Überfall
Weiterleben nach einem Überfall

Nach einem Abendanlass wurde Lidia* hinterrücks mitten in Solothurn niedergeschlagen. Die Polizei geht von einem gezielten Angriff aus. Sie erzählt, wie sie die nächtliche Attacke erlebte und wie sie das Geschehene verarbeitet hat.

Fränzi Rütti-Saner
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Tatort des Überfalls mitten in der Stadt Solothurn. Hier wurde Lidia* gezielt zu Boden geschlagen und ausgeraubt.

Tatort des Überfalls mitten in der Stadt Solothurn. Hier wurde Lidia* gezielt zu Boden geschlagen und ausgeraubt.

Solothurner Zeitung

Ende November im vergangenen Jahr, an einem Samstagabend war es, als das Leben der 50-jährigen Lidia für einige Wochen völlig aus den Fugen geriet. An diesem Abend war sie in Feierlaune und marschierte nach dem Ende eines Anlasses, den sie organisierte und leitete, alleine durch Solothurns Gassen. Sie war auf dem Weg zu einem Restaurant, wo sie erwartet wurde. Plötzlich, ohne Vorwarnung, wurde sie hinterrücks von jemandem mit einem heftigen und gezielten Schlag an ihren Oberkörper umgeworfen. «Glücklicherweise trug ich einen dick wattierten Mantel, der meinen Aufprall am Boden etwas abfederte», sagt sie heute.

Eine Schulterprellung und ein paar blaue Flecken, das war es, was ihr körperlich ein paar Tage nach dem Raub Schmerzen verursachte. Es folgten aufreibende Gespräche und Telefonate mit Polizisten, mit Kreditkarten-, Handy-Anbietern und Versicherungen. Das sind die äusseren Probleme, die sie zu verarbeiten hatte. Doch auch eine innere, nämlich eine seelische Erschütterung, muss sie bewältigen. Trotzdem sagt sie heute: «Ich habe den Überfall verarbeitet». Geholfen habe ihr, dass sie immer und immer wieder vom schrecklichen Erlebnis gesprochen hat. «Jedem, der es hören wollte. Das war wohl meine Taktik, das Vorgefallene zu meistern», ist sie überzeugt. Und sie erzählt auch jetzt, wie der Überfall abgelaufen ist.

Handtasche war weg

Nach dem Schlag, noch auf dem Boden liegend, habe sie sofort festgestellt, dass ihre Handtasche, in der sie ihr «Büro» bei sich trug, weg war. «Aus diesem Grund habe ich sofort versucht, dem Täter nachzurennen, was ich aber heute meiner Schockreaktion zuschreibe». Dabei seien ihr zwei Passanten begegnet. «Eine Frau, die ich in ihrem Auto aufgehalten habe und einen Mann auf einem Velo, die ich auffordern wollte, dem Täter nachzufahren.» Beides war ergebnislos. Sie selbst fand sich dann auf der St. Ursen-Schanze wieder, ganz alleine und schutzlos, wie sie erst später realisierte. Offenbar sei sie dem Täter bis dorthin nachgerannt, völlig irreal.

«Schliesslich machte ich mich auf den Weg zur Stadtpolizei, wo man sich bis zum Eintreffen eines Ermittlers der Kantonspolizei zunächst nicht sehr stark beeindruckt von diesem Überfall zeigte.» Sofort habe sie dann auch versucht, Kreditkarten und Handy sperren zu lassen. «Ein Alptraum war, wie ich mit zitternden Fingern die Telefonnummern einzugeben versuchte, um dann minutenlang in der Warteschlaufe festzusitzen. Und dann heisst es, ohne die Kartennummer könne die Karte nicht gesperrt werden.» Ähnliches geschah beim Telefonanbieter. Dort erklärte ein Band, die Leitungen seien wegen neuen Instandsetzungen nicht verfügbar. «Durch die Mithilfe der Polizei konnte ich dann einen Techniker erreichen, der mir versicherte, mein Handy persönlich zu sperren.»

