Fragen auf.

Was für Fragen?

Beispielsweise in Bezug auf den Flug 93 (Der United-Airlines-Flug 93 wurde am 11. September 2001 als eine der vier Maschinen, die für die Anschläge in New York und Washington benutzt wurden, entführt, Anm. d. Red.), von dessen Bord aus einige Passagiere Telefongespräche geführt haben sollen. Ich habe zehn Jahre lang gesagt, das ist der grösste Mist, den ich je gehört habe. Ich bin zweimal wöchentlich mit dem Flugzeug unterwegs, aber habe noch nie jemanden telefonieren sehen. Nun ist aber bei unseren Fragen eine Witwe, die einen dieser Anrufe entgegengenommen hat, leibhaftig vor mir gestanden und hat geweint. Das hat mir wieder ganz andere Ideen gegeben, wie es wirklich abgelaufen sein könnte. Denn das war ja wohl keine Schauspielerin des CIA. So wirft das Ganze für mich wieder neue Fragen auf. Und ich verspüre Wut.

Wut auf wen?

Ich habe in meinem Job schon manchen Massenmörder getroffen. Es ist in unserem Team dann jeweils wie ein Spiel, bei dem die Frage ist: Komme ich darum herum, dieser Person die Hand zu schütteln. Ich verliere immer, denn mir schütteln sie immer die Hand. Es ist einerseits interessant, aber andererseits fordernd, Leuten wie Cheney, Bush, Rumsfeld und Wolfowitz zu begegnen. Es ist für mich spannend, damit umzugehen – immer wieder.

Haben sich durch die Arbeit für das Time Magazine Ihre Ansichten zu den Terroranschlägen verändert?

Nein. Ich finde, die USA haben nach den Anschlagen das denkbar Ungünstigste gemacht. Sie hätten extrem viel Goodwill auf ihrer Seite gehabt. Sie haben dies aber verspielt, indem sie den Irak annektiert und Afghanistan angegriffen haben. Das war schon immer meine Meinung. Aber was ich gelernt habe: Als Bin Laden erschossen wurde, haben viele Leute gejubelt. Lustigerweise hat jedoch keiner der Menschen, die wir interviewt haben und die einen Angehörigen verloren haben, das gewollt. Die haben das Erlebte nicht mit Hass und Rache, sondern mit anderen Mitteln verarbeitet. Sie haben sich an anderen Sachen versucht aufzubauen. Das fand ich schön. Das Land hat das Falsche gemacht, Einzelpersonen aber haben oft das Richtige gemacht.

Diese Arbeit hat Ihnen den renommierten Emmy Award eingebracht. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

(Überlegt). Time Warner hat viel Geld in die Hand genommen für dieses immer grösser werdene Projekt. Wir wurden von den Verantwortlichen richtiggehend gepusht. Ich war froh, ihnen mit dem Award zeigen zu können, dass es sich für ein Medienunternehmen lohnt, Einsatz zu zeigen. Und für mich persönlich ist es einfach eine schöne Auszeichnung.

Eine Bestätigung?

Eine Bestätigung für gestern. Aber für mich zählt, was heute und morgen ist. Die Auszeichnung macht mir auch fast ein bisschen Angst. Denn wenn du eine solche erhältst, willst du anschliessend eine zweite und eine dritte. Ich bin jetzt 47 Jahre alt. Ich habe keine Lust, dass diese Auszeichnung die Kirsche auf dem Sahnehäubchen einer Torte ist. Ich habe Lust darauf, dass mir diese Auszeichnung hilft, etwas Neues aufzubauen. Ich mache nun zwei, drei Projekte in Eigenregie, bei denen mir dieser Emmy enorm hilft.

Können Sie etwas über diese Projekte verraten?

Eines davon ist ein Herzensprojekt, mit dem laufe ich schon etwa zwei Jahre schwanger. Es heisst «Dream Role». Ich habe herausgefunden, dass die berühmtesten Schauspieler eine Traumrolle haben, die sie nie bekommen haben. Ich will in diesem Projekt die Leute in ihrer absoluten Traumrolle zeigen, mit Foto und Film. Etwas, das diese Schauspieler in ihrer langen Karriere nie gemacht haben. Beispielsweise Männer, die Frauen spielen wollen, und umgekehrt. Das ist ein Projekt mit meinen liebsten Schauspielern. Vielleicht paar Namen? Al Pacino, Philip Seymour Hoffman etc. Ich freue mich extrem darauf.

Sie haben auch US-Präsident Barack Obama fotografieren dürfen. Wie haben Sie ihn wahrgenommen?

Er ist ein Politiker. Politiker sind mir grundsätzlich suspekt – alle, von links bis rechts. Wenn eine Person hinsteht und sagt, sie sei gut genug, dieses Land zu führen, hat sie einen an der Waffel. Ich hätte nicht einmal die Zuversicht, die Stadt Olten führen zu können. Obama hat sicher nicht die kriminelle Energie von einem Kissinger, Rumsfeld, Wolfowitz oder Dick Cheney. Kürzlich habe ich Lonnie Thompson fotografiert. Das ist der beste und wichtigste Klimatologe im Moment. Ich fand ihn hundert Mal interessanter als die Politiker.

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