Ägypten

Wie eine Solothurnerin die Chaos-Tage in Ägypten erlebt

Die Strassen in der Innenstadt von Hurghada sind nicht mehr so verstopft wie früher. Diesel und Benzin fehlen oft. zvg

Die Strassen in der Innenstadt von Hurghada sind nicht mehr so verstopft wie früher. Diesel und Benzin fehlen oft. zvg

Der Alltag in Ägypten ist heute schwieriger denn je. Demonstrationen, fehlende Strukturen und ein Land, das auch wirtschaftlich am Boden ist. Erste Hotels mussten bereits chliessen. Mittendrin ist die Solothurnerin Kindergärtnerin Chantal Kury.

Wenn etwas von der Revolution vom Januar 2011 geblieben ist, ist es, dass wir einfache Menschen endlich eine Stimme haben.» Das sagt Ibrahim Aziz, in dessen Laden ich mich begebe, weil ich mir überhaupt keinen Reim darauf machen kann, warum am späten Nachmittag des 19. Februar Hurghadas Strassen notdürftig gesperrt sind. Warum ein beissender Geruch nach Rauch in der Luft liegt und Hunderte von Menschen die Strassen bevölkern.

Eines fällt mir jedoch sofort auf: Es ist ruhig, keine lauten Stimmen, kein Geschrei, keine skandierten Parolen wie damals nach der Wahl von Mohammed Mursi. Grund ist Gerüchten nach ein Streit zweier Familienclans. Händler Ibrahim erzählt, was passiert sein soll. Doch so richtig weiss er es auch nicht, obwohl solche Schauergeschichten immer schnell die Runde machen. Ein Streit zweier Familienclans sei eskaliert, dabei habe man den Mann, der als «Schlichter» eingesetzt wurde, erstochen und weitere fünf schwer verletzt. Es gibt zwei Versionen des Vorfalls. Die eine ist, dass die Menschen, aufgebracht darüber, dass keine Polizei vor Ort ist, die Strassen sperrten. Die andere, wahrscheinlichere Version lautet, dass die Familie des Ermordeten mit der Strassenblockade die Polizei in die Knie zwingen will, um ihnen den Verbrecher auszuliefern, um die Sache «nach ihrer Art» zu erledigen.

Land wird langsam zugrunde gerichtet

Es ist traurig, hilflos zusehen zu müssen, wie ein Land langsam zugrunde gerichtet wird. Benzin gibt es nur noch in kleinen Mengen, tagelang harren Lastwagen und Busse in langen Warteschlangen aus, um eine halbe Tankladung Diesel zu ergattern. Natürlich spüren wir die Benzinknappheit auch im Alltag. Beinahe täglich fallen Arbeiterbusse aus, weil sie nicht betankt werden können. Priorität haben die Touristenbusse. Die Supermärkte klagen über leere Regale, weil der Nachschub nicht ankommt. Im Gespräch mit Einheimischen wird klar, dass sie sich betrogen fühlen, im Stich gelassen von einer Regierung, die unberechenbar und parteiisch agiert. «Wir sind vom Regen in die Traufe geraten. Die Menschen sind entzweit. Jeder ist sich selbst der Nächste. Konflikte werden mit der Faust geregelt. Das ist nicht im Sinne von Allah», sagt Händler Ibrahim Aziz resigniert.

Dieser Vorfall vom letzten Dienstag hat einmal mehr gezeigt, dass es unglaublich schwierig ist, in Ägypten demokratische Strukturen einzuführen und aufrechtzuerhalten. «Die einfachen Leute aus den ländlichen Provinzen haben nichts mit Revolution oder Demokratie am Hut», erklärt Ibrahim weiter, «die haben ihre eigenen Gesetze. Diese Menschen wollen bloss Brot und Arbeit und ein Dach über dem Kopf.»

Viele Minderheiten

Die Menschen vom Tahrir-Platz, die Initianten der Januar-Revolution, werden immer eine Minderheit bleiben. Es müsste aber einer Regierung gelingen, alle Menschen im Land zu erreichen, und es scheint, dass dies genau Mursis Problem ist. Es leben nicht nur Muslime in Ägypten, auch die Kopten pochen auf ihre Rechte. Nach der Wahl Mursis fürchteten viele Kopten, nun massiv in ihren Rechten und ihrem Glauben eingeschränkt zu werden.

Genau so ergeht es den Frauen beider Religionen. Auch sie haben Angst vor einer Islamisierung. Ich erinnere mich, dass noch vor fünf Jahren der Ganzkörperschleier in Hurghada eine Seltenheit war. Heute sieht man ihn immer öfter. Noch herrscht zwar kein Verschleierungsgesetz für Frauen, doch viele sind vorsichtig geworden, wollen nicht anecken. Ganz anders agierte da eine mutige Gruppe Muslimas, die sich öffentlich aus Protest gegen die neue Regierung die langen Haare abschnitt. Die Frauen werden langsam wieder in die Häuser zurückgedrängt, im öffentlichen Leben sieht man sie immer weniger, und wenn, dann mit männlicher Begleitung. Auch die Zeit der allzu legeren Kleidung scheint passé. Vielleicht liegt es auch am ägyptischen Winter, doch kurze Röcke und tiefere Ausschnitte sind aus dem Strassenbild verschwunden. Arbeitslosigkeit, Analphabetismus und sinkende Tourismuszahlen sind die Grundprobleme, die sich nicht verändert haben und die Sorgen bereiten.

Hotels müssen schliessen

Die Hotelkette meines Arbeitgebers kann sich zwar nicht über sinkende Gästezahlen beklagen, doch es gibt Hotels, die schliessen mussten. Noch kommen Gäste nach Ägypten, doch mit einer gewissen Vorsicht und Verhaltenheit. Einkaufstouren in die Altstadt oder ein Kameltrekking in der Arabischen Wüste sind nicht mehr ohne Reiseleitung und Sicherheitskonvoi möglich. Zusätzlich hat nun noch der schreckliche Ballonunfall von Luxor gezeigt, dass momentan nur Badeurlaub in einem Hotelresort sicher ist. Ausflüge nach Kairo sind schon lange nicht mehr gefragt. Wir haben mehr als ein Imageproblem in Ägypten.

Dennoch, wer Land und Leute kennt weiss, dass die Ägypter ihre Sorgen weglächeln. «Das Leben geht weiter, eines Tages haben wir einen Präsidenten, der unser Land wieder aufrichtet, dann scheint die Sonne wieder über uns.» Ein Philosoph könnte er sein, dieser Ibrahim Aziz, wäre er nicht in seinem kleinen Souvenirladen!

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