Eigentlich habe ich in all den Jahren nicht viel über den Flugzeugabsturz nachgedacht.» Das sagt der heute 67-jährige Willi Vögtli, pensionierter Arzt aus Solothurn. Er lebt zusammen mit seiner Frau seit vielen Jahren in Rüttenen ob Solothurn. «Unsere Aufgabe ist heute vorwiegend, an drei Tagen der Woche unsere Enkelkinder zu hüten. Eine schöne Sache», freut sich Vögtli. Angesprochen auf das schlimme Unglück, das vor 40 Jahren in seinem Heimatdorf Hochwald, rund 16 Kilometer südlich des eigentlichen Zieles, des Flughafens Basel, abstürzte, beginnt er zu erzählen: «Ich erinnere mich gut an diesen Dienstagvormittag.» Vögtli war damals knapp 27 Jahre alt. «Ich war zu Hause mit den Vorbereitungen für mein medizinisches Staatsexamen beschäftigt.

Flugzeug mit 100 Personen abgestürzt

Kurz nach halb zwölf, exakt um 11.37 Uhr, wurde ich durch das Feuerhorn aufgeschreckt.» Vögtli war, wie damals die meisten Männer im Dorf, in der Feuerwehr eingeteilt. Das Feuerhorn erklang, weil wegen des heftigen Schneefalls an diesem Tag in Teilen des Dorfes der Strom ausfiel und die Kirchenglocken deshalb nicht zur Alarmunterstützung eingesetzt werden konnten. «Von einer Nachbarin hörte ich, dass ein Flugzeug mit etwa 100 Personen abgestürzt sein müsse, und zwar im Bereich des Bauernhofes Herrenmatt. Als Feuerwehrsanitäter zog ich rasch meine Uniform an und rannte mit der Sanitätstasche, die etwas Verbandsmaterial enthielt, zur Sammelstelle beim Schulhaus los. Dort war aber niemand anzutreffen, und so machte ich mich auf den Weg Richtung Herrenmatt.»

Inzwischen hatte ein Kollege Willi Vögtli eingeholt, und die zwei kämpften sich im dichten Schneetreiben durchs unwegsame Gelände, auf dem rund 40 cm hoher schwerer, nasser Schnee lag. «Ich weiss noch, dass ich im Wald das Gefühl hatte, hinter uns stürzte ein grosser Baum um. Doch später dachte ich, das müsse Einbildung gewesen sein. Heute aber bin ich überzeugt, dass dieser Baum uns nur wenig verfehlt hatte, denn durch den Flugzeugabsturz und den vielen Schnee sind einige Bäume umgefallen.»

Das einzig frische Blut an diesem Tag

Vögtli sah nirgendwo ein Flugzeugwrack, da der Nebel sehr dicht war und durch den Schnee alle Geräusche gedämpft wurden. Doch dann begegnete ihnen eine Gruppe von etwa 15 verletzten Passagieren in Begleitung einer Bewohnerin der Herrenmatt. «Ich bat das einheimische Mädchen, diese Gruppe mit auf den Hof zu nehmen, denn, man sah, dass die Leute unterkühlt waren. Wir gingen weiter und trafen auf zwei Stewardessen, die sich um zwei verletzte Frauen kümmerten. Eine der Stewardessen rauchte gar eine Zigarette. Eine Frau lag mit einer stark blutenden Wunde am Knöchel am Boden. Ich machte dieser Frau einen Druckverband.» Dies sei das einzige frische Blut gewesen, das Vögtli an diesem Tag sah. Auch diesen Frauen sagte er, sie sollen sich zum Bauernhaus begeben.

Dann trafen Vögtli und sein Kollege auf andere Helfer, Pfadfinder, die in der Nähe in einem Lagerhaus untergebracht waren. «Sie trugen eine verletzte Frau auf einer Blache, auch ihnen sagte ich, sie sollten ins Bauernhaus gehen.» Inzwischen trafen weitere Feuerwehrleute und Helfer ein und man begann, weitere Verletzte auf Zeltblachen wegzutransportieren. «Die Hostess, welche am Rauchen war, sagte mir, dass noch weitere lebende Personen im Flugzeugwrack eingeklemmt sein müssten. Ich hatte Angst, dieses Trümmerfeld zu betreten, doch wir mussten dorthin.» Am Rande des Trümmerfeldes standen zwei Polizisten der Baselbieter Polizei, erinnert sich Vögtli. «Sie meinten, es sei wegen der Explosionsgefahr zu gefährlich, in die Nähe des Wracks zu gehen. Ich sah aber kein Feuer. Wir mussten doch die verletzten Personen befreien, denn das Schreien und Wimmern dieser Leute war sehr schwer zu ertragen.»

