Peter Keller kennt die Grederhöfe. Und die Bewohner der Grederhöfe kennen ihn. Seit 9 Jahren wohnt der 70-Jährige im Quartier mit den grauen Wohnblöcken, flankiert von Lidl, Bahngleisen und Industrie. Seit den 1960er-Jahren liessen sich in der Überbauung Ausländer nieder. Es kamen Italiener, Portugiesen, Türken, Tamilen, Serben und Albaner. Ein Viertel der Bellacher Gesamtbevölkerung wohnt im eng begrenzten Raum am östlichen Dorfrand; insgesamt sind es 35 Nationen, der Ausländeranteil beträgt, zusammen mit dem Franziskanerquartier, 71 Prozent. Im gesamten Bellacher Siedlungsgebiet sind es rund 26 Prozent.

Seit Jahren kümmert sich Peter Keller im Quartier um die tamilische Bevölkerung. Hilft, wenn sie mit dem Schulstoff oder der Steuererklärung Mühe haben, vermittelt, wenn ein Jugendlicher eine Lehrstelle sucht und der Vater jahrelang auf eine Aufenthaltsbewilligung warten muss. Manchmal zahlt sich Kellers Engagement aus. Doch es werde zunehmend schwieriger, den Kontakt zu den verschiedenen Bevölkerungsgruppen herzustellen.

Politik greift Thema auf

Seit Jahren gebe es Konflikte im Quartier. «Das Zusammenleben wird anonymer.» Seit der Denner geschlossen wurde, ging ein Treffpunkt verloren. Demgegenüber stehen nächtliche Lärmklagen, die seit der Eröffnung des Lidl vermehrt eingehen. Weitere Probleme gebe es mit Drogenhandel und patriarchalen Familienstrukturen. «So wurde ein Nationenmarkt mit Produkten aus Serbien, dem Kosovo, Mexiko oder Afrika verunmöglicht», sagt Peter Keller. Die Frauen waren einverstanden, doch einige Männer hätten dem einen Riegel geschoben. Auch ein Fussball-Länderturnier, das der Rentner im Rahmen des Bewegungsduells «schweiz.bewegt» veranstalten wollte, fiel ins Wasser. Regelmässig rücke zudem die Polizei in das Gebiet aus.

Diese Beobachtung hat auch Romano Ferrari gemacht. Er ist seit gut einem Jahr Präsident der gemeinderätlichen Arbeitsgruppe Integration. Nun hat die Politik das Thema aufgegriffen. So wurde als Legislaturziel die «Förderung kultureller und Integrationsprojekte» formuliert. Was auf dem Papier abstrakt tönt, sind konkrete Massnahmen, um die ausländische Bevölkerung besser in die Gemeinde zu integrieren. «Ziel ist es, mit den Migranten vermehrt ins Gespräch zu kommen», sagt Ferrari. Begegnungen seien eine Voraussetzung für ein unproblematisches Zusammenleben. «Wir wollen die Bewohner der Grederhöfe aus der Anonymität holen.» Dabei gehe es nicht darum, dass diese ihre Wurzeln aufgeben müssten. «Sie sollen sich aber anpassen und vor allem die Sprache lernen.»

Erwartungen und Spielregeln

Ein Mittel dazu sind Anlässe für fremdsprachige Neuzuzüger. Bei der Anmeldung auf der Gemeinde werden Zuzüger auf diese Veranstaltungen hingewiesen. Dabei wird die Umgangssprache erhoben, als Entscheidungshilfe für den Beizug von Dolmetschern. «Wir erwarten, dass die Anlässe besucht werden», sagt Ferrari. Dort wird über die Gemeinde- und Bildungsstruktur, Versorgung und Dienstleistungen im Dorf (Polizei, Feuerwehr, Handel und Gewerbe, Arztpraxen), das Freizeit-, Sport- und Kulturangebot sowie über Regeln des Zusammenlebens und Erwartungen an die Einwohner informiert.

Gleichzeitig sollen die Bedürfnisse der Neuzuzüger berücksichtigt werden. Die Veranstaltungen werden in verschiedenen Sprachen aufgearbeitet und simultan übersetzt. Entsprechende Budgeteingaben für 2012 sind erfolgt. Ein erster Anlass dieser Art ist kommenden Herbst geplant und soll dann zweimal jährlich durchgeführt werden – jeweils anschliessend an die ordentlichen Umzugstermine im April und Oktober.

Schlüsselpersonen als Türöffner

Als weiterer Schritt auf dem Weg zu einer besseren Integration ist vorgesehen, Ansprechpartner ausfindig zu machen, die den Kontakt zu den jeweiligen Ausländergruppen herstellen. «Solche Schlüsselpersonen sind enorm wichtig», sagt Albert Weibel, Integrationsbeauftragter im Kanton Solothurn. «Als interkulturelle Übersetzer und Vermittler können sie das gegenseitige Verständnis für Kulturen wecken.»

Auch wenn die Bevölkerungsgruppen über die Gemeindegrenze hinaus organisiert sind, sei es doch sinnvoll, in Bellach solche Ansprechpartner aufzubauen. «Sie können innerhalb ihrer Ethnie Spielregeln weitertragen und beispielsweise die negativen Konsequenzen verständlich machen, falls ein Vater seiner Tochter einen Lehrstellenplatz verwehrt.» Eltern müssten begreifen, dass der Erfolg ihrer Kinder massgebend von der Bereitschaft zur Zusammenarbeit abhängt. Im Übrigen gebe es die Möglichkeit, diese Schlüsselpersonen im Bereich «interkulturelles Übersetzen» weiterzubilden.

Schliesslich strebt die Arbeitsgruppe eine bessere Durchmischung zwischen Schweizern und Ausländern in den Wohnblocks an. Zu diesem Zweck will man die Liegenschaftenverwaltungen ins Boot holen.

Keine eigenen Vereinbarungen

Hingegen musste die Arbeitsgruppe ihre ursprüngliche Idee, mit Neuzuzügern eigene Integrationsvereinbarungen abzuschliessen, aus rechtlichen Gründen verwerfen. Auch können die Vereinbarungen, die auf kantonaler Ebene mit allen fremdsprachigen Zuzügern von ausserhalb des EU/EFTA-Raumes abgeschlossen werden, wegen des Datenschutzes nicht an die Gemeinde übermittelt werden. Albert Weibel erinnert jedoch an die Bereitschaft des Kantons, für kommunale Integrationsprojekte Geld zu investieren. Ausserdem können die Sozialregionen den Sozialhilfebezügern, egal ob Schweizer oder Ausländer, Auflagen machen. «Spricht jemand kein Deutsch, ist das ein Hindernis auf dem Weg zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit.»

Auch für Peter Keller, der für einige junge Menschen aus dem Quartier zur Bezugsperson geworden ist, liegt der Schlüssel zu einer besseren Integration vor allem in der Sprache. «Wenn Migranten Probleme haben, liegt das meist daran, dass sie unsere Sprache nicht lesen und verstehen können.»