Christian Macek versteht es nicht. Im Juni 2018 habe Ahmet T. aus dem Kanton Solothurn (Name der Redaktion bekannt) eine Kamera aus seinem Luzerner Geschäft ausgeliehen. Und nie zurückgebracht. Er habe Strafanzeige eingereicht, und seither nichts mehr gehört. Macek versteht es nicht. Der mutmassliche Dieb soll schon in der ganzen Schweiz Dutzende Male betrogen haben. Er wurde aber nie angeklagt.

Laut Maceks Schilderungen betrat der Mann, Alter um die 40, im Juni seinen Kamera-Verleih. Er wollte Kamera-Ausrüstung im Wert von rund 840 Franken für zwei Wochen ausleihen. Für die Ferien. «Ich hatte von Anfang an ein schlechtes Gefühl», sagt Macek, der hauptberuflich im Online-Marketing tätig ist. Dass «etwas faul ist», bemerkte er, als der Mietvertrag ablief: «An dem Tag, an welchem er die Ausrüstung hätte zurückbringen sollen, ist er nicht aufgetaucht. Und er hat sich auch nicht gemeldet.» Macek wandte sich an die Kantonspolizei Solothurn. Diese antwortete prompt: T. sei ihnen bekannt, Macek solle Strafanzeige einreichen. «Da wusste ich, was Sache ist», erzählt der Marketing-Experte. «Aber noch nicht, welche Ausmasse der Fall annehmen würde.»

Über 70 Opfer

Das erfuhr Macek, nachdem er auf seiner Website die Geschichte veröffentlichte. «Bei meinen Recherchen habe ich keine Warnungen über ihn gefunden», erzählt Macek, der sich mit Suchmaschinen-Optimierung auskennt. «Da dachte ich: Ich muss die anderen warnen. Jetzt kommt sein Name auf Platz zwei, wenn man ihn auf Google sucht.» Das führte zu ersten Rückmeldungen von Betrieben, die berichteten, ebenfalls Opfer von T. geworden zu sein.
Dann ging Macek noch weiter: Er kontaktierte sämtliche Betriebe, die er auf die Schnelle finden konnte. «Und dann ‹hets gräblet›.» Macek erhielt laufend weitere Rückmeldungen. Auch die eines Betriebes, welcher 2016 bereits Anzeige gegen T. eingereicht hatte. Dieser leitete ihm ein Schreiben der Staatsanwaltschaft bezüglich Beteiligung am Verfahren weiter, das damals an alle mutmasslichen Geschädigten weitergeleitet wurde: Rund 70 Geschäfte und Privatpersonen. Als er das gesehen habe, sei seine Welt zusammengebrochen, so Macek, der bisher nur von einzelnen Vorfällen gehört hatte. «Warum wurde vor dem Mann nie gewarnt? Wie viele Opfer braucht es denn noch?»

Verfahren läuft seit 2014

Die Schilderungen von Macek führen tatsächlich zu einigen Fragen. Auf Anfrage kann die Solothurner Staatsanwaltschaft einige davon beantworten. Mediensprecherin Cony Zubler weist aber darauf hin, dass es sich um ein grundsätzlich geheimes Verfahren handelt. Auch gilt die Unschuldsvermutung für T. Zubler bestätigt, dass seit 2014 gegen diesen eine Untersuchung läuft. Wegen mehrfachen Betrugs, mehrfacher Urkundenfälschung und mehrfacher Veruntreuung. Weiter schreibt Zubler: «Der Beschuldigte befand sich während rund drei Monaten in Untersuchungshaft.» Seither nicht mehr. «Eine Person kann lediglich so lange in Untersuchungshaft gehalten werden, wie sogenannte Haftgründe bestehen.» Diese sind laut Zubler etwa Fluchtgefahr oder die Gefahr, dass Beweise vernichtet würden. Die Anordnung der Haft muss zudem verhältnismässig sein – in der Schweiz wird also niemand weggesperrt, weil er beschuldigt wird, Kameras zu klauen.

Die Untersuchung läuft nach wie vor. Zubler erklärt, die Solothurner Staatsanwaltschaft habe zahlreiche andere Strafverfahren aus verschiedenen Kantonen übernehmen müssen. «Es handelt sich um viele Einzelfälle, welche ermittelt werden müssen und deren Klärung mit grossem Aufwand verbunden ist.» Mittlerweile geht es um rund 90 Geschädigte und eine Deliktsumme von 130'000 Franken.

Mehr als finanzieller Schaden

Laut Macek geht es aber nicht nur ums Geld. Auch wenn er Materialschaden und Einbussen von späteren stornierten Mieten von rund 9'000 Franken davonträgt. Das mache einen halben Jahresumsatz aus. «Das Ganze ist sehr frustrierend», erklärt Macek. Schwer wiegt aber auch der Vertrauensbruch. «Man sieht einander in die Augen, schüttelt sich die Hand – und dann wird man betrogen.» Viele Kamera-Verleihbetriebe seien eher klein und könnten sich keine teuren Versicherungen leisten. Ein solcher Betrug könne für diese verheerend sein.