Metzerlen
Wie kommt Mozarts Notenhandschrift ins Kloster Mariastein?

In den nächsten Tagen besuchen die Solothurner Regierungsräte das Kloster Mariastein. Sie werden dabei auch ein Notenblatt zu sehen bekommen, das aus der Feder von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) stammt.

Stefan Frech
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Die Vorderseite des Notenblattes mit Mozarts Notenhandschrift (oben)
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Die Rückseite des Notenblattes mit Mozarts Notenhandschrift (oben)
Musikwissenschafterin Gabriella Hanke Knaus und Benediktinerpater Armin bei der Katalogisierung
Musikwissenschafterin Gabriella Hanke Knaus untersucht das Notenblatt mit Mozarts Handschrift
Musikwissenschafterin Gabriella Hanke Knaus untersucht das Notenblatt mit Mozarts Handschrift
Musikwissenschafterin Gabriella Hanke Knaus und Benediktinerpater Armin bei der Katalogisierung
Mozarts Notenhandschrift im Kloster Mariastein wird öffentlich zugänglich

Die Vorderseite des Notenblattes mit Mozarts Notenhandschrift (oben)

Zur Verfügung gestellt

Die Notenhandschrift des weltberühmten Komponisten bildet das Glanzstück der klösterlichen Musiksammlung, die bisher kaum zugänglich war, jetzt aber von der Berner Musikwissenschafterin Gabriella Hanke Knaus geordnet und katalogisiert wird. Doch wie um Himmels willen gelangte eine Notenhandschrift von Mozart aus Wien ins beschauliche Mariastein im Kanton Solothurn? «Das ist eine lange Geschichte und sie ist nicht vollständig belegbar», erklärt Hanke Knaus. Die Witwe von Mozart hatte dessen Nachlass an den Musikverleger Johann Anton André in Offenbach verkauft. Als dieser 1842 starb, teilten sich seine vier Kinder die Sammlung von rund 270 Handschriften Mozarts auf.

Einer der Söhne, Julius André, war Orgelexperte, genauso wie der Mariasteiner Benediktinermönch Leo Stöcklin, der spätere Abt des Klosters. «Sie haben sich vermutlich auf einer Orgelreise Stöcklins in Deutschland kennen gelernt», erklärt Hanke Knaus. «Ob André die Notenhandschrift Mozarts Stöcklin geschenkt oder verkauft hat, ist nicht bekannt. Im Archiv des Klosters haben wir keine Anhaltspunkte gefunden.» Jedenfalls bezeugte Julius André im Jahr 1847 auf dem Notenblatt, dass es sich um eine Original-Komposition Mozarts handelt. Die Echtheit haben seither auch mehrere Forscher nachgewiesen.

Kanon auf der Vorderseite

Bei der Mariasteiner Mozart-Notenhandschrift handelt es sich um ein Notenblatt, dessen oberer Teil weggeschnitten wurde – vermutlich, bevor die Handschrift nach Mariastein gelangte. Auf der Vorderseite (siehe Abbildung oben) ist ein Fragment des dreichörigen Kanons «Kyrie eleison» zu sehen. Unter den vier Singstimmen ist die Orgelstimme (bezifferter Bass) notiert. Die lediglich sieben Takte wurden übrigens im Kloster Mariastein in der zweiten Hälfte der 1980er Jahren aufgeführt. Auf der Rückseite des Notenblattes befindet sich der sogenannte Unterkanon (vier Tenorstimmen) eines Kanons für acht Sopran- und vier Tenorstimmen. «Es ist nicht klar, wann Mozart diese Kompositionsstudien gemacht hat, man geht aber vom Jahr 1772 aus», sagt die Berner Musikwissenschafterin Gabriella Hanke Knaus. Beim Vermerk «Mozarts Handschrift» rechts oben auf der Vorderseite (siehe Abbildung) handelt es sich nachweislich um die Handschrift von Georg Nikolaus Nissen, dem Ehemann von Mozarts Witwe. Links unten bezeugt der spätere Besitzer der Notenhandschrift, Julius André, mit Unterschrift und Siegel, dass es sich um die Handschrift und Komposition von Mozart handelt. Unten rechts hat Pater Markus Bär, Prior des Klosters Mariastein, im Jahr 1972 die Echtheit durch wissenschaftliche Mitarbeiter der Stiftung Mozarteum Salzburg bestätigen lassen. In der Schweiz befinden sich weniger als 20 Notenhandschriften von Mozart, die bisher bekannt sind. Im Kloster Einsiedeln liegen Skizzen zur «Pariser-Sinfonie». (sff)

Abgesehen von dieser Geschichte ist es für Gabriella Hanke Knaus gar nicht so abwegig, dass Mozarts Komposition den Weg ins Kloster Mariastein gefunden hat. Einerseits handelt es sich bei Mozarts Noten um das Fragment des dreichörigen Kanons «Kyrie eleison», also um Kirchenmusik. «Die Benediktiner messen der Musik einen herausragenden Stellenwert zu», sagt Hanke Knaus und verweist dabei auf die Regel des heiligen Benedikt: «Siebenmal am Tag singe ich Dein Lob.»

Wie in anderen Klöstern wurde in Mariastein selber komponiert, aber auch abgeschrieben und aufgeführt. So stiess die Berner Musikwissenschafterin bei ihrer Arbeit im Kloster auch auf eine der frühesten Abschriften von Mozarts Singspiel «Die Entführung aus dem Serail» (1782, die Abschrift stammt von 1818) und Joseph Haydns Oratorium «Die Schöpfung» (1798, Abschrift 1832).

«Die Benediktiner haben ein ausgeprägtes Sensorium für neue Entwicklungen in der Musik», sagt Hanke Knaus. So seien die Werke von Mozart und Haydn im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts nicht sehr verbreitet gewesen. «Dass auch nicht geistliche Musik wie ein Singspiel von Mozart im Kloster abgeschrieben wurde, ist nicht aussergewöhnlich», erklärt Hanke Knaus. «Die Benediktiner in Mariastein haben ihren Nachwuchs selber ausgebildet.» Zur Ausbildung gehörte auch das Schultheater. «Es ist daher nicht verwunderlich, dass in der Musiksammlung auch Singspiele und Operetten zu finden sind.»

Seit Sommer 2010 ist Gabriella Hanke Knaus damit beschäftigt, die bis ins Jahr 1720 zurückreichende Sammlung von Notenhandschriften und -drucken zu ordnen, säubern, katalogisieren und in säurefreie Schachteln zu verpacken. Unterstützt wird sie von Pater Lukas Schenker, dem früheren Abt und heutigen Klosterarchivar, und vom Organisten Pater Armin Russi, der die Drucke ab 1850 katalogisiert. Nebst verschiedenen Stiftungen und privaten Spendern hat sich der Regierungsrat mit Lotteriefondsgeld an der Reorganisation der Musiksammlung mit Kosten von rund 400 000 Franken beteiligt.

Nach Abschluss der Arbeiten soll der Katalog auf Wunsch der Klostergemeinschaft über die Website des Klosters Mariastein zugänglich gemacht werden. «So können Forscher und Interpreten mit der einmaligen Sammlung in Mariastein arbeiten». erklärt Gabriella Hanke Knaus. Die Hoffnung ist, dass handschriftlich überlieferte Werke wieder aufgeführt werden oder Noteneditionen entstehen.

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