Bielersee Schifffahrt
«Wir machen keinen Winterschlaf»: Schifffahren geht in jeder Jahreszeit

Die letzte Aare-Kursfahrt der Saison steht bevor. Ein Matrose erzählt, warum nach dem erfolgreichen Sommer nun auch der Winter die Passagiere aufs Schiff locken soll.

Lara Enggist
Merken
Drucken
Teilen
Schifffahrt Solothurn - Biel
4 Bilder
Samuel Spycher ist Matrose bei der BSG Schifffahrtgesellschaft.
In Büren an der Aare bestaunen die Passagiere die alte Holzbrücke.
Aussteigende Passagiere an der Schiffshaltestelle in Grenchen, BGS Schifffahrtsgesellschaft

Schifffahrt Solothurn - Biel

michelluethi.ch

Die «MS Stadt Solothurn» liegt ruhig auf der Aare. Im Wasser spiegeln sich die farbigen Blätter, ein kühler Luftzug lässt die Passagiere den Kragen ihrer Windjacken etwas höher ziehen. Der Tag ist klar, die Luft frisch. Der Matrose lässt die Leinen los – ohne Eile. Diese scheint auf dem Schiff nicht zu existieren. Wer sich auf eine Schifffahrt von Solothurn nach Biel begibt, nimmt eine Auszeit vom Alltagsstress.

Das Schiffshorn kündigt die Abfahrt an, das Vibrieren des Motors im Bauch des Schiffes wirkt beruhigend. Auf der Fahrt wandert der Blick zu den farbigen Bäumen, zum Schilf am Ufer. Die Gedanken schweifen in die Ferne. Für ein paar Sekunden, eine Minute oder eine halbe Stunde? Man weiss es nicht so genau und es spielt auch keine Rolle.

«Diese ruhige Stimmung auf dem Schiff – die gefällt mir. Im Herbst kann man sich vom strengen Sommer erholen und Energie tanken», sagt Matrose Samuel Spycher und blickt auf ein vorbeiziehendes Fischerboot. Eines der wenigen, die noch auf dem Fluss zu sehen sind. Die Gummiboot und Stand-up-Paddelbretter sind vom Wasser verschwunden.

Diese Saison sei grandios gewesen, «besser geht es fast nicht», sagt Spycher. So viel Sonne, kaum Regen: perfektes Wetter für eine Schifffahrt. Der Matrose findet aber, dass alle Jahreszeiten etwas zu bieten haben und sich eine Fahrt bei Wind und Regen oder bei Nebel genauso lohne.

Neu gibt es auch Winterfahrten

Kommenden Sonntag findet auf der Aare die letzte Kursfahrt dieser Saison statt. Dieses Jahr bietet die Bielersee Schifffahrt (BSG) aber das erste Mal im Winter kulinarische Themenfahrten ab Solothurn an. «Durch eine verschneite Winterlandschaft zu fahren, hat doch auch seinen Reiz», sagt Samuel Spycher.

Dennoch bietet die BSG im Winter insgesamt viel weniger Fahrten an. Was also machen die Kapitäne und Matrosen in dieser Zeit? «Wir machen keinen Winterschlaf», sagt Spycher lachend. «Die meisten von uns bei der BSG sind gelernte Handwerker.» Reparaturen, Neu- und Umbauten am Schiff – das alles machen die Kapitäne und Matrosen selber. Er sei gelernter Schreiner.

Im Winter baut er am Schiff – und im Sommer fährt er mit dem Schiff. «So ist das. Diese Abwechslung finde ich wunderbar», so der Matrose. Eine spezielle auf Schiffe ausgerichtete Schreinerausbildung brauche man nicht. «Man braucht keine Bleiwaage, weil es auf einem Schiff sowieso nie gerade ist», sagt Spycher scherzend. Bei der BSG seien aber nicht nur Schreiner tätig, sondern auch Elektriker, Schlosser und Mechaniker.

Kapitän oder Matrose?

In der Zwischenzeit hat die «MS Stadt Solothurn» die Strecke bis nach Büren an der Aare zurückgelegt. Das Schiff wird langsamer und steuert die Anlegestelle an. Einige Passagiere verlassen das Schiff mit einem entspannten Gesichtsausdruck, andere Passagiere steigen zu.
«Heute reisen etwa 120 Personen mit», sagt Samuel Spycher. Platz hätte es für 300 Passagiere. Bei dieser Anzahl Personen sei man immer mindestens zu zweit auf dem Schiff: Der Kapitän und ein Matrose.

Der Matrose führt die Billettkontrollen durch, hilft beim Anlegen, begrüsst die Gäste und der Kapitän steuert das Schiff. Es müsse aber immer jemand da sein, der das Schiff im Notfall zur nächsten Anlegestelle steuern könnte. Kapitän – so dürfe man sich übrigens erst nennen, wenn man mit allen neun Schiffen der BSG fahren könne. «Das ist etwa nach der 15. Saison der Fall», sagt Spycher und kratzt sich im Bart. Er selbst sei noch nicht ganz soweit: «Ich bin jetzt die vierte Saison mit dabei».

Plötzlich wird die Aare breiter, das Schiff nimmt an Fahrt auf. Es braucht nur wenig Fantasie, um sich vorzustellen, dass man soeben im Meer angekommen ist. Dann ertönt die Durchsage: «Nächster Halt: Biel».