Schloss Landshut in Utzenstorf, Sitz des Schweizer Museums für Wild und Jagd, bietet in diesem Jahr eine Vortragsreihe zu den verschiedenen Aspekten des hiesigen Wildtierlebens. Zum Thema «Rückeroberung der Schweiz – Wanderverhalten bei Rothirsch und Reh» referierte der an der Hochschule Wädenswil lehrende Biologe Claudio Signer. Gemeinsam mit Roland Graf betreut er ein Forschungsprojekt, das Population und Wanderrouten von Reh und Hirsch im Sihlwald nahe Zürich, gestützt auf Daten von 40 besenderten Tieren aus der Ostschweiz und aus Graubünden, untersucht.

Beide Gattungen zählen zu den hirschartigen Paarhufern, sind Wiederkäuer und Geweihträger. Genetisch ist das als Fluchttier mit guten Sinnesorganen ausgestattete, bis 36 kg schwere Reh aber näher mit dem Elch verwandt. Sein Körperbau ist geschaffen für kurze Sprints, während es sich beim Hirsch um einen athletischen Langstrecken-Läufer mit einer Schulterhöhe von 130 cm und einem Gewicht bis rund 260 kg handelt. Das «sozial» eingestellte Reh verhält sich überwiegend standorttreu, wenn die Futterbedingungen stimmen. Der «König des Waldes» pendelt weit auf saisonalen Wanderungen, sucht neue Gebiete und trifft sich mit Artgenossen zur Fortpflanzung auf Brunftplätzen.

Wildtierbrücken für Genvielfalt

Vernetzte Lebensräume und Korridore mit Wildtierbrücken über Auto- und Eisenbahnen könnten – wie jetzt bereits in der näheren Region realisiert am Leuzigerwald an der A5 oder bei Utzenstorf sowie Hindelbank über die A1 – geschützte Wanderwege schaffen. «Ohne diesen genetischen Austausch über Hindernisse hinweg verarmen isolierte Populationen», unterstrich Claudio Signer vor 32 Zuhörenden, die sich sehr für die wissenschaftlich begleitete Hirschkuh Wika interessierten, die in einem Raum zwischen Ersigen, Niederösch und Utzenstorf beobachtet wurde.

Denn erst seit Ende des 19. Jahrhunderts findet diese Rückeroberung der Schweiz durch Reh und Hirsch statt. Bis dahin waren die meisten bejagbaren Tierarten durch Volksjagd, Bevölkerungszunahme, Abholzung der Wälder, aber auch durch klimatische Verschlechterung ausgerottet. Aus dem Nordosten wanderten Hirsche ein, nachdem Jagd- und Forstgesetz (1875/76) hierzulande für bessere Bedingungen sorgten.

Laut Signer zählt man hierzulande aktuell rund 30'000 Hirsche, deren Ausbreitung nach Westen noch im Gange ist. «Wo Lebensraum besteht, da gibt es auch ein Lebensrecht für Wildtiere», warb Signer für ein verträgliches Miteinander von Mensch und Tier. Vernetzung, Lenkungs- und Schutzmassnahmen sowie jagdliche Regulierung müssten grossräumig umgesetzt werden, weil sich wandernde Tiere nicht an Grenzen halten. Aber auch geschützte Wildruhezonen und vor allem Rücksicht seien vonnöten, weil Wälder vom Menschen ganzjährig wie Freizeitparks genutzt werden. Ebenso belastend für Wildtiere sei der Wintersportbetrieb in den Bergen. Dazu erläuterte der Referent die unterschiedlich zur Schweiz in Österreich und Deutschland praktizierte Winter-Betreuung von Hirschen. Um Waldverbiss, aber auch das Verhungern vieler Individuen zu verhindern, werden dort Hirsche in Gattern gehalten und gefüttert. Im Plenum anwesende Fachleute warnten indes vor der möglichen Ausbreitung von Krankheiten innerhalb der Gruppe auf engem Raum.

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