Biberist
Wurde mit einer der gefundenen Waffen die Nachbarin bedroht?

Der Fund von über 100 Waffen in einem Einfamilienhaus in Biberist ruft bei einer Anwohnerin böse Erinnerungen wach. Sie wurde angeblich bereits vor Jahren vom Sohn der Hausbewohner mit einer Waffe bedroht.

Lucien Fluri
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Wurde mit einer der Waffen die Nachbarin bedroht? (Symbolbild)

Wurde mit einer der Waffen die Nachbarin bedroht? (Symbolbild)

Keystone

Über 100 teils illegale Waffen im Haus und 900 Hanfpflanzen im Keller: Es war ein spezieller Fund, den die Kantonspolizei Solothurn letzten November in Biberist machte. Per Zufall war die Polizei auf die Waffen im Einfamilienhaus gestossen, das ein über 60-jähriges Ehepaar mit seinem Sohn bewohnt. Jetzt könnte der Fall weitere Kreise ziehen. Der Sohn des Ehepaares soll 2005 mit einer der Waffen eine Anwohnerin bedroht haben. Dies erzählte die Frau gestern gegenüber dieser Zeitung. Der Fall endete offenbar vor dem Friedensrichter.

Es war an einem Oktoberabend 2005, als die heutige Rentnerin* mit ihrem Terrierrüden kurz das Haus verliess. Folgsam war der kleine Hund nicht immer, das wusste die Frau. Manchmal streunte er durchs Quartier; angetan hatten es ihm zwei läufige Hündinnen. Sie gehörten eben jener Familie, bei der jetzt das Waffenarsenal gefunden wurde. Es sei wegen des Hundes schon mal zum Wortwechsel gekommen, sagt die Frau. Es ging um aufgerissene Abfallsäcke und Wäschekörbe, um die der Hund gestrichen sein soll.

Als sie den Hund an diesem Abend noch kurz von der Leine liess, sei er auf das Haus der Familie zugesteuert. Als die Frau dem Hund nachging, kam ihr auf der Strasse bereits der Sohn des Ehepaares entgegen. «Er richtete die Waffe auf den Hund», sagt die Rentnerin. Doch dann habe sich der Mann vom Hund ab- und ihr zugewandt. Am Jackenkragen soll dieser die Frau gepackt haben; den Revolver habe er ihr an die Schläfen gehalten.

Unschuldsvermutung gilt

Der Mann, für den die Unschuldsvermutung gilt, war für diese Zeitung gestern nicht erreichbar. Wegen Gewalttaten ist er nicht aktenkundig. Beim Waffen- und Hanffund hat die Polizei nicht gegen ihn, sondern gegen die Eltern Anzeige erhoben.

Die Frau, die angeblich bedroht worden ist, schildert die mutmassliche Tätlichkeit so detailliert, als ob sie sich eben erst zugetragen hätte. Mit ihrem Ehemann sitzt sie am Esstisch. Das Paar hat über Jahre erfolgreich einen eigenen Betrieb geführt. In den Träumen habe sie der Vorfall noch länger verfolgt, sagt die Frau. Der Revolver sei gold-silbern gewesen, erinnert sie sich. Die Situation habe sich an diesem Abend erst beruhigt, als der Vater des Mannes aus dem Haus kam. «Mach keinen Scheiss», habe er seinem Sohn zugeschrien.

Am nächsten Tag rief die Frau den Rechtsdienst der Zeitschrift «Beobachter» an, wo man ihr empfahl, Anzeige zu erstatten. Auf dem Polizeiposten Solothurn fühlte sich die Frau nicht ernst genommen. «Sie leben ja noch», sei die Bemerkung gewesen. Sie wurde an den Friedensrichter verwiesen.

Andere Waffe beim Friedensrichter

Im November 2005 kam es dann zur Begegnung beim Friedensrichter. Dort gestaltete sich die Situation anders, als es sich die Rentnerin vorgestellt hatte: Mutter und Sohn seien mit einer kleinen Pistole erschienen. Die Mutter habe Plastikkügelchen in den Händen gehalten. Die bedrohte Frau ist sicher, dass dies nicht die Waffe war, mit der sie bedroht worden war. An den silber-goldenen Revolver könne sie sich schliesslich noch gut erinnern. «Ich habe ihn lange genug an der Stirne gehabt.» Mit den Fingern zeigt sie, wie gross der Lauf der Waffe war. Die Aussage der Rentnerin bestätigt ihre Tochter, die ebenfalls an der Friedensrichter-Verhandlung war. Der Fall habe schliesslich mit einer Entschuldigung des Mannes geendet, so die Frau. Sie habe ihrerseits zugesichert, besser auf den Hund aufzupassen.

Der Biberister Friedensrichter Martin Affolter bestätigt auf Anfrage, dass im November 2005 eine Verhandlung zwischen den beiden Parteien stattgefunden hat. Zum Inhalt darf er aus Datenschutzgründen jedoch keine Angaben machen. Heute kommen strafrechtliche Vorfälle wie Ehrverletzungen oder Tätlichkeiten so oder so nicht mehr zum Friedensrichter: Anfang 2011 ist mit Einführung der neuen Zivilprozessordnung ihre Vermittlungsfunktion im Strafrecht weggefallen.

Polizei hat neues Programm

Andreas Mock, Medienchef der Kantonspolizei, begann gestern auf Anfrage dieser Zeitung mit Abklärungen. Es sei schwer zu rekonstruieren, was damals effektiv vorgefallen sei, sagt Mock. «Offensichtlich hat sich damals aber der Friedensrichter zuständigkeitshalber des Falls angenommen und es wurden keine polizeilichen Ermittlungen geführt.» In den letzten Jahren habe sich rund um die Themen Waffenerwerb, -besitz und Drohungen jedoch vieles geändert.

Seit der Revision des Waffengesetzes habe die Polizei mehr Möglichkeiten, präventiv gegen Waffenmissbrauch vorzugehen. Bei Personen, welche über registrierte Waffen verfügen und bei denen Anhaltspunkte vorliegen, dass sie die Waffen missbräuchlich verwenden könnten, werden die Waffen heute vorsorglich sichergestellt. «Die Personen werden überprüft, befragt und die notwendigen Massnahmen verfügt», so Mock.

Liege zusätzlich der Verdacht einer Straftat vor, würde ermittelt und Anzeige erstattet. «Selbstverständlich geht die Polizei jedem Hinweis auf illegalen Waffenbesitz strikt nach. In solchen Fällen wird stets eine Strafuntersuchung eingeleitet», so Mock. «Drohungen werden sehr ernst genommen.» Die Kantonspolizei hat letztes Jahr zusammen mit Fachpersonen ein spezielles Programm aufgebaut. Ab Februar 2013 führt sie die Fachstelle Kantonales Bedrohungsmanagement, deren Ziel es ist, schwere Gewalttaten zu verhindern.

*Name der Redaktion bekannt