«Der Kollege musste sich erst übergeben»

«Beim Wrack versuchte ich, eine eingeklemmte Frau, die kopfüber in den Gurten hing, zu befreien. Das gelang mir nicht gleich und ich rief einem Kollegen, er müsse mir ein Messer bringen. Der musste sich erst übergeben, gab mir dann aber ein Messer, und ich konnte die Gurte durchschneiden. Die Frau war schwer verletzt und noch heute denke ich, sie hat den Absturz nicht überlebt.»

Vögtli stockt mit seiner Erzählung. Die grausamen Erinnerungsbilder kommen hoch. Es nimmt ihm fast den Atem. Schweigen. Nach zwei Minuten kann er weiterreden. «So haben wir einige Leute aus dem Flugzeug geholt. Ich kann und will nicht sagen, worauf wir alles getreten sind. Es war schlimm. Verzweifelt, voller Angst und meist erfolglos habe ich etlichen schneebedeckten Personen den Puls gefühlt und nach anderen Lebenszeichen gesucht. Es war deprimierend. Endlich, nach einiger Zeit sah ich zwei, drei Männer in weisser Kleidung. Ich erkannte: Das sind richtige Ärzte, die wirklich helfen könnten, weil sie die passenden Instrumente mit dabei hatten. Ich sah, dass man Verunfallte schon an Ort und Stelle intubierte, das hat mir sehr grossen Eindruck gemacht und mich beruhigt. Jetzt war ich nicht mehr alleine der ‹Arzt› auf der Absturzstelle. Dann half ich noch mit, einige Verletzte auf Fahrzeuge zu hieven. Etwa um 13.15 Uhr waren alle Verletzten geborgen. Ich ging dann zur Herrenmatt, um zu sehen, ob die Leute dort gut versorgt sind. Danach ging ich nach Hause, da war es zwischen 14.30 und 15 Uhr.

Normal weiterleben

Zu Hause hatte seine Frau für ihren Mann und zwei Kollegen eine Gemüsesuppe gekocht. Auch sie erinnert sich noch gut an dieses Ereignis. «Ihr kamt nach Hause und habt fast nichts gesagt. Auch die Suppe habt ihr nicht angerührt.» Und Vögtli ergänzt: «Einige Tage später brachte mir jemand meinen Feuerwehrhelm, den ich irgendwo verloren hatte.»

Wie verarbeitet man ein solches Erlebnis? Bilder von schwer verletzten, schreienden Frauen und Kindern. «Indem man einfach normal weiterlebt», sagt Willi Vögtli. «Damals gab es noch nichts von Debriefing oder Care-Team. Jeder musste selbst irgendwie damit fertig werden. Und das ist, soweit ich weiss, eigentlich auch allen gelungen.» Klar habe man schon miteinander darüber gesprochen, doch «nicht über die schlimmsten Sachen. Eher über Banales. Wie wir durch das Schneegestöber irrten beispielsweise». Drei Monate nach dem Unglück zügelte Familie Vögtli von Hochwald weg und das Leben als Arzt im Spital von Solothurn begann. Zwar musste er noch ein paar Mal Auskunft über seine Erlebnisse geben; bei einem Flugunfallexperten, beim Büro für Flugunfalluntersuchungen. Dann habe er nicht mehr über das Unglück reden wollen. Noch einige Zeit habe er den Kerosin-Geruch in der Nase gehabt, erinnert er sich noch. Den Absturzplatz hat Vögtli eher gemieden. «Das war früher unser Picknick-Platz im Wald. Das letzte Mal war ich dort als 1974, ein Jahr nach dem Absturz, als eine Gedenktafel eingeweiht wurde. Seither nicht mehr.»

«Das Schlimmste habe ich erlebt»

Erst als 2008 eine Dorfchronik erschien, und man ihn anfragte, ein Kapitel über den Absturz zu schreiben, habe er all die Dokumente und Zeitungsausschnitte hervorgeholt und sich wieder damit befasst. Ob das Erlebnis sein Leben als Arzt irgendwie beeinflusst hat? «Ich glaube nicht. Vielleicht hatte ich dadurch weniger Angst, einer schlimmeren Sache zu begegnen. Denn ich habe mir immer gesagt: Das Schlimmste habe ich erlebt. Etwas Grauenhafteres gibt es nicht.»