Schlimme Rückkehr nach Hause

Am schlimmsten war es dann aber, nach dem Überfall ins eigene Haus zurückzukehren und zu wissen, dass der Täter persönliche Angaben der Überfallenen kannte. «Ich schloss mich im Schlafzimmer ein und befand mich dort in einer Art Panic Room. Ich fühlte mich beobachtet und ausgeliefert. Eine solche Angst möchte ich nie mehr erleben. So etwas könnte einen dann schon nicht mehr loslassen,» weiss sie. Ihre Angst begründete sich vor allem darauf, dass die Polizei in der Beurteilung der Tat von einem gezielten, persönlichen Angriff auf Lidia ausging. Diese These stützte auch die Tatsache, dass am nächsten Tag ihre Handtasche mit ihren persönlichen Gegenständen und dem Handy – das noch nicht (!) gesperrt war – und ohne Portemonnaie ein paar Meter vom Haus entfernt aufgefunden wurde. Der Täter musste die Sachen also wieder zurückgebracht haben. Inzwischen hatte Lidia bereits einen Schlüsseldienst angefordert, der – nur gegen ausreichend Bargeld, das sie glücklicher- und zufälligerweise noch zu Hause hatte – ein neues Schloss montierte.

«Dann kommen die Tage und Wochen, an denen man sich die ganze Zeit fragt: was habe ich falsch gemacht, dass mir so etwas widerfährt? Immer und immer wieder lässt man das Geschehen durch den Kopf gehen. Wie habe ich reagiert, wie sah der Täter aus, wie trug er seine Kleidung, wie könnte ich ihn identifizieren? Ich kann heute sehr gut nachvollziehen, dass man einen Täter oder eine Tat nach einer bestimmten Zeit nicht mehr beschreiben kann», sagt Lidia. «Das ständige Sich-durch-den-Kopf-gehen-lassen des Vorganges, dazu immer wieder neue Reflexionen von anderen Menschen – am Schluss weiss man selbst kaum noch, wie sich das eigentlich alles zugetragen hat.»

Zurück an den Tatort

Und dann wieder den Schritt in die Stadt, in die Nähe des Tatortes, und dann auch genau dorthin, wo es geschah. Lidia nennt es eine Rückeroberung, die sie ganz bewusst gemacht habe. «Geholfen dabei hat mir mein soziales Netz, viele gute Freunde und Bekannte, die sich wirklich um mich kümmerten. Nach einem solchen Erlebnis war das wunderbar zu erleben», sagt sie. Opferhilfe? Ja, sie wisse, es gebe das, doch sie selbst nahm keinen solchen Dienst in Anspruch. «Bis sich da jemand meldete, respektive ein Merkblatt schickte, hatte ich die Bewältigung des Überfalles schon fast abgeschlossen», bemerkt sie nicht ohne eine Spur von Sarkasmus und setzt hinzu: «Ich frage mich schon, wer Betroffenen hilft, die einen wirklichen körperlichen oder seelischen Schaden nach einem solchen Ereignis davontragen. Ich habe kein Trauma davongetragen, doch es hätte eines daraus werden können». Insgesamt knabberte sie zwei bis drei Monate schon daran.

Ganz bewusst ging sie schon bald nach dem Ereignis wieder unter Leute und ertappte sich dabei, jeden, dessen Erscheinung dem Täter ähnlich war, genauer unter die Lupe zu nehmen. «Doch so kann man sich nicht unter Menschen bewegen», sagt sie rückblickend. Heute glaubt sie, dass sie die Sache ganz abschliessen könnte, wenn die Polizei den Täter fassen würde. «Man hatte einen Verdächtigen, doch man musste ihn wieder laufen lassen», weiss sie.

«Dass man sich heute auf den abendlichen Strassen, auch in der Kleinstadt, nicht mehr sicher fühlen kann, beschäftigt mich schon, nicht erst seit meinem Erlebnis. Wichtig wäre halt auch, dass sich die Leute einmischen, wenn jemand um Hilfe ruft. Dass man sich kümmert, wenn jemand am Boden liegt. Und dass man seinem Gegenüber generell wieder mehr Respekt entgegenbringt. Meine Tochter besucht jetzt einen Selbstverteidigungskurs und ich finde, es wäre besser, wenn die Polizei in der Stadt noch mehr Präsenz zeigen würde.»

*Name der Redaktion bekannt