Zuchwil

Wo heute Sport dominiert, wird morgen gewohnt

Nicht auf den Weissenstein, sondern zum «Monstrum» eines Fabrikgebäudes geht der Blick vom Widi-Areal Richtung Westen. Wo heute Sportplätze sind, sollen dereinst Wohngebäude stehen.

Nicht auf den Weissenstein, sondern zum «Monstrum» eines Fabrikgebäudes geht der Blick vom Widi-Areal Richtung Westen. Wo heute Sportplätze sind, sollen dereinst Wohngebäude stehen.

Die Immobilienfirma Swiss Prime Site (SPS) präsentierte im Zuchwiler Gemeinderat das Projekt Riverside, das exquisiten Wohnraum an der Aare bringen soll.

Es geht um einen einfachen Handel. Die grösste kotierte Schweizer Immobilienfirma Swiss Prime Site (SPS) möchte von der Gemeinde Zuchwil das Areal Widi kaufen, wo aktuell Fussball- und Tennisklub sowie andere Vereine ihre Heimat haben. Sie will das Land zum Marktpreis für Bauland bezahlen und die nötige Erschliessung der Gemeinde schenken. Die Gemeinde müsste im Gegenzug den Vereinen eine neue Heimat geben. Die Idee ist, dass der Fussballklub zwei Plätze, einer davon ein Kunstrasen, auf der Wiese östlich der Eishockeyhalle sowie ein Klubhaus gestellt bekommt. Trotzdem würde die Gemeindekasse einen rechten Zustupf erhalten.

Über den Preis fürs Widi-Areal wird noch geschwiegen, aber die Rechnung kann gemacht werden: Das von der SPS beanspruchte Areal hat eine Fläche von zirka 30 000 Quadratmetern. Bauland kostet momentan zwischen 300 und 400 Franken. Das ergibt einen Betrag von 9 Mio. Franken an aufwärts, welcher die Gemeinde einnehmen könnte. Der Kunstrasen kostet 1,5 Mio. Franken (Beispiel Solothurn), das Klubhaus vielleicht 0,75 Mio. Franken (Beispiel Bettlach). Da verbleiben doch noch einige Millionen Franken in der Gemeindekasse.

Die SPS hat das ehemalige Sultex-Gebiet 2012 gekauft. Im Gemeinderat nannten die beiden SPS-Vertreter Thomas Grossenbacher und Markus Hauri einen Preis von 100 Mio. Franken für das Gebiet von der Fussgängerbrücke in Zuchwil bis zur Widistrasse, eben ohne das Areal Widi. Auf den zirka 170 000 Quadratmeter Land steht ein «Monstrum einer Halle» mit einer Fläche von 100 000 Quadratmeter. Zum Vergleich: Ein Fussballplatz weist etwa 6500 Quadratmeter auf. Die Halle soll bestehen bleiben und weiterhin industriell und gewerblich genutzt werden. Das Projekt Riverside zielt auf die Entwicklung des östlich und nördlich anschliessenden Geländes. Dort soll qualitativ attraktiver Wohnraum entstehen. «Wir sprechen von einem Areal einer Grösse der Altstadt Solothurns», schwärmte Thomas Grossenbacher. «Die Menge erfordert Qualität.» Entstehen soll ein «spannendes Quartier mit überregionaler Bedeutung». Klar habe man das Areal 2012 gekauft, in der Hoffnung auf eine Aufzonung der östlichen und nördlichen Teilareale und in der Hoffnung auf Arrondierung, sprich Einverleibung des Widi-Areals, das natürlich das SPS-Gebiet ergänzt.

«Wir glauben an das Areal und in diesem Business hat viel mit Glauben zu tun», nennt Grossenbacher einen Mechanismus der Branche. Aber SPS hätte niemals das ehemalige Sultex-Gebiet gekauft, wenn die Gesellschaft nicht von massgeblicher Seite, sprich Kanton, grünes Licht bei einer allfälligen Anfrage für eine Aufzonung erhalten hätte. Immerhin mus ein Teil der heutigen Industriezone sowie die Sportzone auf dem Widi-Areal in Wohnzone umgewandelt werden.

Ebenso entscheidend sind weitere Faktoren. Einer lässt sich mit «das goldene Dreieck» umschreiben: wunderbare Lage an der Aare und Blick zum Weissenstein, Nähe zu Solothurn und Nähe zum Sportzentrum. Die Standortaktoren sind laut Grossenbacher «sensationell» und entscheidend im Wettbewerb mit Mitstreitern. «Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.» Denn niemals könnten alle Areale, die aktuell in der Region entwickelt werden, gefüllt werden. Konkurrenten sind die Wasserstadt («Utopie»), das Projekt Weitblick («ernst zu nehmender Konkurrent»), Sappi-Areal in Biberist («ich weiss nicht, was da kommt») oder Attisholz Nord («schwierige öV-Anbindung, Fabrikgebäude, die erhalten werden müssen»). Deshalb sagte Grossenbacher im Gemeinderat «Qualität im Auge behalten, aber auch die Geschwindigkeit.»

Ein Anliegen, das im ersten Augenblick im Gemeinderat, neben viel Wohlwollen auch Widerstand hervorrief. «Wir sind nicht im Zwang verkaufen zu müssen. Wir können warten, und schauen, wie SPS ihr Gebiet entwickelt und danach unsere Widi zu einem besseren Preis verkaufen.» Grossenbacher wies auf den Vorteil auch fürs Widi-Areal hin, wenn dieses gemeinsam mit dem SPS-Areal entwickelt wird. Ansonsten droht eine Isolierung der Widi.

Der Gemeinderat will, dass die neue Heimat für die Vereine gesichert ist. Die bis anhin beschauliche Ecke bot den Vereinen viel Unabhängigkeit. Gespräche sind angelaufen. Vertreter des FC Zuchwil äusserten sich an der Sitzung wohlwollend zum Projekt. Mit dem Kunstrasen und dem Klubhaus liegen zwei verlockende Angebote auf dem Tisch. Auch die Unabhängigkeit im Klubhaus und der Belegung der Spielfelder soll gewährleistet werden.

Mahnende Worte blieben aber nicht aus. Gemeinderat Patrick Marti erinnerte an den hohen Leerwohnungsbestand im Kanton, dass in Zuchwil nächsten 220 Wohnungen geplant sind und die SPS nochmals 300 bis 400 Wohnungen mit dem Projekt Riverside erbauen will. «Das ergibt etwa 250 Kinder, für die die Gemeinde eine Infrastruktur bereitstellen muss.» Im an und für sich guten Projekt würden die Folgekosten der Gemeinde nicht aufgelistet und es fehle ihm eine Variante mit der Vergabe des Landes im Baurecht. Die Gemeinde müsse sich den offenen Fragen stellen. Deshalb seien auch die sechs Wochen bis Ende Oktober, dann soll der Gemeinderat sein Ja geben, zu kurz. Die Baurechtsfrage wurde aufgenommen, zudem erinnerte Gemeindepräsident Stefan Hug daran, dass «bis anhin jede neue Wohnung in Zuchwil besetzt wurde».

Die Dimensionen sind riesig. Das Widi-Areal beispielsweise, das die Gemeinde verkaufen soll, entspricht mindestens vier Fussballplätzen.

Die Dimensionen sind riesig. Das Widi-Areal beispielsweise, das die Gemeinde verkaufen soll, entspricht mindestens vier Fussballplätzen.

Meistgesehen

Artboard 1