Oensingen
Wieso aus einem Jäggi auf dem Grabstein ein Jaeggi wird

Was bisher beim Gemeinschaftsgrab nicht ging: Namen mit Umlaut auch so zu schreiben. Nun geht es. Möglich macht es die Einsprache einer Frau, die nicht akzeptieren wollte, dass aus der Name ihres Lebenspartners abgeändert wird.

Alois Winiger
Drucken
Teilen
Eine Platte des Gemeinschaftsgrabs: Die Schrift ist genormt in Versalien, Namen werden konsequent nicht mit Umlaut geschrieben. Fotos: wak

Eine Platte des Gemeinschaftsgrabs: Die Schrift ist genormt in Versalien, Namen werden konsequent nicht mit Umlaut geschrieben. Fotos: wak

«Soll es einmal Müller oder Mueller heissen auf dem Grabstein?» An so etwas habe er bis jetzt wirklich noch nie gedacht, sagte Gemeinderat Christian Müller in jener Sitzung, in der eine Einsprache zur Beschriftungsweise beim Gemeinschaftsgrab zu behandeln war. Das kam so: Ein Mann war im Gemeinschaftsgrab auf dem Oensinger Friedhof zur letzten Ruhe gebettet worden.

Es gilt die Schreibweise im Zivilstandregister

Bis jetzt sei er noch nie mit einem solchen Fall konfrontiert gewesen, sagt Peter Naef, Leiter Zivilstand im kantonalen Amt für Gemeinden. Spontan fügt er an, dass er persönlich Verständnis habe für das Anliegen der Frau, die den Namen ihres verstorbenen Partners mit Umlaut geschrieben sehen will. «Wenn ich meinen Namen mit ä statt ae geschrieben sehe, so kommt er mir nämlich fremd vor.» Ohne den Fall noch näher untersucht zu haben, schätze er es als richtig ein, dass der Oensinger Gemeinderat die Beschwerde der Frau gutgeheissen hat und die Vorschrift ändert, sodass künftig Namen mit Umlaut geschrieben werden können. Denn, so begründet Naef, die Frau habe grundsätzlich recht mit dem Hinweis, dass der Name ein höchstpersönliches Recht sei. «Es gilt die Schreibweise, wie sie im Zivilstandsregister steht. Wollte ich also meinen Namen von Naef auf Näf ändern, so handelte es sich tatsächlich um eine Namensänderung.» Und diese müsste schliesslich amtlich bewilligt und bestätigt werden. (wak)

Beim Erledigen der Formalitäten erfuhr die langjährige Partnerin des Verstorbenen, dass dessen Name, der einen Umlaut enthält, auf der Grabtafel mit einem Doppelbuchstaben wie «ae» bzw. «oe» oder «ue» geschrieben werde. Die Frau Jäggi beklagte sich und beharrte darauf, der Name sei mit Umlaut zu schreiben, denn die Schreibweise habe eine starke Verbindung zum Verstorbenen. Das hingegen, so wurde ihr von der Gemeindeverwaltung mitgeteilt, sei aufgrund «der seit vielen Jahren geltenden Schrift-Gegebenheiten beim Gemeinschaftsgrab nicht möglich.»

Es liegt an den Buchstaben

Wobei: Im Friedhof- und Bestattungsreglement ist das Gemeinschaftsgrab nicht ausdrücklich erwähnt. Somit gilt gemäss Verwaltung die Regel für die «Beisetzung in der Urnenwand», wonach die «Beschriftung der Nischendeckplatte in einheitlicher Schrift» zu erfolgen hat. Und diese Schrift – in Oensingen seit vielen Jahren angewandt – verfügt über keine Umlaute. Warum eigentlich nicht? Es handelt sich um eine Schrift, deren Buchstaben einzeln auf der Grabplatte aufmontiert werden. Und offensichtlich hat sich bisher niemand an der Schreibweise gestört, man hat es hingenommen. Tatsächlich sind auf dem Oensinger Gemeinschaftsgrab sehr viele Namen zu finden, die mit Doppelbuchstaben statt eines Umlauts geschrieben sind. Es ist zum Beispiel nicht nachvollziehbar, ob eine Person aus dem Familienstamm der Jäggi oder Jaeggi stammte.

Ist es eine Namensänderung?

Die erwähnte Frau jedenfalls akzeptierte den Entscheid der Verwaltung nicht und erhob Beschwerde. Sie machte geltend, dass der Name jeder Person ein Bestandteil der Persönlichkeit und somit Bestandteil des Persönlichkeitsrechts sei. Weiter führte sie an, wenn ein Nachname nicht mit Umlaut, sondern mit Doppelbuchstaben geschrieben werde, so handle es sich um eine Änderung des Nachnamens. Dazu sei eine Gemeindeverwaltung nicht befugt, sondern müsse gemäss Artikel 30 ZGB von der Regierung des Wohnsitzkantons bewilligt werden (siehe Kontext).

Die Frau setzte schliesslich noch einen drauf: Es könne nicht angehen, dass gestalterische Aspekte über den Anspruch der Namensschreibung gestellt werden. Die Frau erwägte, auf die Inschrift auf der Grabplatte zu verzichten, wählte dann aber doch den Weg, die gewünschte Schreibweise mit einer Beschwerde beim Gemeinderat zu erwirken.

Verwaltung handelte konsequent

Hatte diese Angelegenheit in der Gemeinderatssitzung anfänglich noch zu einem Schmunzeln Anlass gegeben, so wurden die Gesichter bei eingehender Betrachtung der Gründe zunehmend ernster. Man attestierte der Verwaltung, aufgrund des Reglements konsequent und richtig gehandelt zu haben.

Doch die Argumente für eine Änderung erschienen dem Rat schliesslich einleuchtend genug. Er hiess die Beschwerde gut und erteilte der Verwaltung den Auftrag, die «Beschriftungsgegebenheiten flexibler zu gestalten.» Will heissen, Umlaute sollen künftig möglich sein, die Regelung soll für Todesfälle ab dem 1. Juni dieses Jahres gelten. Der Gemeinderat hat die Schriftenlösung für kommenden Montag traktandiert. Ob auch Lösungen für die Namen von René, François oder Ørsted vorgesehen sind?