Biberist
Wenn die rechte Hand des Arztes ein Mann ist

Praxisassistent Christian Buggle (18) absolviert seine Lehre in einem typischen Frauenberuf. Das macht ihm aber gar nichts aus. Im Gegenteil: «Ich wurde schon mit dem Arzt verwechselt».

Astrid Bucher
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Der 18-jährige Christian Buggle aus Biberist arbeitet in der Arztpraxis von Willi Forster und Stephan Felder in Solothurn.

Der 18-jährige Christian Buggle aus Biberist arbeitet in der Arztpraxis von Willi Forster und Stephan Felder in Solothurn.

AZ

Wer die Praxis der Ärzte Willi Forster und Stephan Felder am Dornacherplatz in Solothurn besucht, wird dort oft von einem jungen Mann empfangen. Der 18-jährige Christian Buggle ist derzeit der einzige Medizinische Praxisassistent-Lehrling im Kanton Solothurn.

«Ich arbeite insgesamt mit vier Frauen am Empfang und starte im Sommer ins dritte Lehrjahr», reflektiert Christian Buggle seine aktuelle Situation. Für ihn, seine Chefs und die Mitarbeiterinnen ist es inzwischen ganz normal, dass er als männlicher Medizinischer Praxisassistent (kurz MPA) arbeitet.

«Es ist schon passiert, dass Patienten mich mit dem Arzt verwechselten», sagt Buggle und schmunzelt. «Unterdessen haben sich unsere Patienten an mich gewöhnt.» In den letzten 15 Jahren hat kein Mann die Ausbildung zum MPA gemacht, bestätigt Rudolf Zimmerli, Leiter des Amt für Berufsbildung des Kantons Solothurn.

«Frauen kommunizieren anders»

Der Einstieg ins Berufsleben sei mit Schwierigkeiten verbunden gewesen, erinnert sich Buggle: «Frauen können wohl besser unter sich quatschen und tratschen». So stand er oft etwas abseits in der Berufsschule. «Frauen reagieren oft sehr emotional und kommunizieren anders als wir Jungs. Unterdessen kann ich mich aber gut mit ihnen unterhalten», so Buggle.

Dass er trotzdem ein Aussenseiter sei, sieht er sportlich: «Ich komme in die Schule, um zu lernen und nicht um zu quatschen.» In dieser Haltung bestärkt ihn auch seine Mutter Josefina Buggle. Mit ihr und seiner 8-jährigen Schwester Shania lebt der junge Mann in Biberist. Den Umgang mit dem weiblichen Geschlecht ist er sich von zu Hause also gewohnt.

Zu seiner Berufswahl kam der junge Mann eher zufällig. «In der Sekundarschule interessierte ich mich für kaufmännische Berufe oder Elektroinstallateur und machte Schnupperlehren im Spital und im Altersheim», erinnert er sich.

Für einige Stellen als Elektriker hatte sich der Biberister vergebens beworben. Bis seine Mutter mit dem Vorschlag MPA kam. «Meine Mutter kannte Willi Forster und dieser machte mir das Angebot einer Lehrstelle», so Buggle. «Ich musste mich aber regulär für die Stelle bewerben.»

Seine Freizeit verbringt der 18-Jährige oft zu Hause am Computer. Weil er dies ändern möchte, schaltete er kürzlich ein Inserat im Internet: Suche einen Nebenjob, weil es mir in der Freizeit oft langweilig ist.

«Ich suche am Wochenende eine Aufgabe, um nebenbei etwas zu verdienen», sagt Buggle. Bereits sind Angebote bei ihm eingegangen: Verkauf auf Provision oder Gartenarbeiten im Kanton Aargau. Etwas Realisierbares war noch nicht dabei. «Für den Verkauf fehlt mir die Erfahrung und Gartenarbeiten die zu weit weg sind lohnen sich auch nicht, da ich zuerst in ein Zugticket investieren müsste», sagt er nüchtern. Gartenarbeit könnte er sich gut vorstellen – einfach in der Umgebung von Biberist. Buggle stellt sich auch für PC-Nachhilfestunden für ältere Leute zur Verfügung.

Fremdsprachen sind gefragt

Auch sprachlich ist der Biberister gut. Nebst Deutsch spricht er etwas Italienisch und ziemlich gut Englisch. «Mein Vater lebt zurzeit in Australien. Von 1999 bis 2001 war ich für 20 Monate bei ihm und besuchte die australische Schule», erzählt Buggle. «Italienisch lerne ich jetzt in der Berufsschule, obwohl mir Französisch lieber wäre. Da habe ich schon ein Grundwissen aus der Sekundarschule.»

Der Lernende geniere sich aber davor mit den Patienten Italienisch zu sprechen: «Von den Noten her bin ich gut, in der Praxis wende ich die Sprache aber nicht oft an, denn ich möchte nichts Falsches sagen.» Er möchte damit Missverständnissen vorbeugen. «Ich spreche lieber Deutsch, obwohl wir in der Berufsschule lernen, wie man auf Italienisch Termine vergibt oder wie viele Tabletten genommen werden müssen.»

Zu seinen Aufgaben im zweiten Lehrjahr als MPA gehören diverse Aufgaben: Leute ins Praxiszimmer bringen, Blutentnahmen, Laboranalysen für Urin durchführen. «Ich darf Medikamente richten und röntgen. Das muss aber immer von jemandem kontrolliert werden». Buggle ist glücklich als einziger MPA im Kanton Solothurn und kann die Ausbildung jungen Männern nur empfehlen. «Es sind vor allem die Patienten die Abwechslung in meinen Arbeitsalltag bringen», sagt Buggle.

Ängste der Patienten

Manchmal gebe es seitens der Patienten auch Ängste, weil er ein Mann ist. «Es ist vorgekommen, dass jemand nicht von mir geröntgt werden wollte oder die Blutentnahme verweigerte», so der Lernende. «Manche Patienten haben Angst, weil ich der Lehrling bin und das nicht könne. In solchen Momenten muss ich mich zusammenreissen, weil ich mich ärgere, wenn ich das Vertrauen der Patienten nicht bekomme», sagt Buggle.

«Es hat auch schon Tage gegeben, da hatte ich meinen Zweifel, ob ich im richtigen Job bin, aber in welchem Beruf hat man diese nicht?», fragt er nüchtern. Er freue sich jetzt auf das dritte Lehrjahr, wo er Telefone abnehmen und Arztberichte ab Diktat schreiben dürfe. «Jetzt kommen die administrativen Arbeiten auf mich zu», weiss der einzige männliche MPA des Kantons Solothurn.